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Led Zeppelin statt Mehrzad

Netzwiderstand gegen DSDS-Vermarktung

26.04.2010
Kampf um die Charts-Spitze: Im Internet hat sich eine Opposition gegen den DSDS-Gewinner Mehrzad Marashi gebildet.
Aktuell hat Mehrzad bei Amazon.de noch deutlich die Nase vorn vor Led Zeppelin.
Aktuell hat Mehrzad bei Amazon.de noch deutlich die Nase vorn vor Led Zeppelin.

Nutzer rufen zum Kauf anderer Musiker auf, um den Hitparadenerfolg des Hamburgers zu verhindern. Eine Aktion, wie sie nur im Netz so schnell möglich ist?

Kennen Sie noch Jimmy Page? Nein? Der war mal ein echter Superstar. Vor rund 40 Jahren, mit Led Zeppelin. Oder vielleicht eher Blümchen? Unter diesem Künstlernamen hatte Jasmin Wagner Mitte der 1990er ihre großen Hits. Jetzt sind sie plötzlich zurück und konkurrieren mit Mehrzad Marashi, dem Gewinner der RTL-Show "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS), um die Spitze der Charts. Musik-Downloads sind zum "Kampfmittel" geworden.

Gegen das Casting-System?

Dahinter stecken mehrere Gruppen in den Sozialnetzwerken Facebook und StudiVZ. Sie haben dazu aufgerufen, gegen einen Erfolg des DSDS-Gewinners zu kämpfen. "Es geht in keinster Weise gegen Mehrzad", sagt Martin Kesici, einer der Protagonisten hinter Aktion. "Es geht um das System dieses Wettbewerbs." Kesici hat selbst Erfahrung mit Castings gesammelt, gewann er doch 2003 die Show "Star Search" (Sat1).

Killing in the Name - 2009 überraschender Weihnachtshit in UK.
Killing in the Name - 2009 überraschender Weihnachtshit in UK.

Aber funktioniert das? Die Briten, musikalisch oft Vorbild für Kontinental-Europa, haben es vorgemacht. Ende vergangenen Jahres schafften es einige Kritiker der DSDS-ähnlichen Show "The X-Factor", das alte Stück "Killing In The Name" der amerikanischen Polit-Rocker von Rage Against The Machine zu Weihnachten an die Spitze der britischen Hitparade zu führen - anstelle des Casting-Show-Gewinners. Sie hatten zum massenhaften Online-Kauf aufgerufen.

"Das ist wie ein 'Turbolader' für die eigene Meinung", erläutert der Bremer Netzwerkexperte und Psychologe Peter Kruse. Grundsätzlich sei das nicht anders als in Vor-Internet-Zeiten, sagt er. Aber es habe eben doch eine andere Qualität, es sei nicht so leicht kontrollierbar. "Das Netzwerk verstärkt manchmal sogar mehr, als derjenige, der sendet, gewollt hat." Das gelinge aber nur so lange, wie die anderen Nutzer an die Authentizität solcher Aktionen glaube. Daher sei es ausgeschlossen, wenn etwa Musikfirmen versuchen wollten, selbst mit solchen Gruppen Einfluss zu nehmen.

So gibt es in den Foren der Sozialnetzwerk-Gruppen auch beispielsweise Diskussionen darum, ob nur für "Stairway To Heaven" oder auch für "Boomerang" geworben werden soll. Auf jeden Fall können sich jetzt sowohl Blümchen als auch die reifen Herren von Led Zeppelin über einen unerwarteten Geldsegen freuen. Dabei geht es gar nicht um Geld.

Kesici sagt: "Wir haben absichtlich keinen aktuellen, deutschen Musiker ausgewählt." Er sieht es ganz idealistisch: "Wir wollen, dass die Kids verstehen, dass Musik Leidenschaft ist, und nicht wegen einer Casting-Show die Lehre abbrechen, bei der sie am Ende mit einem Produzenten und einem Label zusammenarbeiten sollen."

Geringe Erfolgschancen?

Das Marktforschungsunternehmen Media Control, das am Montagabend die offiziellen Charts inklusive der CD-Verkäufe in den Geschäften veröffentlicht, spricht von einem "spannenden" Kampf. In den vergangenen Jahren hatten die DSDS-Gewinner in Deutschland mit ihrer ersten Single jeweils einen Nummer-Eins-Hit gelandet. "Es wird für Mehrzad eine sichere Fahrt auf Platz eins werden", ist sich der Sprecher von Mehrzads Plattenfirma Sony Music, Sebastian Hornik, sicher. Zugleich sagt er: "Wir sehen das entspannt und sportlich." Grundsätzlich sei es doch gut, wenn über Musik bei den Fans diskutiert werde - "dafür ist das Internet die perfekte Plattform."

"Der Schneeball-Effekt ist hier extrem einfach zu erzeugen", meint auch Jan-Hinrik Schmidt vom Hamburger Hans-Bredow-Institut, der unter anderem über Jugendliche und deren Nutzung des Web 2.0 forscht. Er erinnert jedoch daran, dass es sich hierbei um relativ flüchtige Zusammenschlüsse handle. Andererseits - einen großen Erfolg für einen Musiker aus dem "Nichts" zu erschaffen, sei früher großen TV-Unterhaltungssendungen wie "Wetten, dass..?" vorbehalten geblieben. "Das ist neu, das kann aber auch beängstigend sein."

Die Gruppen-Gründer bei Facebook und StudiVZ versuchen, gegen das Flüchtige anzukämpfen, da sie nach den Media-Control-Kriterien bessere Chancen für die nächste Charts-Auswertung sehen - unbedingt sollten die Menschen bis zum 29. April einkaufen. Denn beim ersten Versuch seien sie zu spät eingestiegen, um in die komplette Auswertung zu kommen. Es soll keiner an ihrem Willen zweifeln. "Don't believe" (Glaub' es nicht) heißt schließlich der Song von Mehrzad. (dpa/tc)