Microsoft unterliegt Open Source im Rennen um die künftige IT-Ausrichtung

München gibt Linux eine Chance

06.06.2003
MÜNCHEN (ba) - Der Münchner Stadtrat hat Ende Mai mit der Mehrheit des rot-grünen Regierungsbündnisses gegen das Votum der oppositionellen CSU-Fraktion beschlossen, die IT-Infrastruktur der Landeshauptstadt auf Open Source umzustellen. Doch während die Linux-Verfechter angesichts des Großauftrags bereits triumphieren, wollen die IT-Verantwortlichen der Stadt erst einmal das Feinkonzept abwarten.

"Es ist noch gar nichts entschieden", warnt Helmut Höfer, stellvertretender Leiter des Amts für Informations- und Datenverarbeitung (Afid) der Stadt München. Zunächst müsse ein Feinkonzept für das Projekt erarbeitet werden. Dieses soll im Frühjahr 2004 dem Stadtrat vorgelegt werden, der dann einen zweiten Beschluss über das weitere Vorgehen fassen soll.

Angesichts der Feinkonzeption, die während der nächsten Monate erarbeitet werden soll, stellt sich jedoch die Frage, inwieweit den Verantwortlichen das wahre Ausmaß des Projekts überhaupt bekannt ist. Dazu gibt es widersprüchliche Aussagen. So spricht Harry Maack, Leiter der Business Unit Süd bei Unilog Integrata, das die Machbarkeitsstudie zum Thema Open Source für die Stadt München angefertigt hat, von einem relativ klaren Bild über die künftigen Anforderungen. Beispielsweise sei bei den problematischen Fachverfahren bereits sehr genau definiert, welche einfach, welche nur mit einem hohen Aufwand und welche gar nicht auf eine Open-Source-Infrastruktur umgestellt werden könnten.

Tests beginnen erst

Das sehen die Verantwortlichen im Direktorium der Stadt München, das Stadtrat und Bürgermeister in IT-Fragen berät, jedoch anders. So gehe es jetzt im Feinkonzept darum, herauszubekommen, was mit Open Source funktioniert und was nicht, erklärt Direktoriumsleiter Ernst Wolowicz. Jede der rund 180 Fachanwendungen müsse getestet werden. Was nicht mit Open Source zusammenpasst, werde weiter auf Microsoft-Plattformen laufen, so sein pragmatischer Ansatz. Er habe kein Problem damit, eine heterogene IT-Infrastruktur zu betreiben. Momentan gebe es auch keine homogene DV-Architektur innerhalb der Münchner Verwaltung.

Damit werden auch die bisher kursierenden Zahlen über das angebliche Auftragsvolumen zur Makulatur. Wolowicz zufolge lässt sich erst nach Abschluss des Feinkonzepts sagen, welche Kosten wirklich auf die Stadt zukommen: "Zahlen, die aktuell in der Öffentlichkeit kursieren, sind im Grunde Prognosen und Schätzungen auf Basis von Annahmen. Die sind teilweise sehr vage." Afid-Mitarbeiter Höfer bezeichnet Äußerungen, Microsoft seien 30 Millionen Euro durch die Lappen gegangen, als "Schmarrn". Hier seien auch Kosten für Schulungen eingerechnet, die im Haushalt der Stadt jedoch kaum wirksam würden. So lasse sich der Aufwand, wenn ein städtischer Angestellter einen Tag auf Schulung geht, nicht abrechnen. Auch die Kontrahenten zweifeln an den Unilog-Zahlen. Norman Heydenreich, Vertriebsdirektor für den Bereich öffentliche Verwaltung bei Microsoft, versichert, der an Unilog gemeldete Gesamtpreis von Microsoft habe unter sieben Millionen Euro gelegen. Unilog veranschlagte für die Microsoft-Offerte zuletzt rund 27 Millionen Euro. Richard Seibt, Chef des Nürnberger Linux-Distributors Suse, kann sich den Preis von knapp 34 Millionen Euro für das eigene Angebot ebenfalls kaum erklären. Er wisse nicht, welche Aufwendungen die Berater noch dazugerechnet hätten. Über den angeblichen Schulungsaufwand von 20 Millionen Euro "lache ich mich tot", so Seibt. Unilog selbst will die Zahlen der Studie nicht kommentieren.

Neben den offenen Fragen nach Projektinhalten und -kosten bleibt auch unbeantwortet, wer das Vorhaben realisieren wird. Insider behaupten, es werde bereits in den nächsten vier bis acht Wochen Gespräche darüber geben, welche Produkte von welchem Hersteller auf welcher Plattform laufen sollen.

Auch Sun hofft auf einen Auftrag

Genährt werden diese Spekulationen dadurch, dass die Münchner IT-Mitarbeiter im Grunde vor der Feinkonzeption wissen müssen, mit welchen Produkten sie ihre Fachanwendungen testen sollen. Tests mit Produkten, die dann gar nicht zum Einsatz kommen, geben keinen Sinn. Neben IBM und Suse macht sich auch Sun, das erst vor kurzem einen Kooperationsvertrag mit dem Linux-Distributor Red Hat abgeschlossen hat, Hoffnungen. Suns Marketing-Leiter Martin Häring bestätigt erste Gespräche mit den Verantwortlichen der Stadt München. Gerade mit dem Büropaket "Star Office" sei Sun gut im Rennen. Er könne sich aber auch einen Generalunternehmer IBM vorstellen, der Star-Office-Service von Sun zukauft. "IBM wie Sun wird jedoch daran gelegen sein, den Gesamtauftrag zu bekommen."

Eigene Open-Source-Architektur?

Diesen Hoffnungen verpassen Wolowicz und Höfer allerdings einen Dämpfer. So fragt Wolowicz, ob es überhaupt eine Ausschreibung geben müsse. Schließlich lasse sich Open Source einfach herunterladen. Auch Höfer vom Afid stellt die Möglichkeit zur Diskussion, dass sich München seine Open-Source-Architektur selbst zusammenbaue. Was Dienstleistungen angeht, geben sich beide zurückhaltender. So fürchtet Wolowicz, dass die meiste Arbeit an den IT-Bediensteten der Stadt hängen bleiben wird. Allerdings seien die Ressourcen angesichts anderer Großvorhaben wie etwa einer flächendeckenden SAP-Einführung begrenzt, warnt Höfer. Deshalb sei es wahrscheinlich, dass die Stadt auf externe Hilfe zurückgreifen müsse. Die könnten jedoch auch Studenten der Technischen Universität München leisten, erläutert der Afid-Chef. Angesichts der chronisch leeren Stadtkassen eine denkbare Alternative zu teuren Dienstleistern. Wolowicz zufolge hat der Stadtrat auf die Personalprobleme insofern Rücksicht genommen, als keine Fristen für die Migration festgelegt wurden. Damit sei den IT-Abteilungen eine mehrjährige Projektlaufzeit zugestanden. Viel Stoff für weitere weiß-blaue IT-Geschichten aus München.

Bis zuletzt wurde hinter den Kulissen hart um den symbolträchtigen Auftrag gerungen. Schließlich geht es bei dem anstehenden Großvorhaben um die Migration von 14000 Rechnern der Stadtverwaltung München, die momentan noch unter Windows NT laufen. Da Microsoft den Support für dieses System aufgibt, sahen sich die Münchner IT-Verantwortlichen vor die Wahl gestellt, mit Windows XP weiter auf die Microsoft-Karte zu setzen oder mit einer Open-Source-Lösung Neuland zu betreten.

Der Stadtrat hatte bereits im vergangenen Jahr den Beratungsdienstleister Unilog Integrata damit beauftragt, Vor- und Nachteile einer Microsoft- sowie einer Open-Source-Lösung zusammenzustellen und zu bewerten. Nachdem die Berater in ihrem ersten Ergebnis, das sie Ende letzten Jahres vorlegten, die Open-Source-Variante aufgrund der qualitativ-strategischen Vorteile empfahlen, gelang es Microsoft - auch mit persönlichem Einsatz von CEO Steve Ballmer, der Oberbürgermeister Christian Ude einen Besuch abstattete - zunächst, das Ergebnis noch zu drehen. In Workshops mit den Münchner IT-Managern besserten die Redmonder ihr Angebot derart nach, dass die versprochenen wirtschaftlichen und technischen Vorteile nun den strategischen Nachteil überwogen. Als dann jedoch IBM und Suse ebenfalls Gelegenheit zum Nachbessern bekamen, sahen die Unilog-Berater Ende Mai die Kontrahenten auf der Zielgeraden Kopf an Kopf.

Zwei Tage vor der entscheidenden Stadtratssitzung am 28. Mai votierten die Fraktionen von SPD und Bündnis Grüne/Rosa Liste intern für die Open-Source-Lösung. Microsoft versuchte tags darauf mit einer erneut modifizierten Offerte, das Blatt noch einmal zu wenden. In Stadtratskreisen kursierten Gerüchte, der Softwarekonzern habe sein Angebot um sieben Millionen Euro nachgebessert.

Dieser letzte Versuch, den IT-Auftrag der Stadt München doch noch zu ergattern, erwies sich aber als Bumerang. Oberbürgermeister Ude zeigte sich erstaunt darüber, welche unglaublichen Gewinnspannen Microsoft anfangs offenbar eingeplant hatte. Dies werfe kein gutes Licht auf den Monopolisten, kritisierte er. Auch Jens Mühlhaus, Stadrat der Grünen-Fraktion, äußerte Zweifel an der Seriosität derartiger Last-Minute-Angebote.

Stadträte wollen Unabhängigkeit

Der Beschluss pro Open Source sei strategisch, erläutert SPD-Stadtrat Haimo Liebisch. Hinter dem offenen Quellcode stecke ein vollkommen anderes Konzept, das der Stadt langfristig Vorteile bringe. Außerdem sei man damit unabhängig von fremdgesteuerten Innovationszyklen und Update-Zwängen. Dies sei höher zu bewerten als die kurzfristigen wirtschaftlichen Vorteile, die eine Microsoft-Lösung geboten hätte.

Verlierer Microsoft versucht in ersten Reaktionen, die Bedeutung der Münchner Entscheidung herunterzuspielen. "Der Beschluss ist rein politischer Natur und deshalb nicht typisch", beteuert Heydenreich. Er glaube daher auch nicht an eine Signalwirkung für andere Kommunen. Außerdem habe Microsoft schließlich das wirtschaftlich günstigere Angebot abgegeben. Dies hätten die Vertreter der Stadt und des Beratungsdienstleisters bestätigt. Die Spekulationen, Microsoft habe seine Offerte in der letzten Woche um sieben Millionen Euro nachgebessert, weist Heydenreich als Unsinn zurück. Man habe lediglich bereits zuvor abgegebene Versprechen zu Einsparpotenzialen bestätigt und mit Garantien untermauert. Das betreffe beispielsweise kostenlosen Support für Migration und Schulung. Ansonsten seien keine zusätzlichen Rabatte gewährt worden. Das Angebot habe sich strikt an den Richtlinien des kürzlich mit dem Bundesinnenministerium vereinbarten Rahmenvertrags orientiert.

Seibt: Ein zweiter Mauerfall

Während sich die Microsoft-Verantwortlichen um Schadensbegrenzung bemühen, triumphieren die Linux-Verfechter. Walter Raizner, Deutschland-Chef von IBM, interpretiert den Beschluss der Münchner Politiker als Ritterschlag für Linux. Suse-Chef Seibt spricht pathetisch von einem zweiten Mauerfall mit all den positiven Auswirkungen für die Menschen, die befreit würden. Außerdem könnten sich die Kostenvorteile durch den wachsenden Wettbewerb im Linux-Umfeld zusätzlich potenzieren. "München wird von dieser Entscheidung extrem profitieren."