Richtlinien sollen Vertrauen schaffen

Neue EU-Standards für Cloud-Verträge

Dan Bieler ist Principal Analyst bei Forrester Research. In seiner Position hilft er CIOs sich besser auf Veränderungen vorzubereiten, die durch digitale Trends in der Informationstechnologie verursacht werden. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Erarbeitung von Strategien in den Bereichen digitale Veränderung von Geschäftsprozessen und Modellen, Collaborative und Shared Economy, sowie der effekiven Nutzung von Netzwerkinfrastruktur um effizienter agieren zu können und Innovation voranzutreiben.
Pascal Matzke ist Country Leader Germany bei Forrester Research.
Vernetzt sein – das ist das Hauptziel in der heutigen Geschäftswelt. Kunden sind vernetzt, Unternehmen sind vernetzt, sogar ihr Auto, ihre Uhr und ihre Sportsocken sind zunehmend verbunden. Dies bedeutet, dass die Reaktionsfähigkeit Ihres Unternehmens auf Anfragen von Kunden, Partnern und Mitarbeitern schneller und zuverlässiger als jemals zuvor sein muss.
Mit neuen Richtlinien und Vorgaben will die EU das Vertrauen in Cloud-Computing stärken.
Mit neuen Richtlinien und Vorgaben will die EU das Vertrauen in Cloud-Computing stärken.
Foto: Yvonne Bogdanski - Fotolia.com

In der vernetzten Welt werden Technologielösungen die auf Cloud Computing basieren, von immer mehr CIOs in Europa bevorzugt. Forrester erwartet, dass europäische Unternehmen ihr Budget für Cloud Computing-Technologien in 2015 und den folgenden Jahren erhöhen werden.

Gleichzeitig sind europäische Regierungen sehr um eine Förderung des Cloud Computing bemüht. Laut einer Schätzung der EU-Kommission aus dem Jahr 2012 beläuft sich die kumulative Auswirkung des Cloud Computing auf das BIP auf 957 Milliarden Euro, was mit der Schaffung von 3,8 Millionen Arbeitsplätzen bis ins Jahr 2020 einhergeht.

Aus diesem Grund entwirft die EU-Kommission eine offizielle Strategie zur Unterstützung und Förderung des Einsatzes von Cloud-Technologie in allen europäischen Wirtschaftsbereichen zur Ankurbelung der Produktivität. Dies beinhaltet die Bereitstellung einer höheren Rechtssicherheit und eines einheitlicheren rechtlichen Rahmens rund um das Cloud Computing in den Mitgliedstaaten der EU.

Neue Standardisierungsrichtlinien zur Förderung des Cloud-Einsatzes

Die Cloud Select Industry Group (C-SIG) der EU-Kommission hat vor kurzem, im Rahmen der umfassenden Digitalen Agenda der EU, die "Cloud Service Level Agreement Standardisation Guidelines" ausgearbeitet und veröffentlicht. Diese stellen einen Teil der Ergebnisse der Cloud-Strategie der EU-Kommission dar. Die Richtlinien sind keine rechtsverbindlichen Vorschriften und liefern keine abschließende Aufführung der vertraglichen Anforderungen für Cloud-Dienste.

Nichtsdestotrotz sind sie eine Sammlung bewährter Verfahren, die den Rahmen für Vertragsverhandlungen über Cloud-Dienste zwischen Benutzern und Anbietern liefern werden. Diese Richtlinien werden insbesondere professionellen Cloud-Nutzern helfen sicherzustellen, dass die wesentlichen Elemente in die Verträge, die sie mit Anbietern von Cloud-Diensten unterzeichnen, in verständlicher Sprache aufgenommen werden.

Die Richtlinien stellen darüber hinaus den EU-Beitrag zur Definition des internationalen Standards für die Cloud-SLAs durch die Arbeitsgruppe ISO/IEC JTC1 dar. Die Richtlinien sind auf den Bereichen Performance, Datensicherheit, Datenmanagement und Schutz personenbezogener Daten aufgebaut (siehe Abbildung).

Service Level Agreements decken verschiedene Service-Level-Ziele in vier Bereichen ab.
Service Level Agreements decken verschiedene Service-Level-Ziele in vier Bereichen ab.
Foto: Forrester Research

Richtlinien und andere Soft Tools erleichtern die Arbeit des CIOs

Mithilfe der neuen Standardisierungsrichtlinien können CIOs nicht nur die Cloud-Angebote leichter vergleichen, sondern auch die datenschutzrechtlichen Rahmenbedingungen besser einhalten. Für die Einhaltung rechtlicher Bestimmungen sind nicht nur mehr ausschließlich die Unternehmensanwälte zuständig. Es ist vielmehr eine der Top-Prioritäten der CIOs in ganz Europa, und zwar branchenübergreifend.

Die Kunden sind sich des Wertes der Daten immer mehr bewusst und erwarten einen wirksamen Schutz ihrer Daten und Privatsphäre. Die gesetzlichen Vorgaben werden strenger und Datenschutzverletzungen mit immer höheren Strafen belegt. Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass erfolgreiche Initiativen zum Schutz von Kundendaten ein unglaubliches Potenzial zur Schaffung neuer Unternehmenswerte bergen.

Bei der Auswahl von Cloud-Lösungen müssen CIOs nicht nur ihre technischen Besonderheiten berücksichtigen, sondern auch die Mechanismen, mit denen sie die vollständige Einhaltung der gesetzlichen Vorschriften, wie zum Beispiel neue Cloud-Standardisierungsrichtlinien, am besten erzielen können. Weitere vergleichbare Soft Tools werden in Kürze folgen. Die EU-Kommission, führende Firmen und Branchenexperten arbeiten zusammen an einem Verhaltenskodex für Anbieter von Cloud-Services und an ausgereifteren Sicherheitszertifizierungen.

Die Datenschutzgesetze der EU verändern die Unternehmenskultur und den Modus Operandi

Die Datenschutzgesetze der EU verändern die Arbeitsweise von Unternehmen in Europa und wie sie hinsichtlich des Schutzes von kundenbezogener Daten planen. Künftig werden sich alle Unternehmen, die Produkte und/oder Dienstleistungen für Kunden in Europa anbieten, an EU-Datenschutzgesetze halten müssen. Und das unabhängig davon, in welchem Land sie ihren Hauptgeschäftssitz haben.

Der Umfang dieser Vorschriften wird mit der Zeit zunehmen: der Entwurf der Datenschutzverordnung zählt beispielsweise ausdrücklich IP-Adressen und Daten hinsichtlich des Geräte-Tracking zu der Art von Daten, die unter die neue Datenschutzgesetze fallen. CIOs müssen sicherstellen, dass ihre Unternehmen die notwendigen Veränderungen in der Unternehmenskultur und Organisationstruktur vornehmen, um sich in diesem komplexen Umfeld behaupten zu können.

Zur Sicherung des Erfolgs ihrer Unternehmen sollten CIOs:

  1. Gemeinsam mit den Cloud-Anbietern Datenschutzmaßnahmen umsetzen. Immer mehr Cloud-Anbieter machen sich mit den Anforderungen und der Systematik der EU-Datenschutzverordnungen vertraut. Viele arbeiten mit den Regulierungsbehörden zusammen, die an der Gestaltung der neuen Vorschriften beteiligt sind, sowie mit Soft Tools, wie den Standardisierungsrichtlinien. Dies führt zu einer langsamen aber stetigen Veränderung der Denkweise in Bezug auf die Einhaltung dieser Vorschriften - und zu besseren Lösungen. Es gilt Anbieter zu finden, die diese Veränderung durchlaufen und den von ihnen gelieferten Mehrwert in Bezug auf eine wirksame Einhaltung der EU-Datenschutzrichtlinien zu nutzen.

  2. Die Sichweise des Unternehmens in Bezug auf den Datenschutz schärfen. Um das Risiko des Scheiterns einzudämmen, muss der Datenschutz in jedem Geschäftsprozess und auf jeder Unternehmensebene berücksichtigt werden. Datenschutzbelange müssen bereits in frühen Diskussionen über die Ausgestaltung neuer Geschäftsprozesse, Lösungen, Produkte und Dienstleistungen für Ihre Kunden Berücksichtigung finden. Lernen Sie von den kreativen Ansätzen digitaler Geschäftsmodelle, von Innovations Gründerzentren, Startup-Accelerators,und neuen Start-ups, in denen CIOs, CMOs, Produkt-Designer, CISOs und CEOs eng zusammensitzen um neue Produkte und Dienstleistungen planen.

  3. Dem CEO den Mehrwert einer wirksamen Sicherheits- und Compliance-Strategie aufzeigen. Ihre Geschäftsmetriken müssen nicht nur die Komponenten Ihrer Technologieagenda abbilden, sondern auch den Mehrwert, der durch die Einführungen dieser Technologieinitiativen für Ihr Unternehmen geschaffen wird. Sicherheit und Datenschutz sind dabei keine Ausnahme: In Zukunft wird ihr Mehrwert für Unternehmen immer mehr an Bedeutung gewinnen. Konzentrieren Sie sich nicht nur auf Kosteneinsparungen und Risikominimierung. Statt dessen, heben Sie vielmehr den Beitrag von Sicherheit- und Compliance zur Nutzung neuer Geschäftsmöglichkeiten, zur Markenbindung und zur Festigung des Vertrauens von Kunden und Partnern hervor.