Neutrale Berater müssen "Heilige Kühe" schlachten

30.08.1985

Dieter Jennrich, Geschäftsführer der Network Consult Gesellschaft für Datennetzwerk Beratung mbH, Köln

Die Komplexität und Innovationsfreudigkeit der DV- und Kommunikationstechnologie verursacht eine zunehmende Intransparenz des Marktes und verunsichert die Entscheidungsträger. Der Ruf nach dem Berater und entscheidungsunterstützenden Informationen bleibt daher nicht aus. Die Reizworte "Herstellerunabhängigkeit- und -neutralität" scheinen vorherrschend die Arbeit dieser Gruppe in Frage zu stellen. Generell ist der Forderung - bei oberflächlicher Betrachtung - zuzustimmen. Am Beispiel der zunehmenden Dezentralisierung und der damit verbundenen Konzepterstellung zeigt sich, daß hier nicht mit einer dicken Tip-Provision für die Präferenz einer speziellen Hardware zu rechnen ist, sondern die Konzepte auf den TP-Möglichkeiten eines vorhandenen Rechners basieren. Vom Berater werden profunde Kenntnisse der Datenfernübertragung mit ihrer Vielzahl von Protokollen, Prozeduren und Datendiensten gefordert.

Hersteller- oder Systemunabhängigkeit ist also keine fundamentale Forderung. Trotzdem kann der Kunde sicher sein, objektiv beraten zu werden und Alternativvorschläge als Entscheidungsgrundlage zur Verfügung zu haben. Fehlentscheidungen können, somit ausgeschaltet werden. Natürlich ist auch der Berater kein Allround-Genie und hat sein Wissen bei Herstellern, Anbietern oder Anwendern erworben. Diese Grundkenntnisse brauchen nicht zur Einschränkung der Objektivität zu führen, wenn der Wille zur kompromißlosen Bewertung verschiedener Systeme vorhanden ist. Als Quintessenz kristallisiert sich die Aufgabenstellung und die Größenordnung eines Projektes als Auswahlkriterien für externe Berater heraus. Liegt die Aufgabe in der Konzeptionsphase - das heißt, es sind weder Entscheidungen über Hard - noch Softwareeinsatz gefallen -, ist eine herstellerunabhängige, objektive Beratung eine fundamentale Forderung. Hier wird auch nicht der EDV-Profi gesucht, sondern der Berater mit betriebswirtschaftlichem Wissen und organisatorischen Kenntnissen über Unternehmensstrukturen und Managementformen. Aus den betriebsinternen Abläufen, teils historisch gewachsen und uneffektiv, muß er ein in jeder Hinsicht optimales Konzept erarbeiten.

Oft ist er der einzige, der "Heilige Kühe" schlachten darf: eine zusätzliche Belastung im zwischenmenschlichen Bereich, wenn es heißt, verschiedene Konzeptvorstellungen zu vereinen oder zu verwerfen, um ein einheitliches, zukunftsorientiertes Konzept mit der Akzeptanz aller Beteiligten durchzusetzen. Diplomatisches Verhandlungsgeschick und Argumentation auf der Basis exponierten Fachwissens sind hier die Schlüssel zum Erfolg.

Aber auch der umgekehrte Fall ist vorstellbar und wird, Gott sei Dank selten, praktiziert. Nämlich die totale Schuldzuweisung wegen seines sich verzögernden oder noch uneffektiv arbeitenden Projektes. Die Einigkeit aller sonst konträr argumentierenden Gruppierungen innerhalb eines Unternehmens ist in solchen Fällen verblüffend ... Doch zurück zum Beratereinsatz.

Bei großen Projekten können sich ohne weiteres durch verteilte Aufgabenstellung um abhängige Berater und solche mit einem systemspezifichen Fachwissen ergänzen und somit dem Kunden ein Optimum an Informationen in der Planungs- und Realisierungsphase zur Verfügung stellen. Hier wird bereits eine weitere Forderung an Beratungsunternehmen deutlich. Der Einzelkämpfer alten Stiles kann in den nächsten Jahren die Anforderungen des Marktes nicht mehr abdecken. Er ist gut beraten, sein Know-how in das Team einer großen Unternehmensberatung einzubringen.

Die Bereitstellung eines umfangreichen Leistungs- und Beratungsangebotes, das sowohl herstellerneutrale Unterstützung in der Konzeptionsphase als auch fundierte, systemgebundene Fachberatung in der Realisierungsphase bietet, zeichnet die zukunftsorientierte Beratung aus.

Ein Wort soll hier zu der in unseren Landen immer noch existierenden Hemmschwelle beim Einsatz externer Berater angefügt werden. Was in den USA selbstverständlich ist, setzt sich hier nur zögernd durch. Ich spreche nicht von Großunternehmen, in denen externe Berater bereits Lebensstellungen einnehmen, sondern von den vielen mittelständischen Unternehmen, die jene besagte Hemmschwelle überspringen müssen. Die Beratungskosten sollten dabei kein Hindernis sein, da sie teilweise von Bund und Land bezuschußt werden können.

Auch das Gefühl, als Unternehmer unwissend einem EDV-Profi gegenüberzusitzen, darf kein Grund zur Zurückhaltung sein. Die Kunst, komplizierte Vorgänge ohne Benutzung der kompletten Fachterminologie darzustellen, ist ein Vorzug eines guten Beraters. Nur durch beiderseitige Akzeptanz der Persönlichkeit und Verständnis der Problemstellung und -lösung kam ein für das Unternehmen optimales Konzept realisiert werden.

Durch Kosten- und Wettbewerbsdruck wird sich früher oder später jedes mittelständische Unternehmen mit Rationalisierungsmaßnahmen beschäftigen müssen. Diese beginnen meist mit dem Einsatz der EDV. Bereits in der frühen Planungsphase sollte ein externer Berater in die Überlegungen einbezogen werden.

Bei großen Unternehmen ist es der außerordentlich starke Innovationsdruck, der in vielen Bereichen eine laufende Anpassung und flexible Organisationsformen erfordert. Hier ist der kurzfristige Einsatz eines Experten oft günstiger als die Schulung interner Mitarbeiter, denen meistens die Marktübersicht fehlt. Wissenstransfer durch Teamarbeit am Projekt ist die effektivste Form der Mitarbeiterschulung. Hier werden Theorie und Praxis durch Aufgabenstellung und Diskussion vermittelt.

Selbst bei einem eigenem Stab qualifizierter Mitarbeiter kann der Einsatz externer, neutraler Berater sinnvoll sein, wenn durch eingefahrene Vorgehensweisen oder Betriebsblindheit Fehlentscheidungen vermieden werden sollen. Durch den Einsatz in verschiedenen Projekten, die Vielfalt der Problemstellungen, die Lösungen und Konzepte wird der externe Berater immer mehr Erfahrung in ein neues Projekt einbringen, als sie im eigenen Hause verfügbar ist.