M-Commerce in der Diskussion

Mit kleinen Projekten für die Zukunft üben

13.04.2001
HANNOVER (hi) - Kontrovers diskutierten auf dem E-Business-Forum der COMPUTERWOCHE Industrieexperten und Analysten über die Zukunft des M-Commerce. Dabei gingen die Meinungen nicht nur bezüglich der Technik auseinander, sondern auch bei der Implementierung in der Unternehmens-DV favorisierten die Diskutanten unterschiedliche Ansätze.

Bereits an der Definition des Hype-Wortes M-Commerce schieden sich die Geister. Während das Gros der Teilnehmer unter M-Commerce Transaktionen versteht, mit denen Umsätze etwa durch Content-Vermarktung oder den Verkauf von Produkten generiert werden, sprach sich Reinhard Janning, Geschäftsführer von Evygo, gegen diese Definition aus. Der Bremer vertrat die These, dass M-Commerce in dieser Form ein Riesenflop wird und die prognostizierten Umsätze nicht erreicht werden. Deshalb favorisiert Janning eher den Begriff Mobile Business, da es in seinen Augen für die Unternehmen viel entscheidender ist, ihre internen Prozesse zu mobilisieren, um so Geschäfte und Services schneller abzuwickeln.

Nicht auf UMTS wartenHatten die Teilnehmer bezüglich der künftigen Ausprägung des M-Commerce unterschiedliche Vorstellungen, so waren sie sich in puncto Technik zumindest einig: "Die Technik ist da, und kein Unternehmen braucht auf UMTS zu warten", brachte Helmut an de Meulen, Geschäftsführer von Materna Information und Communication, die Ansichten der Teilnehmer auf den Punkt. So sei bereits mit bekannten und bewährten Verfahren wie SMS und Sprachportalen der Einstieg in das mobile Business heute möglich und etwa WAP nicht unbedingt eine Voraussetzung. "Zumal lediglich 25 Prozent der Benutzer", wie Thomas Küsters, Business-Development-Manager bei der Heyde AG, aus einer Studie seines Unternehmens zitiert, "theoretisch wissen, wie sie die entsprechenden Applikationen bedienen."

Gerade die Usability der Applikationen, betonte auch Janning, sei entscheidend für den Erfolg der mobilen Szenarien, "denn mit jedem zusätzlichen Klick, den der Benutzer ausführen muss, verlieren die Anbieter 50 Prozent der Anwender". Auch wenn die Teilnehmer neue Techniken nicht als unabdingbare Voraussetzung für einen Erfolg des M-Commerce sehen, so erwarten sie von ihnen zumindest eine Art Katalysatorwirkung. Eine Funktion, welche die Diskutanten vor allem GPRS zutrauen, da die mit dieser Kommunikationsform eingeführte paketorientierte Abrechnung eher zu den M-Commerce-Szenarien passe als die bisher üblichen Zeittakt-Modelle. Noch besser wäre allerdings, wie Bernwart Engelen, Managing Director bei W-Technologies, mit einem Blick in die USA fordert, "wenn wir Pauschaltarife zur mobilen Datenübertragung hätten, denn selbst mit alter rudimentärer Technik ist der US-Markt weiter entwickelt als der europäische".

In das gleiche Horn stößt Thorsten Wichmann, Geschäftsführer des Wirtschaftsforschungsinstituts Berlecon Research GmbH. Für ihn entscheiden über den Erfolg in Sachen M-Commerce weniger technische Diskussionen über WAP, GPRS, UMTS etc. als die konkreten Business-Modelle und die damit verbundenen Applikationen. Hierbei unterschieden die Fachleute zwischen den Bereichen B-to-C, B-to-B sowie B-to-E. Gerade im B-to-C-Segment sehen die Forumsteilnehmer vor allem für die Content-Vermarktung sowie transaktionsbasierte Applikationen wie mobiles Bezahlen ein großes Potenzial. Dabei präferieren die Kunden, so die Erfahrung Küsters nach einer Befragung von 1300 Verbrauchern, vor allem Services wie Micropayment und Mobilitätsdienstleistungen wie das Buchen von Flügen, Bahntickets etc.

Ein größeres Potenzial sieht Evygo-Geschäftsführer Janning, für den das B-to-C-Segment nur "Fun-Commerce" ist, in den Bereichen B-to-B und B-to-E. Hier glaubt der Manager vor allem an Collaboration-Tools als Killerapplikationen - also etwa E-Mail oder Calendaring und Scheduling. Auch Wichmann hält im Business-Bereich vor allem Applikationen aus den Bereichen Groupware, CRM und ERP für zukunftsträchtig. Zudem könnten diese Anwendungen, als horizontale Applikationen konzipiert, für die Unternehmen einen Vorteil haben: Mit relativ geringen Investitionen sind Firmen in der Lage, erste Erfahrungen in Sachen M-Commerce zu sammeln. Zumal das oft gelobte B-to-C-Segment im M-Commerce hierzulande, wie an de Meulen weiß, noch einen großen Pferdefuß hat: Die rechtliche Frage, wer etwa den Betrag für eine per Handy bezahlte Kinokarte abbuchen darf. Laut an de Meulen darf nämlich etwa ein Mobilfunk-Carrier nicht einfach von einer Prepaid-Karte 14 Mark für den Eintrittspreis abbuchen, denn hierzu benötige er eine Banklizenz.

Unabhängig von den zahlreichen rechtlichen Schwierigkeiten - aufgrund des staatlichen Glücksspielmonopols ist etwa das Zocken mit dem Handy ein Problem - stehen Unternehmen, die bereits heute in das mobile Business einsteigen wollen, noch vor einer anderen Frage: Verwirklichen sie ihre Projekte in eigener Regie, oder bevorzugen sie das Outsourcing bei einem ASP?

Die Antwort darauf liegt für Markus Geisler, Vorstand und CEO der Regensburger Feedback AG, auf der Hand. Weil eine Implementierung in Eigenregie teuer sei, empfiehlt er den Gang zum ASP, "denn hier können die Unternehmen mit kleinen laufenden Kosten verlässlich kalkulieren". Differenzierter schätzt Frank Weller, Europa-Geschäftsführer bei Brience, die Situation ein. Während er kleineren Unternehmen auch zu einer "Out-of-the-box-Lösung" bei Service-Providern rät, glaubt er andererseits, dass auf größere Unternehmen, "die ihre Geschäftsprozesse unterstützen wollen, nicht unerhebliche Investitionen in Form von Lizenzkosten, Special Services etc. zukommen".

Alles outsourcen ist falschÄhnlich beurteilt auch Heyde-Mann Küsters die Situation. Er empfiehlt den Firmen, nicht alles an einen ASP zu outsourcen, sondern eventuell auch kleinere mobile Groupware-Projekte inhouse zu realisieren: "Letztlich stellt sich die Frage, hat meine IT-Abteilung eine Affinität zum M-Commerce, sind meine Information so unsensibel, dass ich sie außer Haus geben kann?" Überlegungen, die für Küsters allerdings lediglich alter Wein in neuen Schläuchen sind, "denn mit dem M-Commerce ändert sich die IT-Strategie nicht, und vor den gleichen Fragen standen wir zu Beginn des E-Commerce schon einmal".

Entsprechend schnell waren sich die Diskutanten darüber einig, dass es wichtig sei, M-Commerce-Szenarien unter Beibehaltung der vorhandenen DV-Infrastruktur wie Logistik- und Backend-Systemen oder ERP zu realisieren. Allerdings warnte Andreas Marra, Vice President bei der Brokat AG, vor dem Trugschluss, dass das Postulat der Beibehaltung der vorhandenen IT-Infrastruktur für die Unternehmen überhaupt keine Veränderungen bedeute: "Mit dem Einstieg in den M-Commerce bewegen sie sich in der Telekommunikation, und da erwarten die Kunden eine Serviceverfügbarkeit von 99,999 Prozent." Die unterschiedliche Erwartungshaltung an Telekommunikation und Internet unterstrich Küsters mit einem Beispiel: " Im Internet werden Verzögerungen von zehn Sekunden akzeptiert, in der TK-Welt werden Antwortzeiten von 20 Millisekunden erwartet." Zeiten, die nach Meinung der Teilnehmer die gängigen NT-Server bereits überfordern. Deshalb mahnte Küsters, an die Skalierbarkeit und Verfügbarkeit der M-Commerce-Dienste für die potenziellen 60 Millionen Handy-Besitzer hierzulande denkend, die Unternehmen, mit exponentiell steigenden Kosten in Sachen Web-Server zu kalkulieren.

Zumal auf die Unternehmen beim Einstieg in den M-Commerce noch eine andere Herausforderung wartet: Anders als beim Internet mit den PCs als Endgeräten müssen die Firmen in den mobilen Szenarien mit einer Vielzahl von unterschiedlichen Endgeräten rechnen und den Content entsprechend anpassen. Hier appellierte Weller, aus dem WAP-Desaster zu lernen und nicht erneut den Versuch zu unternehmen, "den dicken Content-Kloß für die PCs durch einen dünnen Wasserschlauch auf mobile Devices zu pressen". Bei der Suche nach einem Lösungsweg aus diesem Dilemma bevorzugten die Forumsteilnehmer unterschiedliche Wege. So empfahl Geisler eine medienneutrale Datenhaltung und die Verwendung von gemeinsamen Dateiformaten wie XML, um dadurch etwa die Daten für die Display-Größe der Endgeräte aufzubereiten.

Auf vorhandene Lösungen bauenEin Vorschlag, der bei Brience-Manager Weller nur auf begrenzte Gegenliebe stieß. Statt vorhandene Lösungen umzubauen, hält er es für intelligenter, vorhandenen HTML-Code durch einen XML-Parser zu schicken und dann den Content mit Hilfe von Stylesheets für das jweilige Device aufzubereiten.

Unabhängig von den verschiedenen Lösungsansätzen und den vielen noch offenen Fragen waren sich die Diskutanten aber einig, dass die Unternehmen bereits heute mit einer Mobilisierung ihrer Prozesse beginnen sollten. Und sei es nur, um Erfahrungen mit einem kleinen Projekt zu sammeln, das ein ASP betreut, bevor dann die strategischen Investitionsentscheidungen für die Unternehmens-DV fallen.