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Neue Bilanzierungsregeln überfordern IT

Wolfgang Herrmann ist Deputy Editorial Director der IDG-Publikationen COMPUTERWOCHE und CIO. Zuvor war er Chefredakteur der Schwesterpublikation TecChannel und stellvertretender Chefredakteur COMPUTERWOCHE. Zu seinen thematischen Schwerpunkten gehören Cloud Computing, Data Center, Virtualisierung und Big Data.
Ab 2005 müssen börsennotierte Unternehmen in der EU ihre Bilanzen nach den International Financial Reporting Standards aufstellen. Viele IT-Systeme sind darauf nicht vorbereitet.

Ab dem Jahr 2005 müssen börsennotierte Unternehmen in der EU ihre Bilanzen nach den International Financial Reporting Standards (IFRS) aufstellen. Doch längst nicht alle IT-Systeme sind darauf vorbereitet. Vor allem kleine und mittlere Betriebe unterschätzen den Umstellungsaufwand.

"Viele Unternehmen sind spät dran", warnt Marcus Messerschmidt, Partner bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse-Coopers (PWC) in Düsseldorf. Obwohl die EU-Verordnung zu den internationalen Bilanzierungsregeln bereits im Juni 2002 verabschiedet wurde, herrsche in Deutschland ein "enormer Nachholbedarf". Annett Nowatzki, Senior Manager beim Wirtschaftsprüfungs- und Beratungshaus KPMG, bestätigt diese Einschätzung: "Vor allem kleinere und mittlere Unternehmen stehen bei der Umstellung auf IFRS oft noch ganz am Anfang. Die Zeit wird knapp."

Laut den Vorgaben aus Brüssel sind alle börsennotierten Unternehmen in der EU verpflichtet, ihre Jahresabschlüsse ab 2005 gemäß den International Accounting Standards (IAS) - inzwischen umbenannt in International Financial Reporting Standards (IFRS) - zu erstellen. Ziel ist eine Vereinheitlichung der Methoden, die zu mehr Transparenz für Aktionäre und Aufsichtsbehörden führen soll. Handlungsbedarf besteht schon seit Anfang dieses Jahres: Um ein Vergleichsjahr für die erste Bilanzierungsperiode 2005 zu haben, müssen Unternehmen bereits zum 1. Januar 2004 eine Eröffnungsbilanz nach IAS/IFRS erstellen.

Rechnet man die Tochtergesellschaften der Konzerne hinzu, dürften europaweit mehrere tausend Firmen betroffen sein, schätzen Experten. Dabei sind Großunternehmen wie Siemens oder Bayer im Vorteil, denn sie bilanzieren häufig schon gemäß den für die US-Börse geltenden US-GAAP-Regeln (United States-Generally Accepted Accounting Principles). Wegen der geringeren Unterschiede zu IRFS ist die Umstellung in solchen Fällen meist unproblematisch oder konzentriert sich auf Teilbereiche, erläutert Nowatzki.

Ganz anders stellt sich die Situation für Unternehmen dar, die bislang nach dem Handelsgesetzbuch (HGB) bilanzieren. Das in Deutschland geltende System betrachtet die gleichen Vorgänge zum Teil völlig unterschiedlich. So müssen etwa langfristige Fertigungsaufträge laut IFRS gemäß dem tatsächlichen Fortschritt bewertet werden (im Fachjargon: Percentage of Completion). Die HGB-Bilanz kennt diese Vorgabe nicht. Große Abweichungen treten auch bei der Bewertung des Anlagevermögens auf, wie Messerschmidt erklärt. Deshalb seien etwa Produktionsunternehmen tendenziell stärker betroffen als Handelsbetriebe.

Bild: Photodisc
Bild: Photodisc

Aus solchen Unterschieden ergeben sich weit reichende Konsequenzen für die eingesetzten IT-Systeme. Am stärksten betroffen ist grundsätzlich das ERP-System, so Nowatzki, potenziell aber auch vor- und nachgelagerte Programme. Dazu zähle etwa eine Logistiksoftware zur Bewertung von Materialien und Beständen. Auch für Management-Informationssysteme, die Daten aus ERP-Anwendungen verarbeiten, können sich Änderungen ergeben.

Der Umstellungsaufwand nimmt weiter zu, wenn Unternehmen auch Controlling-Funktionen nach IFRS-Gesichtspunkten nutzen oder ihr internes Berichtswesen an die neuen Regeln anpassen wollen. Beides ist nicht verpflichtend, bringt aber Vorteile für Unternehmenssteuerung und Wettbewerbsvergleich. Gerade im Reporting arbeiten viele Unternehmen noch mit selbst gestrickten Excel-Anwendungen, berichtet Oliver Widmann, Marketing-Manager beim Softwareanbieter Simcorp. Sie umzustellen oder auszutauschen bedeute einen erheblichen Aufwand.

Im Zuge des Wechsels auf die internationale Rechnungslegung (US-GAAP) baute etwa die Ampega Asset Management GmbH, eine Tochter des Talanx-Konzerns, ein komplett neues Accounting-System auf. "IFRS und US-GAAP stellen im Vergleich zum HGB deutlich höhere Anforderungen", erklärt Managing Director Bruno Vanderschelden. Obwohl man das Berichtswerkzeug "Crystal Reports" zu Hilfe nahm, sei die Umstellung noch mit viel Handarbeit verbunden gewesen.

PWC-Experte Messerschmidt unterscheidet im Wesentlichen vier Bereiche, in denen die IT von der IFRS-Umstellung betroffen sein kann.

In der Anlagenbuchhaltung etwa müssten Unternehmen neben der HGB-Betrachtung einen zweiten Bewertungsbereich einrichten. Gängige Softwareprodukte unterstützten mittlerweile unterschiedliche Rechenstile, so dass in der Regel keine Probleme aufträten. Schwieriger gestalte sich der Umstieg im Bereich Financial Instruments, wo es etwa um die Bewertung von Derivaten geht: "Dafür gibt es kaum Standards, in der Praxis entstehen häufig Eigenentwicklungen."

Auch hinsichtlich der Taxierung von langfristigen Fertigungsaufträgen (Percentage of Completion) stoßen herkömmliche Applikationen an Grenzen, so Messerschmidt. So ließen sich zwar Basisdaten meist aus bestehenden Systemen extrahieren. Informationen zum Projektfortschritt oder den zu einem bestimmten Zeitpunkt aufgelaufenen Kosten seien dagegen nur schwer zu erheben. "Um das zu ermöglichen, müssen nicht selten ganze Prozesse umgestellt werden." Der vierte Bereich schließlich betrifft den Kontenplan eines Unternehmens. Auch hier sind Erweiterungen erforderlich, beispielsweise in Form von zusätzlichen Konten.

Unterm Strich fallen im Zuge der IFRS-Rechnungslegung erheblich mehr Daten an. Abhängig von der Unternehmensgröße und beispielsweise der Höhe des Anlagevermögens kann sich das Datenvolumen um zehn bis 50 Prozent erhöhen, berichtet Nowatzki. Dann sei auch zu prüfen, ob die Kapazität und Performance der eingesetzten Datenbank noch ausreicht. Die Ampega beispielsweise wird deswegen ihre Oracle-Datenbank erweitern. Vanderschelden erwartet, dass sich die Datenmenge um 20 Prozent vergrößert.

Dass vielen Unternehmen die Komplexität der Umstellungsprojekte zu schaffen macht, hat nicht nur technische Gründe. So umfassen allein die für Kreditinstitute relevanten Standards IAS 32 und 39 rund 550 Seiten. Sowohl in Banken als auch in den Aufsichtsbehörden fehle es schlicht an Fachleuten, die die neuen Regeln anzuwenden verstehen, moniert Burkhard Eckes, ebenfalls Partner bei Pricewaterhouse-Coopers. Hinzu kommen laufend Änderungen im IFRS-Regelwerk, ergänzt Nowatzki. "Vieles ist noch im Fluss."

Mit der Anzahl der einzubeziehenden Tochtergesellschaften sowie der unterschiedlichen eingesetzten IT-Systeme für den Jahresabschluss und die Konsolidierung der Ergebnisse steigt auch der Umstellungsaufwand.

Besonders in heterogenen IT-Umgebungen ergeben sich häufig Schnittstellenprobleme, so Simcorp-Manager Widmann. Um sämtliche betroffenen Anwendungen zu erfassen, müssen Projektverantwortliche im Grunde alle Systeme durchleuchten. Nicht selten liefern die Programme unterschiedliche Bestandsdaten, die für die Rechnungslegung zunächst konsolidiert werden müssen.

Nowatzki verweist vor allem auf Defizite in den gängigen ERP-Programmen. "Eine parallele Buchung nach HGB und IFRS ist mit den meisten ERP-Systemen nicht möglich." Selbst SAP werde den Anforderungen an eine parallele Rechnungslegung noch nicht in allen Teilbereichen gerecht. Noch weniger hätten kleinere ERP-Produkte zu bieten.

Zwar lässt sich das Problem eindämmen, wenn etwa die Tochtergesellschaften weiterhin nach HGB bilanzieren und die Einzelabschlüsse erst auf Konzernebene auf IFRS umgestellt werden. In diesem Fall sind jedoch aufwändige Überleitungsrechnungen erforderlich, die dem Wunsch nach einem zeitnahen Konzernjahresabschluss entgegenstehen. KPMG empfiehlt aus diesem Grund die parallele Rechnungslegung innerhalb des ERP-Systems.

Schlechte Karten haben insbesondere Firmen, die kleinere ERP-Pakete, etwa von KHK oder Datev, einsetzen oder mit Eigenentwicklungen arbeiten. In solchen Fällen gebe es nur zwei Möglichkeiten, erläutert Nowatzki: Entweder die Unternehmen buchen weiterhin gemäß HGB und behelfen sich mit einer Überleitungsrechnung. Oder aber sie wechseln auf ein anderes System.

In den Griff bekommen lassen sich die vielfältigen Anforderungen nur mit einem professionellen Projekt-Management, darin sind sich die Experten einig. Genauso einhellig sehen sie hier die größten Defizite. "Es gilt, die Zügel fest in der Hand zu halten", sagt etwa Messerschmidt. In der Praxis werde häufig nur eine fachliche Herangehensweise gewählt, technische und prozessuale Anforderungen würden dagegen zu spät in Angriff genommen.

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass Verantwortliche die Projektlaufzeiten häufig nicht realistisch einschätzen. Nach einer PWC-Studie dauern Umstellungsvorhaben zwischen sechs und 18 Monaten. KPMG-Expertin Nowatzki rechnet mit zirka vier Monaten für Mittelständler und bis zu zwei Jahren in Großunternehmen. Oft werde dabei die Schulung der Mitarbeiter vernachlässigt. Die meisten Unternehmen heuern für die Umstellung externe Spezialisten an. Doch ist der Berater erst mal weg, muss die interne Mannschaft das Thema selbst beherrschen. Nowatzki: "Das bedeutet, für den Mittelstand ist es jetzt eigentlich schon sehr spät."