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Neue US-Bilanzierungsmethode führt zu Rekordabschreibungen

11.01.2002
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MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Finanzexperten sehen in der spektakulären Summe von 40 bis 60 Milliarden Dollar Goodwill-Abschreibung, die AOL Time Warner im ersten Quartal plant (Computerwoche online berichtete), nur die Spitze des Eisbergs. Schätzungen zufolge werden US-Firmen in diesem Jahr insgesamt über eine Billion Dollar als einmalige Sonderausgaben ausweisen. Grund ist die seit dem 1. Januar gültige Bilanzierungsmethode Financial Accounting Standard (FAS) 142. Diese verpflichtet Unternehmen, die nach US-GAAP rechnen, ab sofort jedes Jahr den gesamten Wertverfall ihres Goodwills abzuschreiben. Goodwill entsteht, wenn der Käufer bei einer Firmenübernahme mehr als die Höhe der jeweiligen Marktkapitalisierung bezahlt. Damit honoriert er in der Regel immaterielle Werte wie beispielsweise ein funktionierendes Management, eine Marktposition oder hohe Wachstumsraten. Besonders

während des Dotcom-Booms wurden Firmen häufig extrem phantasievoll bepreist, obwohl sich dahinter oft nur ein kleines Management-Team mit einer zweifelhaften Geschäftsidee verbarg.

Bislang konnten Unternehmen die Ausweisung von Wertverlusten infolge der gesunkenen Marktkapitalisierung einer übernommenen Firma über 40 Jahre strecken und allmählich abschreiben. Außerdem gab es Lücken, die es gestatteten, vergangene Überbewertungen komplett zu vertuschen. Damit ist es nun vorbei. Allerdings ist es den Unternehmen nun möglich, ihren Firmenwert in einem Jahr erheblich niedriger zu bewerten und höhere Goodwill-Abschreibungen als erforderlich vorzunehmen, um im Folgejahr besser dazustehen.

Ähnliche Korrekturen wie AOL Time Warner - jedoch in kleinerem Umfang - nahmen etwa bereits Nortel Networks, AMD und JDS Uniphase im vergangenen Jahr vor. Weitere Kandidaten in der IT-Branche, von denen eine hohe Goodwill-Abschreibung zu erwarten ist, sind etwa Qwest oder Worldcom. IBM und Microsoft gaben dagegen an, sie seien von den Wertberichtigungen nicht betroffen.