Novell Directory Services sollen zum Meta-Verzeichnis werden

Netware lebt als Plattform für Java-Anwendungen weiter

04.10.1996

CW: Sie wurden nach dem Rücktritt von Bob Frankenberg vom Board of Directors zum President berufen. Wie weit ist Novell bei der Suche nach einem neuen CEO vorangekommen?

Marengi: Wir haben erst damit begonnen. Novell sucht eine schillernde Persönlichkeit, die Visionen hat und diese sowohl intern wie auch extern kommunizieren kann. Wichtig ist, daß der Name Novell wieder Glaubwürdigkeit vermittelt.

CW: Hat sich Bob Frankenberg mit der Doppelrolle als President und CEO übernommen?

Marengi: Wenn Sie mich so fragen, ja.

CW: Sie sind mit dem Anspruch angetreten, ab sofort mehr auf die Stimme der Kunden zu hören. Hat Novell die Anwender bislang ignoriert?

Marengi: Nein, wir haben den Kunden nicht bewußt ignoriert. Seit der Übernahme von Wordperfect waren wir jedoch mehr mit uns selbst beschäftigt als mit den Problemen der Anwender.

CW: Novell hat, wie Sie selbst bei Ihrem Amtsantritt monierten, in der Vergangenheit gezielte Marketing- und PR-Maßnahmen verschlafen. Wie konnte das bei einem Konkurrenten wie Microsoft passieren?

Marengi: Um ehrlich zu sein, darauf habe ich keine Antwort. Ich kann es mir nur mit der Verbürokratisierung des Unternehmens erklären, die zweifellos stattgefunden hat.

CW: Sie sind seit über vier Jahren bei Novell für den weltweiten Verkauf verantwortlich. Müssen Sie sich nicht auch selbst Versäumnisse im Marketing vorwerfen?

Marengi: In Amerika gilt: Jeder im Unternehmen orientiert sich am Chef. Nur der bestimmt die Richtlinien.

CW: An Bob Frankenberg allein kann es doch nicht gelegen haben.

Marengi: Nein, außer daß mit Bob die internen Strukturen zu bürokratisch wurden. Problematisch war aber auch die Politik der einzelnen Product Divisions, die sich nur um ihre Entwicklungen kümmerten, die gesamte Novell-Strategie aber außer acht ließen.

CW: Novell hat in den letzten zwei Jahren durch seine Zickzack- Politik viel Kredit bei den Anwendern verspielt. Wie wollen Sie den wiederbekommen und die Flucht zum NT Server verhindern?

Marengi: Ich stimmen Ihnen absolut zu. Jeder Hersteller lebt vom Vertrauen, das die Kunden in ihn setzen. Unser Problem in der Vergangenheit waren die Negativschlagzeilen. Leider wissen die Leute nicht, daß Novell letztes Jahr 850000 Betriebssysteme verkauft hat, und 1996 werden es rund eine Million sein. Microsoft brachte nur 300000 Stück an den Mann, wovon nur 30 Prozent für Netze genutzt werden, überwiegend sogar nur für kleine. Den meisten Leser dürfte auch nicht bekannt sein, daß große Unternehmen wie zum Beispiel Chevron ihren Schritt zu NT bereuen und zu Netware zurückkehren.

CW: Die Presse ist doch nicht schuld an Novells Situation!

Marengi: Der Endanwender wird auch durch die Presse beeinflußt. Bei Novell handelt es sich immerhin um die viertgrößte Software- Company der Welt mit 1,5 Milliarden Dollar Umsatz und einer Milliarde Dollar baren Mitteln.

Außerdem haben wir nach wie vor gut 60 Prozent Marktanteil gemessen an verkauften Einheiten, der übrigens nicht sinkt, und 60 Millionen Kunden. Darüber hinaus halten wir 35 Prozent Marktanteil im Management-Business und 17 Prozent des Groupware-Geschäfts. Das sind Statistiken, die, warum auch immer, nie auftauchen.

CW: Jetzt haben Sie die Gelegenheit, klar und deutlich zu sagen, wohin der Weg von Novell geht.

Marengi: Wir werden uns auf vier Dinge konzentrieren: Erstens auf das Unternehmen Novell selbst, zweitens auf Intranetware, drittens unser Management-Produkt "Managewise" sowie viertens auf unsere Groupware-Software "Groupwise". Jedes andere Produkt ist als Erweiterung dieser vier Säulen zu betrachten.

CW: Welche Strategie wollen Sie gegenüber Microsofts NT Server einschlagen?

Marengi: Die Herausforderung besteht darin, mit Microsoft zu konkurrieren, aber auch zu kooperieren, wo es Sinn macht. Wir müssen akzeptieren, daß sich NT in bestimmten Umgebungen etabliert, und es als Produkt integrieren. Novell hat sich im Networking-Business zurückgemeldet. Das ist unser ausschließliches Geschäft, und deshalb müssen wir dem Kunden auch Interoperabilität bieten.

CW: Novell hat jetzt in einer groß angelegten Aktion Intranetware angekündigt. Fürchten Sie nicht, daß der Anwender das mehr oder weniger plötzliche Interesse Novells am Intranet in Zweifel zieht?

Marengi: Nein, mit der Namensänderung zu Intranetware wollen wir die Evolution von Netware signalisieren. Novell ist eine Company, die offene Standards heute schon realisiert. Bisher war Netware als Network Operating System (NOS) ein Marketing-Konzept. Novell- Gründer Ray Noorda hat doch nichts anderes getan, als mit Netware ein Betriebssystem zu erfinden, das bestimmte Funktionen erfüllte, nämlich File- und Print-Sharing im Netz. Vor einem Jahr wurde nun - wenn man so will - das Intranet zum Marketing-Konzept für offene Standards erhoben, das herkömmliche NOS ersetzt.

CW: Netware hat aber den Ruf eines Legacy-Produkts.

Marengi: Ja, Netware wurde lange als potentielle Altlast betrachtet, weil es keine offenen Standards unterstützte. Das gehört aber der Vergangenheit an. Wir liefern ab sofort IP und bieten damit den Zugang zum Internet. Netware beherrscht außerdem seit drei Jahren die Standards Simple Network Management Protocol (SNMP) und Simple Mail Transfer Protocol (SMTP).

CW: Welche Funktionalitäten bietet Intranetware dem Kunden?

Marengi: Intranetware liefert sieben für Intranet-Anwender wesentliche Merkmale, wovon Novell sechs bereits gut beherrschte. Dem siebten Bereich, den Web-Services, widmen wir uns jetzt sehr intensiv.

CW: Nennen Sie bitte alle sieben Faktoren.

Marengi: Zunächst unsere Domäne, das File- und Print-Sharing. Darüber hinaus Directory Services, Sicherheit, Management, Messaging sowie Routing (siehe Grafik). Wir sind zum Beispiel das einzige Unternehmen, das für das gesamte Netzwerk die C2- Zertifizierung erhalten hat und nicht nur für einzelne Komponenten.

CW: Ist der gute alte Name Netware mit der Einführung von Intranetware gestorben?

Marengi: Der Name Intranetware wird den Begriff Netware über kurz oder lang ablösen. Der Kunde verliert aber nichts, weil er zu Netware 4.11 den Netware Web Server, das IP/IPX-Gateway sowie die Browser erhält, alles in einem Paket.

CW: Ist Intranetware damit eine neue Vision von Novell?

Marengi: Nein, das ist ein Trugschluß. Novell hat keine neue Vision. Die ist heute noch die gleiche wie vor zwei Jahren: Wir wollen Menschen über Netzwerke verbinden, damit jedermann mit jedem an sämtlichen Plätzen der Welt zu jeder Zeit kommunizieren kann. Wir haben lediglich den Fehler begangen, das Konzept erst "Pervasive Computing" und dann "Smart Global Network" zu nennen. Das Internet ist doch nichts anderes. Mit Intranetware ändern wir also nur den Namen für das Marketing.

CW: Ist in diesem Markt Geld zu verdienen?

Marengi: Zona Research sagt zum Beispiel für die nächsten zwei Jahre über zehn Milliarden Dollar Marktvolumen für Intranet- Software voraus. Wir wollen uns ein gutes Stück des Kuchens sichern.

CW: Konzentriert sich Novell auf das Server-Geschäft oder wollen Sie auch noch in Sachen Browser aktiv werden?

Marengi: Nein, die Browser sind nicht unser Metier. Wir integrieren den "Netscape Navigator".

CW: Intranetware wird aber sämtliche Browser unterstützen?

Marengi: Ja, Browser bleibt Browser. Das Schöne am Browser ist, daß er zum universellen Client wird. Wir unterstützen jeden Browser.

CW: Wie wird sich durch Java das Szenario für Netware verändern?

Marengi: Durch Java verlagern sich Anwendungen vom Server auf das Netz. Damit werden Unix und NT, die als Application-Server konzipiert sind, zum Teil aber auch Anwendungen von Netware, an Bedeutung verlieren. Netware lebt jedoch als Teil der Netzinfrastruktur weiter. Das ist genau Bestandteil unserer Strategie, weil Intranetware zu einer unglaublich schnellen Plattform für Java-Applikationen wird.

CW: Welche Chancen räumen Sie dem Network Computer ein?

Marengi: Ich glaube, diese Komponenten haben eine große Zukunft.

CW: Es kursieren Gerüchte, Net- scape wolle Novell übernehmen.

Marengi: Ich möchte das nicht kommentieren. An der Sache ist absolut nichts Wahres. Novell wird weiterhin eine Stand-alone- Company bleiben.

CW: Wird Novell sein Paradestück NDS als separaten Service für mehrere Plattformen anbieten?

Marengi: Ja, das streben wir an. Wir werden NDS für Unix Ende 1996 auf den Markt bringen, der NT-Support kommt im ersten Quartal 1997. Heute ist es ja bereits möglich, Unix- und NT-Server in Netware-Umgebungen zu betreiben.

CW: Wie grenzen Sie NDS gegenüber den Enterprise Network Services (ENS) von Banyan ab?

Marengi: Leider kann ich nicht so ins Detail gehen, weil für Ende Oktober 1996 eine große Ankündigung geplant ist. Nur soviel: Wir arbeiten in der Netware-Welt gegenwärtig im Prinzip so wie ENS. Unsere Pläne mit NDS reichen jedoch viel weiter. Novell will NDS zu einem Meta-Verzeichnisdienst für Netzwerke machen, das heißt, zu einem Directory der Directories. Das bedeutet, der Anwender muß sich nur einmal mit einem Paßwort ins Netz einloggen, egal ob er Notes, SAP, Oracle etc. nutzt. Mit anderen Worten: Wir wollen die NDS auf allen Plattformen aufsetzen und werden sie zu diesem Zweck für viele Hersteller öffnen.

CW: Wenn ich Sie richtig verstehe, werden über die NDS künftig auch Zugriffs- und Sicherheitskriterien geregelt.

Marengi: Exakt. Firewalls dienen in Zukunft nur noch im Einzelfall der Point-Security, sprich dem Schutz einer Komponente, zum Beispiel einem Router. In einem großem Netzwerk sind unmöglich alle Komponenten durch Firewalls zu schützen. Ein Meta-Directory ist daher der einzige Weg, das Sicherheitsproblem zu lösen. Die Sicherheit muß Bestandteil einer umfassenden Strategie sein. Deshalb werden die Objekte in das Directory aufgenommen und der Zugriff über das Meta-Verzeichnis gesteuert und kontrolliert.

CW: Was geschieht mit der Netware Embedded Systems Technology (Nest)?

Marengi: Wir legen im Moment keinen Schwerpunkt auf Nest, betreiben die Entwicklung dieser Technologie aber weiter. Im Grunde ist Nest eine Erweiterung der Netzwerke über Stromkabel bis in den Haushalt. In diesem Feld sehe ich auch eine große Chance für den Network Computer, der dann künftig über die Steckdose angeschlossen wird. Gegenwärtig haben sich rund 60 Hardwarehersteller zur Nest-Technologie bekannt und werden sie in ihre Produkte integrieren. Nest ist aber definitiv nicht unser Kerngeschäft.

CW: Was wird aus den Netware Connect Services (NCS)?

Marengi: Für die NCS gilt das gleiche wie für Nest. Hier handelt es sich vereinfacht gesagt um ein Plug-and-play-Internet. Wir haben zur Zeit 30000 Anwender in den USA. In Deutschland sollen die NCS noch in diesem Jahr in Kooperation über die Telekom angeboten werden. In Amerika liegt das Marketing übrigens in Händen von AT&T, das den Namen NCS in "Worldnet Intranet Ser- vice" geändert hat. Aus unserer Sicht ist NCS die Implementierung unserer Directory Services.