Mit SAPs Business Suite 7 kommen Value Scenarios

Vice President Software & SaaS Markets PAC Germany
Der Hersteller will sich mit der neuen Suite von monolithischen Applikationssilos verabschieden. Bausteine sollen besser aufeinander abgestimmt sein.

Nein, SAP ändert das Lizenzmodell für die Business Suite nicht", macht Sven Denecken deutlich. Der Vice President Suite Solution Management bei SAP in Walldorf korrigiert damit Medienberichte, in denen von "neuen Lizenzkonzepten" sowie dem "An- und Abschalten von Softwarekomponenten nach Bedarf" die Rede war.

Verändern will SAP aber die Art, wie Anwender die Software verwenden. Hatte sich SAP bisher auf einzelne Suite-Module wie ERP, CRM und SCM konzentriert, will der Konzern nun das Augenmerk auf Geschäftsprozesse richten. Gelingen soll dies über "Value Scenarios": Sie beschreiben einen Prozess, der quer zu den Suite-Modulen gestaltet ist. Das Szenario "Time to Profit" beispielsweise zielt unter anderem darauf ab, die Kundenakquise und die Lieferkette eines Unternehmens zu verbessern. Hierzu wurden Prozessbeschreibungen, Ablaufsteuerung und Oberflächen zusammengestellt, über die entsprechende Funktionen der Suite, etwa aus dem CRM- und dem SCM-Modul, zugänglich sind. "Den Kunden soll nicht interessieren, ob die für einen Prozess erforderlichen Funktionen in unserer ERP- oder CRM-Software stecken", erläutert Denecken. Für die Einbindung von Funktionen aus unterschiedlichen Business-Suite-Elementen in die besagten Szenarien greift der ERP-Anbieter auf Service-orientierte Konzepte zurück, also auf die der Suite unterliegende Plattform "Netweaver" und das Enterprise Services Repository.

Modulübergreifende ERP-Prozessszenarien

Bisher musste der Kunde dies wissen, denn bis dato gab es solche Szenarien nicht, und Firmen blieb nichts anderes übrig, als sich die erforderlichen Funktionen aus den einzelnen Suite-Komponenten selbst zusammenzusuchen.

Die nun vorgestellte Business Suite 7 wird im Kern für mehrere Jahre unverändert bleiben, so SAP. Funktionale Ergänzungen werden die Kunden in regelmäßigen Abständen über Enhancement Packages erhalten. Enhancement Packages sind Erweiterungen für SAP-Software, die Anwender nach Angaben des Softwarehauses bei Bedarf und mit weit weniger Aufwand als bei einem klassischen Release-Wechsel einspielen können. Aktivieren lassen sich die Features eines Erweiterungspakets über das "Switch Framework".

Industriespezifische Funktionen

Bei Value Scenarios handelt es sich nicht um Produkte auf einer Preisliste, sondern um für Suite-Kunden verfügbare Bausteine für bestimmte Prozesse, die technisch in Form von Enhancement Packages in die Software eingeführt werden. Darüber hinaus sollen industriespezifische Funktionen den Anwendern über Value Scenarios bereitgestellt werden. Ferner will SAP Partnerfirmen beziehungsweise unabhängige Softwarehäuser ermuntern, ihre Entwicklungen als Value Scenarios auszuliefern. Auf diese Weise hat SAP eigenen Angaben zufolge beispielsweise die elektronische Rechnungseingangserfassung des Dokumenten-Management-Anbieters Open Text in das Finanz-Management der Business Suite eingebunden.

Harmonisierte Benutzeroberflächen

Um modulübergreifende Prozesse zu ermöglichen, möchte SAP die Benutzeroberflächen harmonisieren. Es wird aber nicht nur eine Oberfläche geben. Schon deshalb nicht, weil ein Verkäufer, der CRM-nahe Prozesse bedient, andere Erwartungen an das Frontend stellt als ein Ingenieur, der SAP-Software für Konstruktionsprozesse nutzt. Die GUI-Harmonisierung zielt auf das Aussehen ("Look and Feel") der Oberflächen ab, damit sich Anwender auch auf unbekanntem Terrain zurechtfinden.

Entwicklung nahm Anwender mit ins Boot

Value Scenarios wurden laut SAP im Dialog mit Anwendern der Suite entwickelt. Sie lassen sich allerdings nur dann verwenden, wenn Firmen die Softwarefunktionen, die diese nutzen, auch erworben haben. Wer beispielsweise noch nicht über CRM-Lizenzen verfügt, aber das Szenario Time to Profit verwenden will, muss diese Funktionen erwerben. Er soll dabei nicht gezwungen sein, das komplette CRM-Produkt zu kaufen, sondern lediglich die in den Prozessen genutzten Features. Somit kann SAP das Value-Scenario-Konzept auch dazu verwenden, den Absatz mit Softwarelizenzen anzukurbeln.

Das alles hört sich nach der logischen Konsequenz aus SAPs SOA-Strategie an, hat es aber in sich, denn damit will der Softwarekonzern nicht weniger erreichen, als die Ära der monolithischen Softwaresilos (ERP, CRM) zu beenden. Die mächtige, mit Redundanzen und mitunter schlecht integrierten Bausteinen behaftete Business Suite soll sich in eine leichter handhabbare Applikationsplattform verwandeln, die statt einzelnen Funktionsgruppen Geschäftsprozesse bereitstellt.

ERP 6.0 ist Voraussetzung

Wie viele Kunden bereits eine stark modularisierte und prozessorientierte Softwarewelt bedienen können, steht auf einem anderen Blatt. Viele Firmen müssen dafür erst noch die Grundlagen schaffen. Um Business Suite 7 zu nutzen, sind SAP ERP 6.0 und das ERP-Enhancement-Package 4 erforderlich.

SAPs ambitionierter Ansatz einer stärker an Prozessen orientierten Softwarenutzung dürfte bei vielen Anwendern auf Interesse stoßen. Allerdings beschäftigt die SAP-Nutzer derzeit in erster Linie das umstrittene Wartungsmodell "Enterprise Support".

"Da die SAP Business Suite 7 erst im Mai generell verfügbar sein wird, liegen uns im Bezug auf die Reduzierung der Einführungskosten durch die Best-Run-Now-Pakete (siehe Kasten "Was ist neu?") naturgemäß noch keine praktischen Erfahrungswerte von Kunden vor", sagt Karl Liebstückel, Vorstand der SAP-Anwendervereinigung DSAG. Eine von SAP-Vorstandsmitglied Jim Hagemann-Snabe in Aussicht gestellte Reduzierung der Betriebskosten um bis zu 30 Prozent durch den "Solution Manager" und den Enterprise Support hält die DSAG für nicht realistisch: "Als vorteilhaft bewerten wir den Aspekt, dass einzelne Komponenten der Business Suite 7 enger integriert werden sollen." DSAG-Vorstandsmitglied Waldemar Metz verweist darauf, dass viele SAP-Nutzer noch nicht die Voraussetzungen für die Inbetriebnahme der neuen Suite erfüllen. Und wer unlängst erst SAP CRM 2007 eingeführt hat, dürfte Metz zufolge wenig Motivation verspüren, auf das mit der Business Suite 7 ausgelieferte CRM 7.0 umzusteigen.

Was ist neu?

  • Ein Release-Stand für alle Module: Mit der neuen Suite liefert SAP für alle Bestandteile (ERP, CRM und SCM) gleichzeitig eine neue Version aus. Das soll die Inbetriebnahme und modulübergreifende Anpassungen vereinfachen.

  • Value Scenarios: Damit erhalten Anwender vordefinierte Prozesse (etwa für die Verbesserung ihrer Lieferkette), die Funktionen aus unterschiedlichen Suite-Modulen verwenden.

  • Vorerst kein Major-Release: Für die nächsten fünf Jahre bleibt die Version erhalten. Funktionserweiterungen liefert SAP über Enhancement Packages aus.

  • Best-run-now-Pakete: Dabei handelt es sich technisch um Enhancement Packages für die Business Suite, die zudem vorkonfigurierte Prozesse etwa für den elektronischen Einkauf (E-Procurement) und das Liquiditäts-Management (Cash-Management) beinhalten. Laut SAP enthalten die Pakete Implementierungshilfen. Ferner sind dafür Finanzierungsmodelle für den Erwerb verfügbar. Zum Teil muss der Anwender für diese Pakete eine Lizenz erwerben.