Online-Weiterbildung

MOOCs - die neue Art des Lernens

Ingrid Weidner arbeitet als freie Journalistin ín München.
Eine neue Lernform erobert die Weiterbildungsszene: Massive Open Online Courses (MOOCs). Dabei werden Lerninhalte kostenlos und in großem Umfang via Netz zur Verfügung gestellt, wo sie von vielen - potenziell vernetzten - Lernwilligen aufgegriffen werden.

Ein neuer Trend aus den USA erreicht hierzulande die berufliche Weiterbildungsszene: MOOCs. Hinter dem Akronym verbirgt sich wörtlich übersetzt "Massive Open Online Courses". Das Konzept ist simpel und effektiv. Vorlesungen, Lerneinheiten und Aufgaben zu bestimmten Themen stehen über eine Internet-Plattform - zumindest theoretisch - kostenlos einem unendlich großen Publikum zur Verfügung.

Was ist ein MOOC?

Der aus den USA kommende Trend "Massive Open Online Course", kurz MOOC, beschreibt eine spezielle Form von Online-Kursen, an denen sich - sofern es die technische Infrastruktur erlaubt - unbegrenzt viele Lernende beteiligen können. MOOCs verknüpfen verschiedene Formen des Online-Lernens wie Videos, Lernmaterial und Fragen zum Lernstoff. Sie offerieren Foren, in denen sich Lehrende und Lernende austauschen und Arbeitsgruppen bilden können.

Zwei unterschiedliche MOOCs haben sich etabliert:

- xMOOCs: Ursprünglich aufgezeichnete, klassische Vorlesungen, die den Studenten online als Video zur Verfügung stehen und um Fragen und Quizze ergänzt wurden. Laut Wikipedia steht das vorangestellte "x" für "extension".

- cMOOCs: Legen den Fokus auf das gemeinsame Lernen und erinnern stärker an ein klassisches Seminar. Die Teilnehmer tauschen sich in Foren aus, bilden Arbeitsgruppen und helfen sich gegenseitig.

Gemeinsam ist den unterschiedlichen MOOCs, dass es für die frei zugänglichen Kurse feste Anfangs- und Abschlusszeiten gibt. Dazwischen können die Lernenden den Stoff individuell und im eigenen Tempo erarbeiten.

Das Hasso-Plattner-Institut (HPI) in Potsdam zählt zu den ersten Hochschulen, die auf diese Weiterentwicklung des E-Learnings setzen. "Wir haben sofort die Idee dahinter verstanden", erläutert Institutsdirektor Christoph Meinel: "Mit den MOOCs lässt sich die soziale Komponente des Lernens einbeziehen." Schon seit vielen Jahren stellte die Hochschule Mitschnitte von Vorlesungen und Konferenzen über eine eigene Plattform ins Netz. Das jetzige Angebot bietet den Lernenden allerdings deutlich mehr: Die sechswöchigen Kurse mit einem festen Starttermin bereiten mit Eingangstests auf das Thema vor. Jede Woche kommen neue Videosequenzen im Stil von kurzen Vorlesungsmitschnitten, Studienmaterial, Wissenstests und Hausaufgaben hinzu. In Foren tauschen sich die Teilnehmer aus, und ein Abschlusstest beendet den Kurs.

HPI-Institutsdirektor Christoph Meinel: "Mit den MOOCs lässt sich die soziale Komponente des Lernens einbeziehen."
HPI-Institutsdirektor Christoph Meinel: "Mit den MOOCs lässt sich die soziale Komponente des Lernens einbeziehen."
Foto: HPI

Doch ist das wirklich neu? Bereits um die Jahrtausendwende boten diverse Startups Plattformen, die sogenannte virtuelle Lernräume simulierten und all die Features, die heute als neu gelten, bereits enthielten. Für Meinel ist das Originelle und letztendlich Entscheidende am MOOC-Konzept das "M" - nämlich dass sich viele Teilnehmer zu einem Kurs zusammenfinden, der Austausch untereinander sehr schnell verläuft und das Lernen damit eine eigene Dynamik entwickelt. Das HPI ging im September 2012 mit seinem Angebot an den Start, Hasso Plattner selbst erklärte im ersten MOOC die In-Memory-Technik.

103.000 Lerner auf openHPI

Mittlerweile läuft dort bereits der neunte Kurs. Alle Angebote sind kostenlos und die Teilnehmerzahlen beeindruckend. Mehr als 103.000 Lernende aus 106 Länder haben sich auf der Plattform "openHPI" registiert, rund 13.000 Zertifikate und 16.000 Teilnehmerbescheinigungen stellte die Hochschule bisher aus. "Die meisten Teilnehmer sind zwischen 30 und 40 Jahre alt, allerdings erwerben die 50- bis 60-Jährigen die meisten Zertifikate", sagt Meinel. Während an der als elitär geltenden Hochschule pro Semester nur rund 80 Studenten ihre Ausbildung beginnen, verfolgen rund 9000 Teilnehmer so einen Online-Kurs.

Hasso Plattner vom HPI erläutert die In-Memory-Technik. Und zwar nicht nur für ein paar Studierende, sondern via Online-Plattform MOOC jedem, der sich dafür interessiert.
Hasso Plattner vom HPI erläutert die In-Memory-Technik. Und zwar nicht nur für ein paar Studierende, sondern via Online-Plattform MOOC jedem, der sich dafür interessiert.
Foto: HPI

Meinel sieht viele Vorteile in dem neuen Bildungsangebot. An der am HPI entwickelten Plattform arbeiten Studenten mit. Auch das Angebot open.sap.com läuft über die Potsdamer Plattform. Wie sich das Lernverhalten mit den neuen Online-Methoden verändert, interessiert die HPI-Forscher besonders. Und über ihre eigene Plattform sammeln sie dafür wertvolle Daten. Außerdem positioniert sich die Hochschule mit ihrem Angebot in der beruflichen IT-Weiterbildung. Auch neue Methoden wie Gamification, also das spielerische Lernen, nennt Meinel als Trend, den das HPI in zukünftige Kurse integrieren möchte. Ebenso tüfteln sie an personalisierten, auf den Lernenden zugeschnittenen Inhalten.

Der Professor im Netz

MOOCs erweitern das Spektrum des Lernens um einen spielerischen Aspekt. Im Gegensatz zu einer klassischen Vorlesung bieten professionelle MOOCs kürzere Videosequenzen, eingestreute Folien, und Quizze lockern den Lernstoff auf und gestalten ihn abwechslungsreicher. Allerdings bleiben Vorlesungen von rhetorisch mäßig begabten Dozenten auch in Zeiten von MOOCs, was sie im wirklichen Universitätsleben sind - nämlich dröge. Doch die virtuell Lernenden sind klar im Vorteil, denn vor dem eigenen Rechner muss es niemandem peinlich sein, sich nebenher einen Kaffee zu holen oder News an Freunde zu posten.

Auch der Weiterbildungsexperte Jochen Robes sieht in der Personalisierung der Lerninhalte eine große Chance für MOOCs, weist aber auch auf die strikten Datenschutzbestimmungen hierzulande hin. Robes informiert mit seinem "Weiterbildungsblog" im Netz regelmäßig über Trends im Trainingsmarkt. Mit den MOOCs sei neuer Schwung in die Digitalisierung der Hochschulen gekommen.

Weiterbildungsexperte Jochen Robes: "In den USA haben Risikogesellschaften viel Geld für MOOC zur Verfügung gestellt, sie sehen darin eine große Chance."
Weiterbildungsexperte Jochen Robes: "In den USA haben Risikogesellschaften viel Geld für MOOC zur Verfügung gestellt, sie sehen darin eine große Chance."
Foto: Robes

Das gilt auch für die betriebliche Weiterbildung: Die IMC AG aus Saarbrücken zählt zu den ersten kommerziellen Anbietern in Deutschland. Seit Ende 2012 beschäftigt sie sich mit dem Thema, Anfang 2013 gab es die ersten Kurse. Als treibende Kraft wirkt auch hier ein Schwergewicht der IT-Branche, nämlich der Unternehmer und Wissenschaftler August-Wilhelm Scheer."Für uns war das Thema anfangs ein völlig offenes Feld", erläutert IMC-Entwicklerin Katharina Freitag, die gemeinsam mit etwa zehn Kollegen im Projektteam MOOC arbeitet. "Wir merken immer mehr, wie stark es sich mit unserer Lernplattform verzahnen lässt." IMC entwickelt sich zu einem Full-Service-Provider, der neben der Plattform auch eine ganze Palette an Inhalten produziert. Mittlerweile arbeitet das Unternehmen mit einem Netzwerk an Partnern zusammen. Dazu zählen Unternehmen wie Microsoft, Forschungseinrichtungen und Hochschulen aus der ganzen Bundesrepublik. Der Fokus des Angebots liegt auf Fach- und IT-Themen. Noch dominiert als Kurssprache Deutsch, bald sollen zusätzliche englischsprachige Kurse hinzukommen.

Das Lernangebot ist keineswegs eine Einbahnstraße. "Mit dem Feedback von den Kursteilnehmern haben wir Design und Funktionalität unserer Plattform verbessert", freut sich Freitag. Inzwischen fragen Firmen individuell zugeschnittene Angebote nach oder wünschen sich MOOCs im eigenen Design: "Manche Unternehmen lassen Bildungsinhalte für ihre firmeninterne Weiterbildung bei uns produzieren, andere sponsern die Kurse und nutzen sie als Marketing-Instrument."

Schwierige Suche nach einem Geschäftsmodell

"Momentan steckt bei den MOOCs in Deutschland viel idealistisches Engagement hinter den kostenlosen Angeboten im Netz", meint Lutz Goertz vom MMB-Institut für Medien- und Kompetenzforschung in Essen. Doch neben innovativen Kursen treibt Anbieter die Frage nach tragfähigen Geschäftsmodellen um, denn schließlich reicht Enthusiasmus alleine nicht aus. "In den USA haben Risikogesellschaften viel Geld zur Verfügung gestellt", weiß Robes und ergänzt: "Dort wird das für alle offene Konzept schon angeknabbert." Erste Tutoren, Prüfungen oder Zertifikate sind mittlerweile kostenpflichtig. Aber reicht das? Katharina Freitag nennt Zahlen. Zwischen 15.000 und 20.000 Euro koste die Produktion eines professionellen MOOC, das sich aus vier bis sechs Modulen mit einer Lerndauer von zwei bis vier Stunden zusammensetzt. Allein über Zertifikate, die bei den IMC-Kursen bei etwa 95 Euro liegen, lassen sich solche Angebote nicht seriös refinanzieren. Robes sieht MOOCs auch als Marketing-Instrument, in das Firmen investieren. Als weiteres Spielfeld eignen sich seiner Meinung nach Change-Prozesse, über die Mitarbeiter mittels dieser Kursmodule auf dem Laufenden bleiben.

Doch die hohen Nutzerzahlen täuschen. Mancher meldet sich aus Neugier an, wirft aber im Lauf des Kurses das Handtuch. Christoph Meinel rechnet vor: Wenn sich 10.000 Nutzer für einen Kurs registrieren, beteiligt sich etwa die Hälfte aktiv, etwa ein Drittel von diesen Lernenden schaffen auch die Prüfungen, und am Ende erhalten rund 2500 ein Zertifikat. Doch was ist eine solche Bescheinigung wert, bei der jeder zu Hause vor seinem Rechner sitzt und schummeln kann? Der Potsdamer HPI-Professor weiß um die Kritik: "Wir kennen nur die E-Mail-Adresse des Lernenden und schätzen den Lernerfolg vorsichtig ein. Für mich ist es mehr eine qualitative Aussage: Jemand beschäftigt sich intensiv mit einem Thema." Meinel berichtet, dass die Gesellschaft für Informatik (GI) auf seine Hochschule mit dem Vorschlag zukam, die Kurse um eine Abschlussprüfung unter Aufsicht zu ergänzen. Doch das käme aus logistischen Gründen vermutlich nur für deutsche oder europäische Teilnehmer in Frage.

Jörn Loviscach - einer, der überzeugt

Einer, der hierzulande früh seine Vorlesungen online zur Verfügung stellte und neben seinen Studenten auch die Netzgemeinde für Mathematik begeistert, ist Jörn Loviscach, Professor für Ingenieurmathematik und technische Informatik an der Fachhochschule Bielefeld.

Seine mehr als 2500 Videos auf Youtube (Stichwort "Loviscach") erzielten bisher mehr als acht Millionen Aufrufe. Prädikat: sehenswert, und jeder lernt etwas dabei.

Das schöne MOOC-Motto von der "Demokratisierung der Bildung" verliert mit Bezahlmodellen etwas von seiner Strahlkraft. Zukünftig wird es wohl alles geben: Kostenlose und für alle offene Kurse, kostenpflichtige Zusatzangebote für Ehrgeizige, Marketing-getriebene und von Firmen bezahlte MOOCs. Die Angebote des HPI sollen weiterhin kostenlos bleiben. (hk)