Von Smartphones, Natursauerteig und Vordrängeln

Neulich ... beim Bäcker

Jan-Bernd Meyer betreut als leitender Redakteur Sonderpublikationen und -projekte der COMPUTERWOCHE. Auch für die im Auftrag der Deutschen Messe AG publizierten "CeBIT News" ist Meyer zuständig. Inhaltlich betreut er darüber hinaus Hardware- und Green-IT- bzw. Nachhaltigkeitsthemen sowie alles was mit politischen Hintergründen in der ITK-Szene zu tun hat.   
Blickkontakt Fehlanzeige: Ob in der S-Bahn, im Meeting, im Restaurant - überall starren Menschen auf die Bildschirme ihrer Handys. Das gefällt nicht jedem ...

Die moderne Verhaltenspsychologie macht sich bekanntlich seit geraumer Zeit Gedanken über den Geisteszustand insbesondere jüngerer Menschen. Solcher Zeitgenossen jedenfalls, die im Alltag ihren Blick nicht mehr von ihren Mobiltelefonen lösen können oder wollen.

Wie es bei gesellschaftlichen Phänomenen immer so ist, werden gravierende sozio-kulturelle Veränderungen von den Wissenschaftlern auf unterschiedlichen Ebenen angegangen. Dabei ergeben sich Erkenntnisse, die die Menschheit manchmal erschüttern - oder nicht.

Zum hier zu besprechenden Phänomen der Handy-Nutzung im öffentlichen Raum gibt es unterschiedliche wissenschaftliche Ansätze. Der biomorphe etwa versucht zu ergründen, ob künftige Generationen zuüberdimensionalen Daumengrößen neigen werden. Eine Ansicht, die nicht unumstritten ist, weil es Forscher gibt, die behaupten, ein signifikanter Anteil der weltweiten Handy-Nutzer würde ihre Mobilgeräte nicht vorzugsweise mit dem Daumen, sondern eher mit dem Zeigefinger bedienen. Hier muss unbedingt weiter geforscht werden.

Facebook killt Konzentration

Eine etwas weiter gefasste Untersuchung, die Microsoft in Auftrag gegeben und deren Ergebnisse das Softwareunternehmen gerade erst vorgestellt hat, besagt Folgendes: Die Dauer der Aufmerksamkeit und Konzentration bei Menschen ist heutzutage auf acht Sekunden geschrumpft. Hierfür seien die neuen Medien und deren Trägerplattformen wie etwa Mobilgeräte verantwortlich.

Die ständige Abfolge neuer, noch neuerer und neuester Ereignisse in Zeitleisten von Facebook, Twitter, in journalistischen Häppchendarbietungen und so weiter würde dazu führen, dass Menschen sich heutzutage nur noch für eben diese kurze Zeitspanne auf ein bestimmtes Thema konzentrieren können. Das sind - sollte sich diese Untersuchung bewahrheiten - schlechte Nachrichten für den Büchermarkt und eben alle News, deren Verstehen länger als acht Sekunden benötigen. Abgesehen davon wird hier aber natürlich das Kernthema schlechthin des heutigen Medienkonsumsangesprochen: die Aufmerksamkeit!

Montag in der Hofpfisterei

Womit wir an einem Montagabend im Bäckerladen der Münchner Hofpfisterei in der Hohenzollernstraße 2a in 80801 München angelangt sind.

Selten ist es beim Bäcker so leer: Bei manch einem stehen die Kunde Schlange, besonders wenn gegen Abend die Preise purzeln.
Selten ist es beim Bäcker so leer: Bei manch einem stehen die Kunde Schlange, besonders wenn gegen Abend die Preise purzeln.
Foto: racorn_shutterstock

Montage sind bei der Hofpfisterei insofern bemerkenswerte und wichtige Tage, weil nur dann die in der Münchner Bevölkerung offensichtlich überaus beliebte Brotsorte "Pfister Öko-Rustikal schwarz" verkauft wird. Dieses Natursauerteigbrot wird innen mild, außen aber krustig und schwarz gebacken. Die Brotsorte wird - O-Ton Hofpfisterei - "bewusst mit höheren Temperaturen sehr dunkel bis schwarz gebacken". die Acrylamidwertelägen dennoch unter dem empfohlenen Richtwert- so die bereits 1331 urkundlich nachgewiesene Bäckerei.

Seit es Donnerstage gibt und trotz dieser erhöhten Acrylamidwerte- mir fällt da jedesmal in Anlehnung an einen Doonesbury-Buchtitel von G.B. Trudeau ein: "A tadAcrylamid but a breadcrusttodie for" -; seitdem also stehen die Menschen Schlange bei der Hofpfisterei. Der Effekt verstärkt sich noch dadurch, dass in deren Filialen ab 18 Uhr Abschläge auf Brotprodukte gewährt werden. Zu dem Zeitpunkt ist "Pfister Öko-Rustikal schwarz" natürlich längst ausverkauft. Clevere Zeitgenossen haben aber natürlich telefonisch reserviert.

Soweit das Setting zum Verständnis. Ich stehe also in der Schlange. Um mir die Zeit bis zur Aushändigung des mit eben diesen Stabilisatoren und Flockungsmitteln versehenen Brots zu verkürzen, lese ich auf meinem Smartphone ein paar Mails, beantworte auch eine.

Der Vordrängler

Auftritt mittelalterlicher Mann mit - ja wirklich - Jutebeutel. Der drängelt sich von hinten an mir vorbei. Schaut mich mit didaktisch strengem Blick herausfordernd an. Ein Zweifel ist unmöglich: Der Kerl hat sich vorgedrängelt. Quasi demonstrativ vorgedrängelt. Mir schwant, dass das eine Inszenierung sein könnte.

Vorsichtige Anfrage: "Wieso haben Sie sich jetzt vorgedrängelt?" Herablassende Antwort: "Sie waren ja mit Ihrem Handy beschäftigt!" Also tatsächlich eine Inszenierung. Hier nun hatte Mr. Jutebeutel mich auf meinem schwachen Fuß erwischt. Schon immer plagen mich bei der Lektüre von Biographien etwa von Albert Einstein und dergleichen Kaliber massive Minderwertigkeitsgefühle bezüglich meiner intellektuellen Fähigkeiten. Genau diesen Punkt traf der Mann. Denn sofort fragte ich mich in Ermangelung einer mir eingängigen Logik: "Was hat meine Handy-Nutzung mit seinem gebieterischen Verhalten zu tun?" Mal wieder stand ich auf der Leitung, wollte mich aber trotzdem nicht so leicht geschlagen geben. Also Attacke: "Was hat die Tatsache, dass ich mit meinem Handy beschäftigt bin, damit zu tun, dass Sie sich vordrängeln?"

Ich gebe zu, ich war nur deshalb so mutig, weil ich mir der Unterstützung der Umstehenden sicher sein konnte. Die nämlich zeigten ob der hierzulande wenig geschätzten Vordrängelei Zeichen leichten Unwillens. Weil ich nun eigentlich immer nur geliebt werden will - Gottseidank hat neulich kein Geringerer als Pep Guardiola genau das auch zu Protokoll gegeben -, fühlte ich mich plötzlich stark und schob frech nach: "Ich verstehe Sie echt nicht."

Und wieder hatte ich an diesem Abend Glück: Mittlerweile mischten sich nämlich andere Schlangensteher vehement in die Aufführung ein, ergriffen Partei für mich, bezichtigten den Jutebeutel-Mann, sich einfach vorgedrängelt zu haben, was das denn solle und so ginge es ja nicht und natürlich habe er und überhaupt…

Die dramatische Wendung

An diesem Punkt des Aufruhrs nun erhob der mittlerweile von allen durchaus feindselig angegangene Mann seine Stimme und intonierte diesen einen Satz, der mir vieles über die Nutzung neuer Techniken im Allgemeinen, über Mobiltelefone im Besonderen und über Teile der Bevölkerung sowieso sagte:

"Ich wollte einfach einmal ein Exempel statuieren über die Nutzung von Handys im öffentlichen Raum."

In diesem Augenblick flutete heitere Aufgeräumtheit und großes Verständnis die Filiale der Hofpfisterei in der Hohenzollernstraße 2a in 80801 München an einem Montagabend um 18.05 Uhr.

 

Olaf Barheine

Immerhin hat der Autor noch mitbekommen, dass sich da jemand vorgedrängelt hat. Bei manch anderem wäre das nicht mehr der Fall. Da könnte es ein Erdbeben geben. Der Hammer war einmal ein junges Mädchen, das mir mit dem Smartphone in der Hand direkt vor das Auto lief und mich zu einer Vollbremsung nötigte. Die junge Dame hat gar nicht mitbekommen, dass ich sie um ein Haar auf den Kühler genommen hätte.

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