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MIT plant 100-Dollar-Laptop für die ganze Welt

17.05.2005

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Es ist ein sehr ehrgeiziges Projekt. Es soll Millionen von Menschen, insbesondere Schülern, Zugang zu Computern, zum WWW und zu besseren Ausbildungsmöglichkeiten schaffen.

Das Projekt ist nicht nur Fantasterei, es nimmt vielmehr sehr konkrete Formen an. Herauskommen soll ein Laptop für 100 Dollar auf Basis eines einfachen AMD-Prozessors mit 500 Megahertz Taktrate, Linux-Betriebssystem, 256 MB Hauptspeicher, 1 GB Flashspeicher anstelle einer Festplatte und Drahtlos-LAN-Verbindung sowie einer VoIP-Anwendung der Firma Skype. Noch nicht entschieden ist, ob die Linux-Distribution von Red Hat kommen soll oder von der in Peking ansässigen Red Flag Software Co.Ltd. sagte Nicholas Negroponte vom Media Lab des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge/Boston.

Das Projekt wird geführt von Negroponte selbst zusammen mit zwei Fakultätsmitgliedern des MIT: Joe Jacobson, der die E-Ink-Technik entwickelte, sowie Seymor Papert, seines Zeichens Experte für Lernvorgänge bei Kindern.

Negroponte und seine Mannen hoffen, dass aus fünf bis sechs Ländern Aufträge für insgesamt rund sechs Millionen Billig-Computer kommen werden, noch bevor ein erstes Pilotprojekt gestartet ist. Ziel des ehrgeizigen Plans sei, so der Chairman des Media Labs, jedes Kind mit einem Laptop aus zu staffieren. Verteilt werden sollen die Rechner von jedem Land, das diese Maschinen anbieten wolle.

Viele Nationen könnten nämlich mit ihren bisherigen Erziehungssystemen die Potenziale ihrer Kinder nicht ausreizen, sagte der Wissenschaftler anlässlich einer Konferenz, die von den Vereinten Nationen unter dem Motto "Information Society" in Japan veranstaltet wurde. Verfügten alle Kinder über einen Computer und die Städte und Dörfer über eine Breitbandanbindung, würde dies nicht nur die Ausbildungssituation der Kinder, sondern auch ihre Zukunft positiv beeinflussen.

Erste Verhandlungen mit Ländern sind schon recht fortgeschritten: China scheint gewillt, drei Millionen der Systeme zu bestellen. Brasilien will ebenfalls eine Million Laptops ordern. Negroponte hofft, zum Beginn der Aktion noch drei weitere interessierte Länder ausfindig machen - wenn möglich jeweils eins aus Afrika, dem Mittleren Osten und aus Südostasien. Auch in den USA sollen Rechner verteilt werden. Der rührige Entwicklungshelfer hofft, dass die Aktion im kommenden Jahr beginnt.

Negroponte erklärt den sehr niedrigen Preis des Rechners mit einem simplen Vertriebsmodell sowie einigen Ausstattungsmerkmalen des Laptops selbst. Herkömmliche Geräte verschlingen nach Meinung des MIT-Chairman viel Kapital für die Distribution und die Werbung. Zudem müsse ja für den Hersteller auch noch ein Gewinn übrig bleiben. Hier hofft Negroponte erheblich sparen zu können. Die Rechner sollen nicht über Läden vertrieben werden. Das Unternehmen, das mit der Auslieferung der Geräte beauftragt wird und das momentan den Arbeitstitel The $100 Laptop Company trägt, soll die Maschinen in großen Stückzahlen direkt an Regierungen beziehungsweise Ministerien versenden. Die Firma wird bei ihren Aktivitäten keinen Profit erzielen. Auf diese Weise, rechnet Negroponte vor, würden sich die Kosten für ein herkömmliches System schon halbieren.

Auch bei den Material- und Komponentenkosten für die Laptops selbst will der MIT-Mann erhebliches Sparpotenzial gefunden haben. Zwei Drittel des Preises für einen Rechner verschlingen allein die Kosten für das Display. Hier will Negroponte für die billigen Rechner mit einem neuartigen Projektionsdisplay-System aufwarten, das insgesamt nur noch rund 30 Dollar kostet. "Der Rest der Kosten eines Laptops geht drauf für ein Betriebssystem, das völlig überladen und schwergewichtig ist und zudem unzuverlässig", sagte Negroponte, ohne Microsoft und Windows beim Namen zu nennen. Der Laptop soll deshalb unter einer Linux-Dsitribution laufen.

Die ersten sechs Millionen Laptops werden nach den bisherigen Plänen in China produziert. Brasilien sei ebenfalls daran interessiert, Produktionsstätten aufzubauen, sagte Negroponte. Zusätzliche Fertigungsstätten nicht nur in China und Brasilien werden allerdings nötig sein, betrachtet man sich die Dimensionen, die das Projekt mit seiner letztendlichen Zielsetzung verfolgt: Danach sollen künftig pro Jahr 100 bis 200 Millionen Billig-Laptops gebaut werden. Zum Vergleich: Laut Zahlen der Marktforscher von IDC wurden im Jahr 2004 weltweit insgesamt rund 195 Millionen PCs verkauft. (jm)