Kolumne

"Monokultur in der Softwarelandschaft"

22.03.2002
Heinrich Vaske Chefredakteur CW

Für die meisten CeBIT-Besucher war es nur eine Randnotiz: SAP schluckt den israelischen Softwareproduzenten Top Manage, eine Klitsche mit 70 Mitarbeitern und ein paar hundert Kunden. Aussteller aus der mittelständisch geprägten deutschen Softwareindustrie traf die Meldung jedoch wie ein Hammerschlag. Im Markt für betriebswirtschaftliche Standardsoftware dürften schon bald neue Gesetze herrschen.

Jahrelang hatte SAP zunächst R/3, später dann auch Mysap.com als skalierbare Suite angepriesen, die die gesamte Bandbreite und Branchenvielfalt des Mittelstands abdeckt. Wer die Komplexität, Funktionsvielfalt und den Ressourcenbedarf der Software kennt, hat darüber nur gelacht. Die mittelständische Konkurrenz war wenig besorgt: Solange SAP den vorhandenen Softwaremonolithen als Grundlage für Mittelstandsofferten anbieten würde, schien keine Gefahr im Verzug.

Mit dem Zukauf der israelischen Softwareschmiede Top Manage ist alles anders geworden. SAP zieht jetzt die Konsequenz aus der Tatsache, mit der angestammten Software große Teile des Mittelstands nicht erreicht zu haben. Die Top-Manage-Software hält nach Einschätzungen von Testern schon so, wie sie ist, den Angeboten der Konkurrenz stand. Die Walldorfer haben genügend Ressourcen, um die Software zu einem führenden Produkt auszubauen. Hinzu kommt, dass der Name SAP Investitionssicherheit verspricht - von einigen am Neuen Markt notierten Wettbewerbern kann man das nicht sagen.

SAP musste sich etwas einfallen lassen, da sich das Wachstumstempo im gehobenen Marktsegment verlangsamt hat, der Bedarf im Mittelstand aber noch lange nicht gedeckt ist. Offenbar wollte das Unternehmen nicht länger mit ansehen, wie Navision seinen Marktanteil über ein funktionierendes Partnernetz ausweitet und Microsoft über Great Plains im ERP-Revier wildert.

Der Ausleseprozess unter den mittelständischen Anbietern betriebswirtschaftlicher Standardsoftware wird sich nun weiter beschleunigen. Eine kleine Anzahl hochkapitalisierter Softwarekonzerne könnte über kurz oder lang große Teile der blühenden Softwarelandschaft planieren. Viele Hersteller werden ausscheiden oder sich als Vertriebspartner weniger großer Player verdingen müssen - schade für die Kunden, deren Auswahl sich damit deutlich reduziert.