Podiumsdiskussion auf der Systems '98

Network Computing ist aktueller denn je

30.10.1998

Um diese Frage kreiste eine von der COMPUTERWOCHE veranstaltete Podiumsdiskussion auf der Systems 98 zum Thema "Network Computing - die zukünftige Rolle des PC in Unternehmen". In einem Punkt waren sich die Gesprächsteilnehmer (siehe Kasten: "Wer diskutierte?") überraschend einig: Das Thema Network Computing ist aktueller denn je.

Probleme, so Gartner-Group-Mann Klaus Thomas, entstünden weniger beim Verständnis des Konzepts dünner Rechner: "Schwierig ist allerdings dessen Umsetzung in Unternehmen, insbesondere wenn alle Implikationen berücksichtigt werden sollen, die mit der Migration auf eine Thin-Client-DV-Struktur verbunden sind."

Sun-Manager Hans Gerke fügte hinzu, der unklare Gebrauch des Begriffs "Network Computing" habe für viel Verwirrung gesorgt. Leute wie Oracle-Chef Larry Ellison trügen hier durch nicht immer nachvollziehbare Äußerungen ein gerüttelt Maß an Schuld. "Schauen Sie sich aber einmal auf dieser Messe um: Die Systems 98 belegt, wie wichtig das Thema ist. Viele Web-basierende Anwendungen, also solche mit einem Browser-ähnlichen Front-end, beweisen, Network Computing ist ein heißes Thema." Womit Gerke recht hat: Die Messe zeigte eine Vielfalt von NC-Typen. So nutzen etwa eine ganze Reihe von Independant Software Vendors (ISVs) Telefone als NCs.

Microsoft-Manager Gregory Gordon, Antipode zu Sun- und IBM-Positionen, sah es ähnlich: Die Anwender seien irritiert, weil man ihnen zuviel versprochen habe: "Die Network Computers wurden doch als neues und zum PC kontrapunktisches Konzept hochgelobt. Da haben schon viele den Tod des PCs ausgerufen", was genauso falsch gewesen sei wie heute das Ende des Network Computing zu propagieren. Das sieht offensichtlich IBMs Top-Manager Louis Gerstner anders: Er prophezeite erst vergangene Woche wieder einmal den Tod des PC innerhalb der nächsten Jahre. Statt dessen werde sich Network Computing auf breiter Front durchsetzen. Gordon glaubt, daß es eine ganze Reihe von Arbeitsplätzen gibt, die nicht die komplette Funktionalität eines Wintel-Desktops benötigten.

"Man muß aber auch sehen, daß durch leichtere Administration und durch die extrem gefallenen Preise der PCs die neuen NC-Architekturkonzepte an Attraktivität verloren haben."

Zum Verständnis des Network-Computing-Konzepts ist es wichtig, zwischen Hard- und Software zu trennen, erläuterte Michael Bauer von der Plenum AG. "Wenn Sie nämlich einen PC durch ein Windows-based Terminal ersetzen und die Anwendungen auf einen Windows-Server verlagen, dann haben Sie an der Applikation selbst noch nichts geändert, sondern lediglich an der Hardwarestruktur."

Unbestritten ist, so Bauer weiter, die hohe Komplexität heutiger Client-Server-Strukturen, "damit haben Anwender negative Erfahrungen gemacht". In der Folge war der Weg logisch vor- gezeichnet: Man muß einen Großteil der DV-Last wieder vom Client auf Server verlagern. Anwendungen und Daten sowie deren Berechnung wieder auf den Server zurückzuführen hat aber Auswirkungen auf die Konzep- tion von neuen Anwendungen: "Während eine Java-Anwendung per definitionem nicht PC-lastig sein darf - sonst hat man einen Designfehler gemacht -, ist etwa eine Visual-Basic-Anwendung eben auf die PC-Plattform zugeschnitten."

Keine überstürzten Schlüsse bei NCs

Bauer mahnt etwas Geduld bei der Beurteilung des Network-Computing-Paradigmas an. Bis Softwareplattformen sich im Sinne einer NC-Architektur verändern könnten, dauere es noch seine Zeit, "denn die entsprechenden Programme müssen ja erst einmal geschrieben werden".

Richtig ist zwar, daß es eine Menge Java-Anwendungen als Add-on für Web-basierte Lösungen gibt. Die haben aber nichts mit dem Kerngeschäft der Anwender zu tun, "und nur sehr wenige Unternehmen programmieren heutzutage wirklich Kern- anwendungen neu - machen also tabula rasa".

Ein nicht zu unterschätzendes Argument für das Network Computing führte IBM-Manager Dieter Zimmermann im Zusammenhang mit der Jahr-2000-Problematik in die Diskussion ein: In Client-Server-Umgebungen stelle der PC-Part ja durchaus ein gewisses "Risiko" dar, weil hier noch keinesfalls in allen Fällen die Jahr-2000-Konformität hergestellt sei. Dies gilt insbesondere für ältere Betriebssysteme: "Dieses Problem kann durch den Einsatz einer Windows-Terminal-Server-Lösung oder ähnlicher Softwarekonzepte mit einem Schlag erledigt werden." Anwender müssen lediglich ihre Applikationen wieder auf den Server verlagern und als Arbeitsplatzsystem einen schlanken Rechner benutzen.

Sun-Mann Gerke sprach darüber hinaus ein seit einiger Zeit zu beobachtendes Phänomen an: die Rezentralisierung von Back-end-Systemen. Auch Server-Konsolidierung genannt, ist sie die Vorstufe zur Veränderung des Front-ends, also der Arbeitsplatzrechner. Mit anderen Worten: Heutzutage beginnen sehr viele Anwender, die Kernstruktur eines DV-Systems neu zu entwickeln und leistungsfähiger zu gestalten. Mit weiteren Folgen: "Anwender, die jetzt ihre Software-Architekturen umbauen, sind in zwölf, 18 Monaten in der Lage, sehr viel konsequenter als heute NC-Systeme zu nutzen."

Beim Thema NC, fügte Gerke hinzu, sehen viele ja nur die Spitze des Eisbergs, den Network Computer selbst. Network Computing bedeute aber viel mehr, nämlich eine ganz neue Architektur, "und an solchen Konzepten arbeiten heute viele Unternehmen mit großem Einsatz".

Anwender, nahm Bauer einen früheren Gedanken noch einmal auf, haben vordringlich das Interesse, der Komplexität von Client-Server-Umgebungen entgegenzuwirken und gleichzeitig unabhängiger von herstellerspezifischen Plattformen zu werden. "Der konsequenteste Schritt hierzu sind sicherlich Web-basierte Java-Lösungen." Hierbei müsse sich ein Anwender jedoch über eins im klaren sein: Wenn er Java als Programmiersprache verwenden und Java-Applets nutzen wolle, benötige er Empfangsgeräte, die in der Leistungsfähigkeit einem voll ausgebauten Pentium-Client entsprächen.

Das hat Folgen: Nur wenn das DV-Konzept eines Unternehmens vorsieht, auch den größten Teil der Software vom Client auf den Server zu verlagern, ist der Einsatz von sehr schlanken Geräten möglich. Mit einem Terminal-Server-Konzept lassen sich dann auch 486er PCs zu einem Client umfunktionieren, auf denen 32-Bit-Software mit Pentium-Geschwindigkeit abläuft: "In solch einem Fall kann man dann tatsächlich von einem Thin-Client-Konzept sprechen."

Welche Vorteile haben Java-Maschinen?

Gordon war anderer Meinung: "Mir ist nicht ganz klar, welche Vorteile Java-Maschinen oder andere Thin-Client-Konzepte gegenüber einem klassischen PC oder einem Windows-Terminal haben sollen", wandte der Microsoft-Mann ein, was Bauer zu einem Beispiel anregte: Viele Firmen wie auch seine eigene hätten Anwendungen, die in einer klassischen Drei-Schichten-Architektur aufgebaut sind. Sie verfügen über eine grafische Benutzeroberfläche (GUI) auf dem Client, über DCOM laufen Server-seitig die Verarbeitung der Daten sowie die Datenzugriffe ab. "Wer in solch einer Umgebung nun Java-Technologien einsetzen würde, könnte auf Clients beispielsweise Java-Applets laufen lassen, die nur 300 oder 400 KB groß seien und die lediglich einmal am Tag geladen werden müßten."

Bauer konzedierte allerdings, solch ein Vorgehen käme einem radikalen Architekturschnitt gleich, würden doch Applikationen vom Client auf den Server verlagert, "andererseits ist das doch heutzutage bei operativen Systemen ohnehin üblich". Außerdem erleichtert solch eine Operation auf der Client-Seite die Verwaltung und Administration von Clients sowie die Installation von Software auf Arbeitsplatzmaschinen. Grundsätzlich wünscht sich Plenum-Aufsichtsratsvorsitzender Bauer pflegeleichte Geräte. Deren Installationsaufwand beschränkt sich auf den Anschluß an das Firmennetz. Die gesamte Benutzeradministration wird vom Server aus erledigt, von dem auch alle benötigte Software auf den Client des Anwenders heruntergeladen wird. In dieser Vorgehensweise sieht Bauer die große Chance des Network-Computing-Konzepts.

Unternehmen, die heute vor der strategischen Frage stehen, wie sie ihre künftige Technologieplattform ausrichten sollen, haben nach Einschätzung von Bauer drei Optionen:

-Zum einen kann eine Firma mit Hilfe von Java den objektorientierten Weg beschreiten.

-Zum anderen besteht die Option, konsequent auf Microsoft-Technologien zu setzen.

-Eine dritte Möglichkeit ist, Anwendungen in SAP-Technologie zu entwickeln. Wenn man in der eigenen Firma schon die Walldorfer Software nutze, "dann kann man auch andere Programme auf diese Plattform ausrichten".

Diese drei Welten, wiewohl sie weit verbreitet seien, würden allerdings weit auseinanderklaffen. Was jedoch allen drei nicht entspreche, werde keine Zukunft haben, orakelte Bauer.

Wer diskutierte?

-Michael Bauer, Aufsichtsratsvorsitzender der Plenum AG;

-Hans Gerke, Leiter Marktentwicklung bei Sun Microsystems;

-Gregory Gordon, Director Marketing Business Products Division bei Microsoft;

-Klaus Thomas, Relations Manager des IT Executive Program bei der Gartner Group;

-Dieter Zimmermann, Leiter Netzwerk-Computer-Division, Central Region bei IBM;

-Moderation: Jan-Bernd Meyer, COMPUTERWOCHE