Wissenstransfer: Expertensysteme sind gemeinsame Sache von Universität und Industrie:

Mit Professor Hermann Krallmann sprach CW-Redakteurin Dorothea Wendeln

18.03.1988

Wissenstransfer ist ein vielbenutztes Schlagwort. wenn es um die Zusammenarbeit zwischen Universität und Industrie geht. Den Forschern an den Universitäten wird Praxisferne vorgeworfen, die Fachleute vor Ort müssen sich das.Vorurteil gefallen lassen, Neuerungen gegenüber schwerfällig oder gar ablehnend zu reagieren. Hermann Krallmann, Professor für Informatik an der Technischen Universität Berlin, arbeitet mit seinen Studenten zur Zeit an Projekten für Expertensysteme in großen Industriebetrieben.

þWissenschaftlern an Universitäten wird häufig der Vorwurf gemacht, daß sie in einem Elfenbeinturm arbeiten. Beschäftigen sich die Professoren und Studenten der Fachbereiche Informatik heute mehr mit ausgedachten Problemen oder auch mit der Realität in Unternehmen?

Für meinen Lehrstuhl gesprochen befassen wir uns gemeinsam mit Industrieunternehmen, wie zum Beispiel Siemens, IBM, MAN, Schering der BGZ-Bank in Düsseldorf und Bayer in Leverkusen mit Expertensystemen. Zur Zeit versuchen wir, in diesen Unternehmen Expertensysteme in der Praxis zu realisieren.

þWie ist die Zusammenarbeit zwischen Mitarbeitern der Universität und den Experten in den Unternehmen organisiert?

Wir realisieren Forschungs- und Entwicklungsprojekte als Kooperationsprojekte. Meine Mitarbeiter arbeiten tageweise in den Unternehmen mit den Experten zusammen. Die Codierung des Expertenwissens, die Realisierung und die Implementierung werden wieder an der Hochschule gemacht. Das heißt, wir gehen in die Unternehmen rein und machen dort das Knowledge-Engineering. Umgekehrt kommen die Experten aus den Unternehmen aber auch in die Universität, so daß Expertenwissen direkt am Bildschirm codiert wird, oder besser, modelliert wird.

þLiefern die Universitäten den Unternehmen in solchen Fällen nicht Dienstleistungen, die andernfalls in Softwarehäusern gekauft werden müßten?

Die Betriebe bekommen in dieser frühen Phase diese neue Technologie geliefert. Wir an der Hochschule lernen das Problem Knowledge-Engineering richtig begreifen und können daraus zum Beispiel abstrakte Lösungsmodelle schaffen.

þIn welchen Branchen können Expertensysteme eingesetzt werden? Gibt es Unterschiede zwischen Dienstleistungs- und Fertigungsunternehmen?

Expertensysteme finden zur Zeit Anwendung sowohl im Banken- und Versicherungsbereich und bei der Fertigungssteuerung und -planung. Das kann man unendlich lange fortsetzen.

þGibt es Grundmodelle für Expertensysteme, die universell einsetzbar wären?

Das ist der nächste Schritt der Entwicklung. Hier sind jedoch die ersten wesentlichen Schritte in der Kategorie Diagnose und Konfiguration bereits getan.

þEs müssen also nicht für jedes neue PIoblem neue Expertensysteme entwickelt werden?

Nein, gerade für die Diagnose und die Konfiguration ist es bereits gelungen, Konzepte zu entwickeln, die garantieren, daß es zum Beispiel gleichgültig ist, ob ich ein Auto konfiguriere oder eine Druckmaschine.

o Sie verfügen an der Hochschule über das Wissen um die Darstellung von Wissen. Experten in Betrieben haben sehr praktisch ausgerichtetes Wissen, zum Beispiel über Arbeitsabläufe. Wie gelingt es Ihnen, dieses Wissen in die Rechner hineinzubekommen?

Eine wesentliche Voraussetzung ist, mit den Fachgebietsexperten in den frühen Phasen dieses Kommunikationsprozesses über die Begriffe und die Inhalte zu diskutieren, um eine gemeinsame Basis zu finden. Der Prozeß, wie ich des Wissen aus den Köpfen der Experten herausbekomme, um es dann anschließend zu modellieren, wird mit "Knowledge-Engineering" beschrieben. Das zur Zeit gängigste Prinzip ist die Schnellentwicklung vom Prototypen eines Expertensystems. Dann sieht der Experte, wie in diesem Prototypen sein Wissen formalisiert worden ist und kann korrigierend eingreifen.

þWie ist die Bereitschaft der Experten in Unternehmen, mit Wissenschaftlern zwammenzuarbesten?

Gerade im Bereich der Entwicklung von Expertensystemen bedarf es einer gründlichen Vorbereitung. Zum Beispiel muß die Zielsetzung eines Expertensystems klar sein.

þDie konventionelle DV hat Mengenprobleme gelöst. Was leisten Expertensysteme in Unternehmen?

Eine wesentliche Zielsetzung von Expertensystemen in Unternehmen wird sein, vorhandenes Wissen zu formalisieren. Weiterhin wird es bei Expertensystemen möglich sein, die Qualität der Entscheidungen zu verbessern, also Entscheidungsunterstützungssysteme hochqualitativer Art zu generieren und auch Unternehmensstrategien zu konsolidieren.

þWann lohnt überhaupt der Einsatz von Expertensystemen?

Eine sinnvolle Vorgehensweise ist, daß man sich einige Probleme in einem Unternehmen einmal anschaut und eine Systemanalyse durchführt. Dann muß entschieden werden, was konventionell oder wissensbasiert gelöst werden sollte.

o Ist das von der Unternehmensgröße abhangig?

An sich nein, aber den ersten Schritt werden immer die großen Unternehmen machen. Sie haben auch die Möglichkeit, Flops zu finanzieren und daraus Erfahrungen für spätere Aufgaben zu sammeln. Das werden sich mittelständische Unternehmen nicht so schnell leisten können.