Dieter Gorny

Musikindustrie gegen Verharmlosung von Hackern

21.06.2011
Nach dem Fall zweier Computer-Hacker, die mehr als 1000 unveröffentlichte Songs von Musikstars gestohlen haben, hat die Branche vor einer Verharmlosung der Piraterie gewarnt.
Dieter Gorny, Vorsitzender des Bundesverbands Musikindustrie
Dieter Gorny, Vorsitzender des Bundesverbands Musikindustrie
Foto: Bundesverband Musikindustrie

Es dürfe nicht mehr als schick gelten, in Unternehmensnetzwerke einzubrechen, erklärte der Vorsitzende des Bundesverbands Musikindustrie, Dieter Gorny, im Interview der Nachrichtenagentur dpa. Die beiden Hacker, die Titel von Stars wie Lady Gaga und Kesha gestohlen hatten, waren vergangene Woche in Duisburg zu je 18 Monaten Freiheitsstrafe verurteilt worden; beide erhielten aber eine Bewährungschance und müssen vorerst nicht ins Gefängnis.

Herr Gorny, was steckt für Sie hinter dem Fall?

Gorny: Der Hacker "DJ Stolen" und sein Komplize, aber auch der jüngste Fall kino.to stehen für eine Szene, die offiziell die Freiheit von Informationen und Daten proklamiert. Dabei wird jedoch übersehen, dass hier - neben Verletzungen des Urheberrechts und der Privatsphäre - mit dem illegalen Zurverfügungstellen von Inhalten sehr viel Geld verdient wird. Hiergegen muss man angehen.

Reichen aus Sicht der Musikindustrie die ausgesprochenen Strafen aus?

Gorny: Darum soll es an dieser Stelle nicht gehen. Klar ist Abschreckung wichtig, viel wichtiger ist aber, dass jeder versteht, dass man für Musik Geld bezahlen muss. Ein Song entsteht nicht von alleine; in einem Musikstück steckt sehr viel Arbeit, von der Komposition über die Aufnahme im Studio bis hin zum Artwork und Vertrieb, und all diese in die Produktion eines Songs involvierten Menschen sollten für ihre Arbeit bezahlt werden. Dies sollte eigentlich jeder verstehen. Wir befinden uns in einer grundsätzlichen gesellschaftlichen, demokratischen Auseinandersetzung über den Wert von Produkten.

Welche exemplarische Wirkung hat der Fall?

Gorny: Unsere Gesellschaft muss sich mit der sich entwickelnden digitalen "Parallelgesellschaft" beschäftigen und letztlich die Hoheit über das Regelwerk zurückerobern, übrigens nicht nur im Interesse der Kultur- und Kreativwirtschaft. Es darf nicht mehr schick sein, zum Beispiel in Unternehmensnetzwerke einzubrechen und das als spielerisches Ringen "mit den Großen" abzutun. Gesellschaftlich kann dies nicht toleriert werden. Diese Form von Verniedlichung ist letztlich nur Ausdruck eigener Naivität.

Ist das die Spitze eines Eisbergs oder ein einzelner Vorfall?

Gorny: Es ist natürlich insofern eine ganz besondere Konstellation, als dass es sich um ein enormes Professionalitätslevel und kriminelle Energie handelt. Insgesamt versorgen sich in Deutschland rund drei Millionen Menschen illegal mit Musik, und selbst wenn hier niemand dasselbe Maß an krimineller Energie unterstellen würde, richten auch diese Personen einen enormen wirtschaftlichen Schaden an. Wir müssen uns bei Urheberrechtsverletzungen im Netz endlich von dem immer noch gängigen Klischee des unerfahrenen 14-jährigen Nachwuchses befreien, der einfach nicht weiß, was er tut, und damit seinen Eltern eine teure Abmahnung beschert.

Da der Hackerangriff anscheinend so leicht war: Müssen die Stars mehr als bisher darauf achten, ihre Songs, Filme oder Bilder besser zu schützen?

Gorny: Das mag in einzelnen Fällen so sein. Dass man sich aber trotz bester Schutzvorrichtungen gegen bestimmte Formen des Hackings nur sehr schwer schützen kann, zeigen die aktuellen Diskussionen über Cyberangriffe, Schutzmaßnahmen dagegen und sehr komplexe Ermittlungen. (dpa/tc)