Kommentar zur Entscheidung des EU-Parlaments

Netzneutralität ist Quatsch

Jürgen Hill ist Teamleiter Technologie. Thematisch ist der studierte Diplom-Journalist und Informatiker im Bereich Communications mit all seinen Facetten zuhause. 
Gottseidank, das EU-Parlament hat mit der Annahme der Gesetze zum Elektronischen Binnenmarkt Augenmaß gezeigt. Damit ist mitnichten das Abendland und das freie Internet in Gefahr, sondern die Weichen wurde für die Zukunft Europas in einer digitalisierten Welt gestellt.
Reakteur Jürgen Hill kommentiert die EU-Entscheidung zur Netzneutralität
Reakteur Jürgen Hill kommentiert die EU-Entscheidung zur Netzneutralität

Das Geheule all jener, die mit einer Einschränkung der Netzneutralität das Ende des freien Internets, wenn nicht gar der Demokratie beklagen würden, war zu erwarten. Doch sie liegen falsch! Wo steht in dem Gesetz geschrieben, dass künftig zensiert wird oder Daten gar nicht mehr transportiert werden, weil sie die falsche politische Ansicht vertreten? Dazu gibt es längst andere Mittel und Wege, wozu es nicht des Umwegs über die Netzneutralität bedarf.

Ja, das Gesetz ändert etwas, es räumt nämlich endlich mit dem verklärten, romantischen Bild eines sozialistischen Internets auf, in dem alle gleich sind. Dieser schöne Traum ist schon lange geplatzt - das Internet ist schon seit Jahren ein knallhartes Geschäft. Und je eher wir uns dieser Realität stellen, desto besser für unsere eigene Wirtschaft. Dann verdienen wir vielleicht auch endlich Geld im Internet mit IoT (Internet of Things) und Industrie 4.0 und nicht nur die Amerikaner.

Und dazu gehört nun leider auch, dass manche Daten bevorzugt transportiert werden. Oder wollen wir riskieren, dass im Internet-of-Things-Zeitalter unsere Fabriken stillstehen, nur weil mal wieder das neuste Katzenvideo auf YouTube das Netz verstopft? Und wie groß wäre der Aufschrei, wenn es beim Autonomen Fahren zum Crash kommt, weil die Connected Cars ihre Daten nicht rechtzeitig bekommen, da gerade die Facebook-User mit ihren Bildern der Partys vom Wochenende das Netz fluten? Ist in einer globalen Welt der vernetzte Egoshooter des Nachbar-Kids genauso wichtig, wie die Videokonferenzschaltung des Home-Office-Workers zum Geschäftspartner in den USA? Und wie soll ab Ende 2018 in einer All-IP-Welt die Qualität der Telefonie gewährleistet werden, wenn die Sprachpakete bei ihrer Reise durch das Internet nicht priorisiert werden? Ebenso stellt sich die Frage, wie eine Wirtschaft im Cloud-Zeitalter funktionieren soll, wenn der reibungslose Transport der Daten in die verteilten Rechenzentren nicht garantiert ist.

In dem Maße, in dem das Internet immer mehr zum Bestandteil unserer kritischen Infrastruktur wird, müssen wir uns auch von unseren romantischen Vorstellungen eines gleichen Netzes für alle verabschieden. Und daran trägt wohl jeder selbst eine Mitschuld. Wollten wir nicht alle in unserer All-you-can-eat-Mentalität Daten-Flatrates zum Schnäppchenpreis? Leider haben wir dabei vergessen, dass Bandbreite eben nicht Commodity ist, sondern der Netzausbau Geld kostet. Die Zeche zahlen wir jetzt mit einer eingeschränkten Netzneutralität. Sicher, die Formulierungen im Gesetz sind nicht konkret, um nicht zu sagen wachsweich. Doch wie soll ein Gesetzestext der Dynamik des Netzes gerecht werden? Wer hätte vor drei Jahren daran gedacht, dass bei der Netzneutralität Themen wie Internet of Things oder Industrie 4.0 eine Rolle spielen würden? Begreifen wir doch die Priorisierung von Daten als eine Chance, um im Netz neue Business-Ideen zu verwirklichen.

 

HUKoether

Dem ist nichts hinzuzufügen.

HUKoether

Mit Dieter Nuhr kann man dem Herrn Redakteur antworten: "Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten!" Von den Anmachen auf den Sozialismus oder die Romantik ganz zu schweigen. Scheinen auch Sachen zu sein, wo sowohl das Empfinden, als auch Wissen und Erfahrung fehlen. Die Kurzform des abgewinkten Gesetzes ist: "Aller Internettraffik ist gleich, aber gegen mehr Geld ist einiges gleicher". Das ist weder antisozialistisch noch antiromantisch, das ist die Möglichkeit zum Gelddrucken, nichts weiter. Wenn Erfinder und Entwickler davor warnen, die "Netzneutralität" aufzuheben, dann hat das seine Gründe - alles andere sind eben "nur" finanzielle Interessen.

? Dicke Gutrunde ?

Das sind Angstmacherfragen. Der Neid auf die Amis?
Einfach die Kapazitäten der Nachfrage anpassen. Die meisten Leitungen werden nichtmal ansatzweise ausgenutzt.
Kritische Systeme müssen über einen separaten Anschluss. Jedem Teilnehmeranschluss steht bereits heute nur eine bestimmte Bandbreite zu. So kann ich entscheiden ob meine Videokonferenz oder die Partybilder wichtiger sind. Notfalls mit eigenem Bandbreitenmanagement.

Ben Danjamin

Super, dass die geknechtete Zulieferfirma in Zukunft den Werberiesen Youtube überbieten können muss, um ihre Fabrik am Laufen zu halten. Wer kann sich denn die Bandbreite eher leisten? Facebook oder Renault? Ganz abgesehen davon, dass ein Connected Car der Physikneutralität unterworfen ist. Im Tunnel, Parkhaus und Schwarzwald bekomme ich auch für viel Geld kein Signal. Und der befristete Zeitarbeiter kann seine Konferenz leider trotzdem nicht durchführen, weil die Miliarden-Spieleinsdustrie für die Egoshooter noch bessere Latenzen einkaufen kann. Man muss ja nicht mal soziale Aspekte anführen, um die Fehler in diesem Entwurf zu benennen.

Diskus

Hätt's nicht besser ausdrücken können als You3uck. Und wer entscheidet, was Blödsinn ist und was nicht? Sie, Herr Hill? Aufgrund welcher Kompetenz? Wenn Sie für Ihre autonomen Autos eine unterbrechungsfreie Infrastruktur benötigen, bauen Sie sich eine. Die können Sie ja dann in Rechnung stellen. Wie wär's denn mal damit, Vorhandenes nicht einfach zu okkupieren - weils ja so günstig ist weil eh da - sondern das, was für die eigene Geschäftsidee benötigt wird, selbst aufzubauen und in Rechnung zu stellen? Dann kann der Markt entscheiden, ob er ihre Angebote haben will.

Aber hier regiert mittlerweile nur noch das Kapital, der Rest muss immer mehr zusehen, wo er bleibt. Ich Sie nur davor warnen, dass dieser Rest das vielleicht irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft auch macht. Dann haben Sie es geschafft, die Demokratie ist hin, es existieren zwei Gesellschaften parallel. Ich bin mir nicht sicher, ob das erstrebenswert ist. Wenn man in die Vergangenheit schaut, kann man sehen, wo ihre Vorstellung endet, dazu müsste man aber aus der Vergangenheit lernen, was bei ihnen eher nicht der Fall zu sein scheint.

Berkel

Klar, Netzausbau und Wartung kosten eine Menge Geld, keine Frage. Dies muss natürlich auch erstmal verdient werden - auch Verständlich. Ob da eine Priorisierung das Mittel der Wahl ist, das sei mal dahingestellt. Ich war jedenfalls sehr angetan davon, das nicht jedes Fitzelchen an Leistung einzeln gebucht werden musste.

Was allerdings das aufgezeigte Szenario vom Crash durch "Connected Cars" angeht, da Daten nicht rechtzeitig kommen - man möge mir verzeihen, aber solche Dinge DÜRFEN gar nicht von einer Internetverbindung abhängen! Das Auto muß selbst und ohne jegliche Netzverbindung in der Lage sein, zu navigiern und zu fahren. Klar kann es zusätzlich noch Daten von anderen Quellen für eine Routenplanung o.ä. beziehen - doch an sonsten muss es autonom bleiben.

Jedenfalls würde ich mich nicht in ein Fahrzeug setzen, dessen Fahrsicherheit von einer Internetverbindung abhängt. Das wäre schon per se fahrlässig sowas zu planen.

FC Bayern No 1

Ähnlich habe ich auch gedacht und besser hätte ich es nicht formulieren können.. Ein Hoch auf den Kommerz!

You3uck

Ja, weg mit allem was irgendwie sozial ist. Akzeptieren wir, daß die Realität anders ist, nämlich unsozial. Lasst uns nichts daran ändern, machen wir stattdessen einfach mit. Mit spitzen Ellenbogen und Haifisch Mentalität nimmt sich jeder was er braucht ohne Rücksicht auf Verluste.
Mit deinen Ansichten bist du jetzt schon von Gestern.

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