Studie zum Status Quo der Unternehmen

Mittelständler auf Digitalisierung unzureichend vorbereitet

17.11.2015
Von  und Francesco Gerweck  IDG ExpertenNetzwerk
Dr. Heinz Linss ist Experte für IT-strategische Themenstellungen. Zu seinen Schwerpunkten gehören die Neuausrichtung von IT-Organisationen und die Definition von Applikationslandschaften, insbesondere von IT-Systemlandschaften für den Personalbereich. Als Mitglied der Geschäftsleitung und Director Business Technology Management verantwortet er den Kompetenzbereich IT-Applikationen und Transformation.
Immer mehr Unternehmen befassen sich mit Digitalisierung. Aber viele sind unzureichend vorbereitet, um die Digitalisierung nachhaltig für den eigenen Unternehmenserfolg zu nutzen.

Die digitale Transformation innerhalb von Unternehmen ist aktuell einer der großen Trends und damit auch in aller Munde vertreten. Eine Nichtbeachtung beziehungswiese Unterschätzung dieses Trends könnte sich zu einer strategischen Fehlentscheidung entpuppen, den Unternehmenserfolg mittel- bis langfristig negativ beeinflussen und künftig viele Unternehmen aus dem Wettbewerb ausschließen. Somit ist es für Unternehmen elementar, sich nicht nur den Herausforderungen der Digitalisierung zu stellen, sondern sich bereits proaktiv darauf vorzubereiten.

Bei vielen mittelständischen Unternehmen steckt die Vorbereitung auf die eigene digitale Zukunft noch in den Kinderschuhen.
Bei vielen mittelständischen Unternehmen steckt die Vorbereitung auf die eigene digitale Zukunft noch in den Kinderschuhen.
Foto: wavebreakmedia - shutterstock.com

Das kommerzielle Internet existiert zwar "erst" seit etwa 9.000 Tagen, nimmt jedoch in der heutigen, sehr technologiegetriebenen Zeit eine Dynamik an, dessen Dimension nahezu alles vorhergewesene in den Schatten stellt. Gerade in diesem dynamischen Umfeld ist es für Geschäftsführer essentiell den Überblick zu behalten und nicht zwanghaft an alten Erfolgen und den zugrundeliegenden Entscheidungen festzuhalten, sondern das jeweilige Unternehmen digital und damit zukunftsträchtig zu organisieren.

Die Realität zeigt ein anderes Bild. Eine Kienbaumstudie brachte Erkenntnisse zum Vorschein, welche den Status Quo vieler Unternehmen mit Hinblick auf eine bevorstehende digitale Transformation ernüchtern lässt. Sie zeigt auf, dass viele Unternehmen intern noch nicht für eine digitale Transformation bereit sind. Dies wird unter anderem dadurch ersichtlich, dass viele Unternehmen die internen Handlungsbedarfe zwar rudimentär erkannt haben, aber dennoch keinerlei Bemühungen angestrebt haben, diese zu beseitigen.

Beispielsweise wurde erkannt, dass IT Systeme eine überdurchschnittlich hohe Bedeutung für eine erfolgreiche Kundenbeziehung haben. Prozesse an der Schnittstelle zum Kunden, wie beispielsweise Vertrieb und Services, wurden jedoch als qualitativ unterdurchschnittlich bewertet, was in Abbildung 1 illustrativ veranschaulicht wird. Dadurch, dass der Kunde mehr als je zuvor in den Mittelpunkt rückt und viele mittelständischen Unternehmen ihre jeweiligen IT Systeme und Prozesse nicht aufeinander abgestimmt haben, wird deutlich, dass eben diese Unternehmen für eine digitale Transformation nur unzureichend vorbereitet sind.

Abbildung 1: Überwiegender Grund für die Einführung von IT-Systemen ist die Verbesserung der Kundenbeziehung. Allerdings sind kundennahe Prozesse immer noch deutlich schlechter ausgeprägt als weniger kritische Prozesse.
Abbildung 1: Überwiegender Grund für die Einführung von IT-Systemen ist die Verbesserung der Kundenbeziehung. Allerdings sind kundennahe Prozesse immer noch deutlich schlechter ausgeprägt als weniger kritische Prozesse.
Foto: Kienbaum

Verstärkend kommt hinzu, dass Geschäftsführer beziehungsweise Vorstände, also die Entscheidungsträger innerhalb der Unternehmen, die IT Affinität ihrer Mitarbeiter und damit auch ein Stück weit die IT-Kompetenz in ihrem Unternehmen völlig euphemistisch bewerten, was letzten Endes zu falschen Entscheidungsgrundlagen und damit zu falschen Entscheidungen führt (siehe Abb. 2). Dieses Szenario könnte jedoch durch Anwendung der Studienergebnisse aus der Studie "IT-Systemeinführung im Mittelstand" ein Stück weit abgefedert werden, indem die Stimmen der IT Leiter, welche der Studie zufolge die IT Affinität deutlich realistischer einzuschätzen wissen, gehör bekommen und nicht wie momentan, kontinuierlich überhört werden.

Abbildung 2: Geringe IT-Affinität, insbesondere bei kundennahen Unternehmensbereichen.
Abbildung 2: Geringe IT-Affinität, insbesondere bei kundennahen Unternehmensbereichen.
Foto: Kienbaum

Aus den Studienergebnissen lässt sich somit ableiten, dass viele mittelständische Unternehmen die ersten Herausforderungen noch nicht angegangen sind und damit für die digitale Transformation nicht optimal vorbereitet sind.

Auf dem Weg zur Digitalisierung müssen sich Geschäftsführer fünf logisch aufeinander aufbauenden Herausforderungen stellen (siehe Abbildung 3), um den Unternehmenserfolg auch zukünftig zu sichern.

Abbildung 3: Die fünf Herausforderungen auf dem Weg zur Digitalisierung.
Abbildung 3: Die fünf Herausforderungen auf dem Weg zur Digitalisierung.
Foto: Kienbaum

Die Validierung des eigenen Geschäftsmodells ist keineswegs ein Indikator dafür, ob eine digitale Transformation generell durchgeführt werden sollte oder nicht, sondern zeigt vielmehr an, mit welcher Intensität an selbiger gearbeitet werden muss. Denn je zukunftsferner ein Geschäftsmodell aufgestellt ist, desto intensiver sollte an einer digitalen Transformation gearbeitet werden, um den Unternehmenserfolg auch zukünftig sicherzustellen.

Im nächsten Schritt sollten sich Unternehmen darüber bewusst werden, wie hoch der Betroffenheitsgrad durch die Digitalisierung für ihr jeweiliges Unternehmen tatsächlich ist. Ist das Geschäftsmodell derart konstruiert, dass Kunden zukünftig digitale Services explizit verlangen, oder ist das Geschäftsmodell so aufgestellt, dass eine Digitalisierung zunächst nur einen internen effizienzsteigernden Charakter annimmt? Denn durch die Digitalisierung erhalten Kunden eine vorher noch nie dagewesene Transparenz, welche eine enorme Partizipationsmöglichkeit bietet. Dies versetzt den Kunden in eine sehr komfortable Situation, so dass sich Unternehmen flexibel zeigen müssen, um sich den Kunden und dessen Bedürfnisse anzupassen.

Daran im Anschluss sollte die Unternehmensvision und die daran angeknüpfte Unternehmensstrategie angepasst werden. Es gibt sehr viele, nahezu brachenunabhängige Beispiele, welche die extremen Ausmaße einer verpassten Visions- und Strategieanpassung illustrieren. Beispiele dazu sind die Firma Kodak in der Fotografiebranche oder Nokia aus der Mobilfunkbranche. Gerade auch vor dem Hintergrund, dass Deutschland im europaweiten Vergleich hinsichtlich der digitalen Leistungsfähigkeit Platz zehn belegt, wie aus dem von der EU Kommission erstellen "Digitalen Wirtschafts- und Gesellschaftsindex 2015" hervorgeht, sollten deutsche Unternehmen ihre Unternehmensvision sowie die Unternehmensstrategie gründlich validieren, um auch zukünftig wettbewerbsfähig zu bleiben.

Bei der vierten Herausforderung, der Analyse der Ist-Situation, ist es elementar, dass Geschäftsführer die veraltete analoge Brille absetzen und damit beginnen, das Geschäftsumfeld digital und damit schärfer wahrzunehmen. Erstaunlicherweise ist dies auch heute noch bei den wenigsten mittelständischen Unternehmen der Fall, was die Studie offenlegte.

Die letzte der fünf Herausforderungen besteht darin, eine operative Roadmap zu generieren, welche die konkreten Maßnahmen auf dem Weg zur Digitalisierung beinhaltet. Dadurch ist eine strukturierte und ganzheitliche digitale Transformation möglich, welche aufgrund der aufeinander aufbauenden Logik resolut nachgegangen werden kann. Diese fünf beschriebenen Herausforderungen sollten im Zuge einer digitalen Transformation berücksichtigt werden, um den künftigen Unternehmenserfolg mindestens zu sichern. (bw)