Mehr Komfort dank NFC

NFC bietet Business-Perspektiven

Jürgen Hill
Jürgen Hill ist Teamleiter Technologie der COMPUTERWOCHE. Thematisch ist der studierte Diplom-Journalist und Informatiker im Bereich Communications mit all seinen Facetten zuhause. 
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Mobiles Bezahlen und Ticket-Ersatz, darauf reduziert sich meist die Diskussion um Near Field Communication. Doch die Technik erlaubt viel mehr, wie unsere Beispiele zeigen.
Foto: vege; Huseyin Bas, Fotolia; HID Global; NXP; NFCWorld; Deutscher Sparkassen- und Giroverband

Einchecken per Handy, online den Sitzplatz wählen und die Bordkarte in elektronischer Form auf dem Smartphone speichern - was beim Fliegen im Jahr 2012 langsam eine Selbstverständlichkeit wird, könnte auch bald in anderen Bereichen zum Alltag gehören. Warum stellen wir uns etwa abends im Hotel noch in eine Schlange, um uns anzumelden und eine Magnetkarte als Zimmerschlüssel zu erhalten?

Warum kann der Geschäftsreisende nicht schon unterwegs einchecken und Zimmernummer sowie Zugangsberechtigung over the Air (OTA) auf sein Smartphone überspielt bekommen? Genau diese Frage stellte man sich im Clarion Hotel in Stockholm. 2011 entstand zur Lösung der Aufgabe ein gemeinsames Pilotprojekt von Assa Abloy, Nordic Choice Hotels, Giesecke & Devrient, TeliaSonera und Vingcard Elsafe. Es ging darum, den Zugang zu Hotelzimmern über NFC-fähige Handys zu ermöglichen. "Eine Umfrage hatte gezeigt, dass 60 Prozent unserer Gäste Hotelangebote über NFC begrüßen würden", sagt Marcus Majewski, General Manager in dem Stockholmer Hotel. Viele Gäste hatten denn auch gleich eine Wunschliste mit weiteren NFC-Anwendungen parat, etwa für das Bezahlen von Essen, Getränken und Hoteldienstleistungen. Eine Mehrheit der Befragten wünschte sich außerdem Informationen über das Hotel und dessen Leistungen, also etwa Lagepläne, die Speisekarte des Zimmerservice, Spa- und Sportangebote sowie Informationen über Restaurants, Bars und öffentliche Verkehrsmittel.

Grundsätzlich lassen sich schon heute Anwendungen für NFC-Sicherheitsmodule rea-lisieren, die in der Lage sind, Zutrittsinformationen auf NFC-Smartphones bereitzustellen, erklärt Thomas Müller, bei HID Global für Endkundenlösungen zuständig. Sein Unternehmen hat etwa an einem Projekt der Arizona State University mitgearbeitet. Hier können die Studenten über NFC ihre Zimmer öffnen oder Zugang zu studentischen Einrichtungen erlangen. Im Business-Umfeld sieht Müller in der Verwendung von NFC als Zugangsschlüssel ein großes Potenzial, um die Effizienz von Servicetechnikern zu steigern, "wenn die keine Umwege mehr fahren müssen, um Zugangschlüssel zu erhalten, sondern sie elektronisch OTA bekommen". Seit Ende März arbeitet HID Global mit NXP zusammen an der Entwicklung generischer Mobile-Access-Lösung (Firmenzutritt, Parkgaragen etc.) für NFC-fähige Mobiltelefone.

Für Furore in Sachen NFC sorgte im April dieses Jahres das US-Magazin "Wired". Gemeinsam mit dem Fahrzeughersteller Lexus druckte das Magazin die erste Anzeige, in die ein NFC-Tag eingebettet war. Das Anzeigenmotiv forderte die Leser auf, ihr NFC-Smartphone kurz auf das Bild des neuen Lexus-Entertainment-Systems zu legen, um auf dem Handy eine Demo der "Lexus GS 2013`s Enform App Suite" zu starten. In der Verknüpfung von klassischer Print-Werbung mit moderner Mobilfunktechnik sieht Brian Bolain, Marketing Communications Manager für Lexus in den USA, die Chance, "dem Leser eine neue Technologie so live zu erklären, wie das mit Worten nicht möglich ist".

Die Integration der NFC-Tags in den Druckprozess übernahm im Fall von "Wired" dessen Druckerei. Denn nicht die Kosten für die NFC-Tags, sondern die Verarbeitung ist laut Michael Maader, Global Head of Communications BU Identification bei NXP (dem NFC-Lieferanten im Beispiel Wired) eine Herausforderung. Das bedeutet unter anderem, dass nach dem Einbetten der Tags in das Papier kein zu großer Druck mehr ausgeübt werden darf. Außerdem muss die Elektrostatik beachtet werden.

Zielgerichtetes Marketing

Damit ist das Marketing-Potenzial der NFC-Technik noch lange nicht erschöpft, wie Jeff Miles, Vice President Mobile Transactions Worldwide bei NXP, erklärt. "Weitere Anwendungen sind Proximity-Marketing oder NFC-Advertising sowie Social-Local- beziehungsweise Rabatt- und Couponservices." Selbst für Spiele findet NFC Verwendung. Bei dem Spiel "Angry Birds" etwa lassen sich zusätzliche Levels durch Plüschtiere mit NFC-Tags freischalten. "Diese Services sind so attraktiv, weil sie sofortigen Mehrwert für Verbraucher und Anbieter bringen", meint Miles. Für Händler und Shop-Betreiber ist NFC deshalb interessant, weil es eine direkte Kommunikation mit dem Kunden (Coupons, Treuemarken, Sonderangebote) ermöglicht. Gleiches gilt für den Social-Media-Checkin: So kann heute jeder per GPS in der Nähe von Läden oder Handelshäusern geortet werden, um sich über Foursquare oder Facebook einzuchecken, auch wenn er noch hunderte Meter entfernt ist.

NFC vereinfacht Bluetooth-Pairing

NXP-Manager Miles rät, NFC nicht nur aus der Mobilfunkperspektive zu betrachten. Die Technik biete unterschiedlichen Industrien, beispielsweise den Autobauern oder den Herstellern von Haushaltsgeräten, enorme Perspektiven. Im Schwabenland hat man das offenbar erkannt: Der Daimler-Konzern will die NFC-Technik erstmals 2013 verbauen.

Im Rahmen ihrer Telematikstrategie "@yourComand" planen die Stuttgarter, die Bedienung ihres Multimedia-Systems "Comand Online" zu vereinfachen. Will der User heute mit dem System online gehen, muss er sein Smartphone händisch per Bluetooth mit Comand verbinden. Diese Bluetooth-typischen Pairing-Prozesse wie Gerätesuche, Auswahl und Austausch des Pass-Codes könnten mit NFC künftig entfallen. Das Smartphone muss lediglich an die per NFC-Logo gekennzeichnete Fläche gehalten und der Verbindungswunsch bestätigt werden.

Auf ähnliche Weise könnte auch die Nutzung von WLAN-Hotspots vereinfacht werden. "Wenn ich als Unternehmen in allen meinen Filialen einen WLAN-Zugang bereitstelle und der Kunde nur kurz sein NFC- Handy vor ein NFC-Tag halten muss, um automatisch sein WLAN zu aktivieren", beschreibt HID-Global-Manager Müller ein weiteres Verwendungsszenario. Dabei würden dann der Hotspot ausgewählt, das Passwort eingetragen, die Website der Filiale aufgerufen und der Kunde über deren aktuelle Aktionen informiert.

Letztlich, so Dieter Lange, Partner im Bereich Telecom, Media, Technology bei der Beratungsgesellschaft Deloitte, wird kaum ein Entscheider an dem Thema Near Field Communication vorbeikommen. Auf der Suche nach entsprechenden Anwendungen rät Langes Kollege Peter Fach, Senior Manager Technology, Media & Telecommunications bei Deloitte, auf Folgendes zu achten: "Die Dienste sollten sinnvoll miteinander kombinierbar sein. Gerade darin werden sich die erfolgreichen Angebote abheben können." (sjf)

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