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MUDDA: Peter Gabriel und Brian Eno gehen in die Online-Offensive

27.01.2004

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Die beiden Musikveteranen Peter Gabriel (vor Phil Collins Genesis-Sänger, seither solo) und Brian Eno (griff früher unter anderem für Roxy Music in die Tasten) haben die Marketing-Messe Midem in Cannes gestern dazu genutzt, die "Magnificient Union of Digitally Downloading Artist" oder kurz MUDDA ins Leben zu rufen. In einem Manifest appelliert das Duo an die werte Kollegenschaft, sich nicht die Chancen eines unabhängigen Vertriebs über das Netz verbauen zu lassen und sich stärker von Labels unabhängig zu machen.

"Wenn Künstler nicht rasch die sich ihnen bietenden Chancen nutzen, dann werden die Regeln geschrieben, und sie werden ohne viel Input der Künstler geschrieben werden", warnte Eno, der seit langem mit Technik experimentiert. Ohne die Plattenfirmen könnten Künstler ihre eigenen Preise und Agendas bestimmen, erklärten die Musiker, die MUDDA binnen Monatsfrist offiziell etablieren wollen. Der eine könne einen Monat lang jeden Tag eine Minute Musik veröffentlichen, ein anderer vielleicht unterschiedliche Versionen eines Stücks anbieten und die Fans abstimmen lassen, welche die beste sei.

Gabriel, der ein eigenes Label betreibt, betonte, es gehe nicht darum, die Plattenfirmen auszubooten. Vielmehr wolle er Künstlern einfach mehr Wahlmöglichkeiten bieten. "Es gibt ein paar Musiker, die schon versucht haben, alles selbst zu regeln", so Gabriel, auch wenn diese oftmals hätten feststellen müssen, dass ihnen Buchhaltung und Marketing nicht lägen. "Wie glauben, dass es alle möglichen Modelle dafür gibt."

Die US-Kultband Phish beispielsweise, die ähnlich innige Fans wie die legendären Grateful Dead hinter sich herzieht, verkauft auf ihrer Website Konzernmitschnitte zum Download - und nahm damit seit 2002 bereits mehr als 2,25 Millionen Dollar ein.

Forrester-Analyst Josh Bernoff vermutet allerdings, dass direkter Vertrieb über das Netz vor allem für Musiker interessant ist, die bislang noch keinen Plattenvertrag haben. "Für alle anderen dürfte das mit ziemlicher Sicherheit eine Vertragsverletzung bedeuten", warnt der Experte. "Es ist nicht im Interesse einer Plattenfirma, wenn es draußen große Mengen Musik gibt, die sie nicht kontrolliert."

Peter Gabriel ist Mitgründer der Firma On Demand Distribution (OD2), die in elf europäischen Ländern legale Download-Sites betreibt. Diese soll die technische Plattform für MUDDA liefern, darüber hinaus suchen Gabriel und Eno aber weitere Online-Partner.

Speziell nach dem US-Start von legalen Musikbörsen wie iTunes Music Store und Napster - beide wollen heuer auch in Europa loslegen, kämpfen aber noch mit dem Dschungel unterschiedlicher Urheber- und Lizenzrechte -, die vor allem einzelne Titel verkaufen, vermuten Branchenkenner, dass komplette Alben immer mehr an Bedeutung verlieren. Auch Eno und Gabriel würden ab und an mal gern einen einzelnen Titel unabhängig herausbringen.

"Ich bin als Musiker unglaublich langsam", erklärt der frühere Genesis-Frontmann, der inzwischen vor allem World Music vertreibt. "Könnte man ein paar dieser Songs einfach so bringen, dann wäre man nicht so in diesem ewigen alten Album-Zyklus gefangen." Gabriel würde gern verschiedene Versionen eines Songs herausbringen und unfertiges Material von Kollegen anhören. "Im Moment tendieren wir dazu, den Augenblick zu suchen, an dem ein Lied passt. Man jagt die Nadel in den Schmetterling, steckt ihn in die Schachtel und verkauft die Schachtel", erklärt der Sänger. "Musik ist doch eigentlich etwas, das lebt und sich entwickelt." (tc)