Nach Abhörskandal

Murdoch stellt "News of the World" ein

08.07.2011
Im Skandal um abgehörte Handys zieht der Murdoch-Konzern Konsequenzen und stellt die britische Boulevardzeitung "News of the World" ein.
Die Murdochs ziehen bei dem 168 (!) Jahre alten Boulevard-Blatt jetzt den Stecker.
Die Murdochs ziehen bei dem 168 (!) Jahre alten Boulevard-Blatt jetzt den Stecker.
Foto: News International

Am kommenden Sonntag werde die letzte Ausgabe der traditionsreichen Zeitung erscheinen, sagte der Chef von News International, James Murdoch, am Donnerstagabend. Er gestand schwere Fehler im Umgang mit der Affäre ein. Diese Woche war der Skandal eskaliert, als bekanntwurde, dass Journalisten der berüchtigten Sonntagszeitung unter anderem die Handys von Soldaten-Witwen, Opfern von Terroranschlägen und Familien entführter Kinder angezapft haben sollen.

Die Ausgabe am Sonntag werde keine bezahlten Anzeigen enthalten, erklärte James Murdoch. Stattdessen bekämen Hilfsorganisationen die Möglichkeit, kostenlos für ihre Sache zu werben. Der Erlös der Sonntagsausgabe werde dann für wohltätige Zwecke gespendet.

Medienangaben zufolge ist die "News of the World" mit rund 2,8 Millionen verkauften Exemplaren pro Woche das meistverkaufte Blatt Großbritanniens. Die als "Revolverblatt" verschriene Zeitung erscheint im Verlag News International, dem britischen Arm des Medienimperiums von Rupert Murdoch, der News Corporation. Chef der britischen Ablegers ist Murdochs Sohn James.

Der Abhörskandal beschäftigt Großbritannien seit Jahren, zunächst war aber "nur" von abgehörten Telefonaten von Politikern und Prominenten die Rede. "Wenn die neuen Vorwürfe stimmen, dann war das unmenschlich und hat in unserem Unternehmen keinen Platz", begründete Murdoch die wohl beispiellose Entscheidung. Die "News of the World" ist das Schwesterblatt der "Sun" und hat sich auf mehr oder minder wahre Skandale um Prominente spezialisiert.

Die "News of the World" habe es nicht geschafft, den Vorgängen um die Abhörmethoden auf den Grund zu gehen, sagte James Murdoch. Man habe vor dem britischen Parlament falsche Auskunft gegeben, weil man nicht alle Fakten gekannt habe. Er selber habe einige außergerichtliche Einigungen unterzeichnet, obwohl er nicht das ganze Ausmaß der Fälle gekannt habe. "Das war falsch und ich bereue es sehr."

Politiker und Medienexperten betonten am Donnerstag, dies sei noch lange nicht das Ende des Skandals. "Es ist ein großer Schritt, aber ich glaube nicht, dass die wahren Probleme gelöst sind", sagte Ed Miliband, Chef der sozialdemokratischen Labour-Partei. Premierminister David Cameron betonte, er werde weiter dafür kämpfen, das es eine öffentliche Untersuchung der Vorwürfe gebe.

Die "News of the World" gibt es seit 168 Jahren. Ob es nun stattdessen eine Sonntagsausgabe der "Sun" geben wird, wollte das Unternehmen zunächst nicht sagen. Zur Zukunft der rund 200 Mitarbeiter des Blattes sagte eine Sprecherin von News International dem Sender BBC zufolge, sie könnten sich bei anderen Medien des Konzerns bewerben.

Rupert Murdoch wollte sich auf Anfrage des britischen Senders BBC nicht zu den Vorgängen äußern. Zuvor hatte er die Methoden verurteilt, aber noch erklärt, er stehe zu seinen Leuten. Für Murdoch steht in Großbritannien einiges auf dem Spiel: Er muss um die milliardenschwere Komplettübernahme des Fernsehkonzerns BSkyB fürchten.

Am Donnerstag war bekanntgeworden, dass inzwischen 4000 Namen auf der Liste mit Abhöropfern stehen. Mehrere Hundert weitere könnten ebenfalls im Visier der Reporter gewesen sein. Es waren bereits Stars wie die Schauspieler Sienna Miller, Jude Law und Hugh Grant als Opfer der Abhöraffäre genannt worden.

"News of the World"-Reporter sollen Verbrechensopfer, Witwen von im Irak-Krieg gefallenen Soldaten und Angehörige der Opfer der Terroranschläge vom 7. Juli 2005 auf die Londoner U-Bahn angezapft haben. Für Aufsehen hatte vor allem der Fall eines entführten und getöteten Mädchens gesorgt: Die Reporter sollen, so der Vorwurf, dessen Handy-Mailbox nicht nur abgehört, sondern alte Meldungen gelöscht haben, um Platz für neue zu schaffen. Eltern und Polizei glaubten deshalb, die kleine Milly lebe noch - obwohl ihr Entführer sie bereits ermordet hatte.

Die Zeitung "Evening Standard" berichtete am Donnerstagabend zudem, ranghohe Mitarbeiter der Londoner Polizei hätten rund 100.000 Pfund an Bestechungsgeldern von "News of the World" angenommen. Rupert Murdoch höchstpersönlich hat das inzwischen ausdrücklich dementiert. (dpa/tc)