Mozilla schickt Firefox 3 ins Rennen

Thomas Cloer war viele Jahre lang verantwortlich für die Nachrichten auf computerwoche.de.
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Nach fast drei Jahren Entwicklungsarbeit der Community ist der Open-Source-Browser beim Release 3.0 angelangt.

Auch wenn die Zeiten der Browser-Kriege längst passé sind: Software-as-a-Service (SaaS), Cloud Computing und "Web 2.0" machen die Internet-Zugangssoftware immer mehr zu einer der wichtigsten Applikationen auf dem vernetzten PC. Die Veröffentlichung von Firefox 3.0 in dieser Woche ist eine gute Gelegenheit, eine Zwischenbilanz zu ziehen.

Den Browser-Markt dominiert schon seit Jahren der Internet Explorer von Microsoft. In den USA kommt er noch immer auf rund 80 Prozent Marktanteil, was der Bündelung mit dem Betriebssystem Windows und proprietären Techniken wie ActiveX geschuldet ist. Allerdings hatte Microsoft seinen Browser nach der Version 6.0 lange Zeit nicht weiterentwickelt und gängige Web-Standards des Konsortiums W3C nur unzureichend unterstützt.

Das verhalf Alternativen und hier zuvorderst Firefox in den vergangenen Jahren zu deutlichem Wachstum. Speziell in Europa ist der Mozilla-Browser beliebt und erreicht teilweise schon Marktanteile von deutlich über 30 Prozent. Nennenswert sind ansonsten nur noch Apples "Safari", der von der neuen Popularität der Mac-Hardware profitiert, und Opera, dessen norwegischer Hersteller sich allerdings verstärkt auf mobile und sonstige Endgeräte fokussiert hat.

Viele Verbesserungen unter der Haube

Im Vergleich zum Mozilla-Browser landen Safari und Opera allerdings nur unter ferner liefen. Und Firefox 3.0 hat das Zeug dazu, den IE noch stärker zu fordern als bislang. Der Browser basiert auf Version 1.9 der Rendering-Engine "Gecko" mit mehr als 15 000 Änderungen, für die die Entwickler höhere Leistung, bessere Stabilität und Darstellungsqualität sowie einfacheren und nachhaltigeren Code reklamieren.

Aus Sicht des Endanwenders hat Mozilla den Firefox 3.0 primär in den Bereichen Sicherheit, Benutzerfreundlichkeit und Personalisierung weiterentwickelt. Unter den zahlreichen Neuerungen besonders hervorzuheben sind

  • eine stärkere Verzahnung mit den wichtigsten Betriebssystem-Platttformen Windows, Mac OS X und Linux,

  • eine neue Adresszeile mit intelligenter automatischer Vervollständigung,

  • die neue Lesezeichen-Bibliothek mit verschiedenen Ansichten und Smart Folders für Bookmarks, Tags und Chronik,

  • Abspeichern von Lesezeichen mit einem Mausklick,

  • besserer Schutz vor Malware und Phishing,

  • ein neuer Download-Manager mit Resume-Funktion,

  • eine Zoom-Funktion für die komplette Seite,

  • Markieren unabhängiger Textblöcke sowie

  • die Unterstützung Web-basierender Protocol Handler.

Entwickler dürfen sich unter anderem über Verbesserungen bei der Umsetzung von Standards wie Cascading Style Sheets (CSS), Scalable Vector Graphics (SVG), neue Schriften- und Farbverwaltung sowie die Unterstützung für Offline-Funktionalität von Web-Applikationen freuen. Generell glänzt Firefox 3.0 mit einer deutlich schnelleren Javascript-Engine (Web-Anwendungen wie "Google Mail" oder "Zoho Office" sollen damit doppelt so schnell sein wie in Firefox 2), reduziertem Arbeitsspeicherbedarf und absturzsicherer Speicherung der Benutzerdaten in einem transaktionssicheren Datenbankformat. Der Technik-Kolumnist des "Wall Street Journal" Walt Mossberg kommt angesichts all dessen in seinem Test von Firefox 3.0 zu dem simplen Schluss, dieser sei im Augenblick der beste erhältliche Browser.

Internet Explorer 8: Abkehr vom proprietären Sonderweg

Auch Microsoft hat inzwischen eingesehen, dass im Web offene Standards das Sagen haben. Mit dem kommenden Internet Explorer 8 verlässt der Konzern weitgehend seine proprietären Sonderwege. Das wird allerdings nicht einfach, da es speziell in Firmennetzen noch viele "IE-optimierte" Applikationen gibt. Microsoft sieht sich daher zumindest für eine Übergangszeit noch gezwungen, einen Kompatibilitätsmodus zum IE 7 anzubieten. In den IT-Abteilungen von Microsoft-Shops will der Konzern dafür mit verbesserten Verwaltungsfunktionen punkten.

Die zweite Beta des IE 8 wird für den kommenden August erwartet. IT-Verantwortliche sollen den Browser deutlich einfacher firmenweit ausrollen können als bisher. Dazu haben die Entwickler unter anderem das so genannte Slipstreaming verbessert, über das sich der Browser zusammen mit dem Betriebssystem Vista ausbringen lässt. Daneben wird die zweite Beta erneuerte Versionen des IE Application Compatibility Toolkit (ACT) und des IE Administration Kit (IEAK) enthalten, Gruppenrichtlinien für die Anwendungskompatibilität nutzen und sich besser von Abstürzen erholen.

Im IE Blog von Microsoft schreiben Program Manager Jane Maliouta und Product Manager James Pratt, Microsoft habe den Wunsch der Kunden aufgenommen, den Browser leichter in Betriebssystem-Images einbauen zu können. Heutzutage dauere es rund zwei Stunden, um sicherzustellen, dass der IE 7 zusammen mit Windows XP verteilt werde. "Um den IE 8 mit Vista zu slipstreamen, braucht man nur noch zehn bis 15 Minuten pro Image", versprechen die beiden Microsoftler. "Außerdem lassen sich die kumulativen Updates für den IE 8 ebenfalls slipstreamen, so dass man stets das aktuellste und sicherste Image verteilt."

In Sachen Anwendungskompatibilität ergänzt Microsoft das ACT um neue Events, die Probleme zwischen dem IE 8 und internen Applikationen auf Web-Seiten erkennen und beheben. Über Group Policies kann der Administrator individuelle Voreinstellungen verhindern, die die Kompatibilität mit Anwendungen ruinieren könnten.

Opera

Nach fast zwei Jahren hat derweil die zunehmend auf den Mobilmarkt fokussierte norwegische Softwareschmiede Opera - schon einige Tage vor Firefox 3.0 - wieder ein Major Release ihres Desktop-Browsers veröffentlicht. "Opera 9.5" bietet gegenüber der Vorversion 9.2 laut Hersteller unter anderem eine rund 50 Prozent höhere Rendering-Geschwindigkeit. Weitere Neuerungen sind "Opera Link" (zentrale Speicherung von Lesezeichen, Speed Dial und Notizen) zum Abgleich mit dem Handy-Browser "Opera Mini", "Quick-Find"-Volltextsuche über zuvor besuchte Web-Seiten und eine neu gestaltete Benutzeroberfläche ("inspired by the best in Scandinavian design").

Opera 9.5 gibt es unter anderem für Windows, Mac OS X, Linux, FreeBSD und Solaris. Der Browser ist kostenlos, aber nicht Open Source. Die Entwickler in Oslo arbeiten derweil schon an der nächsten größeren Opera-Version, die unter dem Codename "Peregrine" (Wanderfalke) entsteht.

Apple/Safari

Apple schließlich hat auf seiner weltweiten Entwicklerkonferenz WWDC in der vergangenen Woche eine erste Vorabversion von "Safari 4" verteilt. Diese neue Version des auf dem quelloffenen Engine-Projekt "Webkit" basierenden Browsers wird in der Lage sein, Web-Seiten als Desktop-Programme zu kapseln und lokal zu speichern. Dank einer neuen Javascript-Engine soll Safari mit dynamischen Anwendungen künftig ebenfalls deutlich schneller laufen als bisher - und als erstes offizielles Release von Apple den "Acid3"-Test des Web Standards Project bestehen (aktuelle Webkit-Nightlies schaffen das bereits). Dazu gesellen sich neue Optionen für die Verwaltung von Tabs und Fenstern. Wann Safari 4 erscheinen wird, ist noch nicht bekannt.

Guinness-Buch?

"Firefox 3 ist das größte und wichtigste Release in der Geschichte von Mozilla." Mit diesen Worten hat Chefentwickler Mike Schroepfer die bevorstehende Veröffentlichung der neuen Browser-Version kommentiert. Man darf gespannt sein, ob die weltweite Internet-Gemeinde das genauso sieht. Wenn Sie dieses Heft in Händen halten, steht zumindest fest, ob Mozilla mit seinem Versuch erfolgreich war, es mit einem neuen Rekord für die meisten Downloads einer neuen Software an einem Tag in das Guinness-Buch der Rekorde zu schaffen.

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