Von der elektronischen Bestellung bis zur Scheckkontrolle

Mit Eigenentwicklungen rund um den POS recht gut gerüstet

12.10.1990

Die neuen Technologien der Informationsverarbeitung

sind integraler Bestandteil des Supermarkt-Filialgeschäfts. Seitdem die Umsätze durch den Einsatz von Scannerkassen und ihre Integration in ein geschlossenes Warenwirtschaftssystem artikelgenau erfaßt werden können, hat sich die Informationsqualität beträchtlich erhöht. Unter dem Strich ergibt sich ein zusätzlicher Profit von zwei bis drei Prozent als informationstechnologischer Gewinn.

Diese Kernaussagen zum DV-Nutzen stammen von Telemachus DeMoulas, dem Inhaber einer regionalen amerikanischen Supermarktkette in den Neuengland-Staaten an der Ostküste. Das von ihm geführte Filialunternehmen, die DeMoulas & Market Basket, ist ein großer DV-Anwender, der für den Rechnerzugang in allen operativen und administrativen Bereichen ein flächendeckendes Netzwerk aufgebaut hat. DeMoulas & Market Basket nutzt die DV für das Geschehen am Point of Sales (einschließlich einer Bonitätsprüfung für Kundenschecks) ebenso wie für den Einkauf, die Lagerhausverwaltung und Warenverteilung. Das Unternehmen sieht in der Informationverarbeitung ein Instrumentarium, das Wettbewerbsvorteile schafft. Durch den gezielten und intensiven DV-Einsatz sollen Servicequalität und Produktivität erhöht werden.

Die Supermarktkette DeMoulas & Market Basket ist aus einem 1917 in Lowell/Massachusetts gegründeten Lebensmittelgeschäft hervorgegangen

Im scharfen Wettbewerb mit großen kontinentweiten Handelsketten hat sich DeMoulas & Marktet Basket erfolgreich als regionale Supermarktkette behauptet. In den US Bundesstaaten Massachusetts und New Hampshire werden heute insgesamt 42 Supermärkte und sechs Drugstores (Drogerien mit Hartwaren) unterhalten. Der Jahresumsatz betrug 1989 über 900 Millionen US-Dollar. Die Supermärkte von DeMoulas & Market Basket sind zirka 2800 bis 4200 Quadratmeter groß. Das durchschnittliche Warensortiment umfaßt 52 000 verschiedene Artikel

Die Supermarktkette DeMoulas & Market Basket beschäftigt rund 8000 Mitarbeiter. Etwa zwei Drittel davon sind Halbtageskräfte. Sitz des Unternehmens ist seit 1973 der Bostoner Vorort Tewksbury. Hier befindet sich auch das Rechenzentrum des Unternehmens sowie ein Verteilzentrum mit 46 000 Quadratmeter Lagerfläche. Im Warehouse sind durchschnittlich rund 1,8 Millionen Artikel deponiert sowie rechnergesteuert ein- und ausgelagert.

Die DV-Abteilung beschäftigt 35 Mitarbeiter, darunter zwölf Programmierer. Sie wird von Roland Kelly geleitet, der seit der ersten Installation eines Rechners im Jahre 1973 bei DeMoulas & Market Basket für die DV verantwortlich ist. Mit drei Mitarbeitern hat er vor 17 Jahren mit dem Aufbau der maschinellen Datenverarbeitung begonnen.

DeMoulas & Market Basket setzt seit 1973 DV-Verfahren ein. Erster Rechner war eine Honeywell 2020, auf der ausschließlich Stapelprogramme verarbeitet wurden. Erste Anwendungen waren die Finanzbuchhaltung und die Inventur. Auch beim Nachfolgesystem, einem Honeywell Bull System 64, überwogen noch die Batch-Applikationen.

Das Zeitalter der Online-Verarbeitung begann bei DeMoulas & Market Basket im Januar 1983. Vor rund sieben Jahren erwarb die Supermarktkette ein Mehrprozessorensystem Bull DPS 7/55 und rüstete es zehn Monate später auf ein Modell 65 hoch. Mit der Installation einer Bull DPS 7000/72 wurde dann im Februar 1988 zusätzliche zentrale DV-Kapazität geschaffen. DeMoulas & Market Basket war der erste US-Anwender der neuen Bull-Rechnerfamilie. Die beiden Host-Computer werden arbeitsteilig eingesetzt. Die zentralen Applikationen laufen vorrangig auf der DPS 7, die verteilten warenwirtschaftlichen Anwendungen werden primär von der DPS 7000 unterstützt. Auf ihr befindet sich auch eine dezentral zugängliche Datenbank.

Das DV-Netzwerk von DeMoulas & Market Basket verbindet die Hauptverwaltung, das Zentrallager und die Außenläger sowie alle 42 Supermärkte und die sechs Drugstores miteinander. Als Netzwerk-Controller fungiert ebenfalls das System Bull DPS 7000. Insgesamt zehn Minicomputer (je eine Bull DPS 6/20, Digital PDP 11/44 und PDP 11/73 sowie sieben Bull DPS 6/22) übernehmen im Netzwerk das interne Clearing der von den Kunden in Zahlung gegebenen Schecks.

Der Großteil der von DeMoulas & Market Basket eingesetzten Anwendersoftware ist von der firmeneigenen DV-Abteilung (vorrangig in Cobol) entwickelt worden. Die Programmbibliothek umfaßt exakt 1816 Programme. Es handelt sich im einzelnen um 386-Applikationen für die Online-Transaktion, 1126 Stapelprogramme, 127 Datenbank-Abfrageprogramme, 95 Applikationen für die Scheckkontrolle und 82 POS-Programme. In den Drugstores findet ein warenwirtschaftliches Branchenstandardpaket von Bull-Anwendung.

DeMoulas & Market Basket hat sich vor rund drei Jahren für den Einsatz von Scannerkassen und für das Price-look-up Verfahren (PLU) entschieden. Die Artikel sind mit maschinenlesbaren Etiketten im UPC-Code ausgezeichnet, der von den Scannern mit hoher Sicherheit gelesen werden kann. Der einzelne Supermarkt ist mit DV-Equipment so ausgestattet, daß er im Tagesgeschäft nicht auf das zentrale System angewiesen ist.

Pro Supermarkt beziehungsweise Drugstore fungiert ein AT-kompatibler Personalcomputer als lokaler Hintergrundrechner für die Warenwirtschaft, besonders für das Pricelook-up-Verfahren. In den Supermärkten und Drugstores sind für insgesamt rund 500 Scannerkassen, 120 elektronische Waagen, 160 Laptops und sonstige portable Terminals, 90 Arbeitsplatz-Drucker und 240 Standard-Bildschirme installiert. Ebenfalls über das Netz Zugriff auf die Datenbasen der DPS 7000 haben 17 XT- oder AT-kompatible PCs, die für die Bürokommunikation, die Tabellenkalkulation und sonstige Anwendungen der individuellen Datenverarbeitung eingesetzt werden. Die Leiter der Supermärkte erledigen ihre administrativen Aufgaben teilweise mit Hilfe von Bürokommunikationssoftware. Im firmenübergreifenden Netzwerk haben alle Anwender Zugang zu einer Mailbox und können über Electronic Mail untereinander kommunizieren.

Die örtlichen Filialrechner verfügen über eine aktuelle Datenbasis für das Price-look-up-Verfahren. Das Update erfolgt mindestens einmal täglich, kann aber auch in kürzeren Intervallen vorgenommen werden. Das zentrale System DPS 7000 ist rund um die Uhr in Betrieb. Die Tagesumsätze werden auf dem örtlichen PC gespeichert sowie einmal täglich in aufbereiteter und verdichteter Form an den Zentralrechner übertragen und dort weiterverarbeitet. Die warenwirtschaftlichen Programme der Zentrale bieten alle gewünschten Auswertungsmöglichkeiten. Sie lassen Einzelaussagen pro Filiale und Gesamtaussagen nach allen gängigen Kriterien zu. Die warenwirtschaftlichen Daten bilden auch eine Dispositionsbasis für den Einkauf. Die Aussagekraft der rechnergestützten Warenwirtschaft hat sich deutlich erhöht, seitdem über die Scannerkassen die artikelgenaue Erfassung möglich geworden ist.

Die warenwirtschaftlichen POS-Programme sind von DeMoulas & Market Basket für den Supermarktbereich individuell entwickelt worden. Sie berücksichtigen die ablauforganisatorischen und warenlogistischen Besonderheiten des Unternehmens. Trotz zentraler Datenbasis und Preisvorgabe hat jeder Supermarkt einen Dispositionsspielraum für seine Verkaufspreise. Er kann eigene Aktionen starten und per DV überwachen. Die Price-look-up-Datenbasis jedes Supermarktes läßt sich daher sowohl von zentraler Stelle per Datenfernübertragung als auch örtlich über den PC verändern. Der Leiter jedes Supermarktes kann zu jeder Zeit einen aktuellen Status des Verkaufsgeschehens abrufen und so unter anderem auch Aktionsverkäufe überwachen. Im Prinzip kann sich auch die Zentrale zu jeden Zeitpunkt einen aktuellen Überblick über das Verkaufsgeschehen jeder einzelnen Filiale machen und die relevanten Daten per DFÜ abrufen.

Die Drugstores haben ihre eigene Organisation und Warenlogistik sowie ein Standardprodukt als Warenwirtschaftssystem das Bull Pharmacy System. Dieses deckt auch eine amerikanische Besonderheit ab, das Third Party Billing. Für bestimmte Einkäufe in den Drugstores wird die Rechnung an die Krankenversicherung geschickt. Drugstores sind in ihrem Sortiment nicht einfach mit bundesdeutschen Drogerien vergleichbar. Sie führen einerseits bei uns apothekenpflichtige Präparate, andererseits sind sie teilweise auch eine Art Schnellimbiß, Schreibwarengeschäft und Kleineisenwarenhandlung.

Obwohl in jedem Supermarkt mindestens ein Geldausgabeautomat einer Bank aufgestellt ist, wird bei DeMoulas & Market Basket landesüblich an der Kasse überwiegend bargeldlos bezahlt, allerdings nicht per Kreditkarte, sondern per Scheck. Rund 100 000 davon sind wöchentlich abzurechnen. Die Bonität , der Kunden wird bei Scheckzahlung online überprüft. Alle relevanten Daten sind in einer zentralen Datenbank gespeichert. Das Verfahren funktioniert so schnell, daß der per Scheck zahlende Kunde am Point of Sale nicht warten muß. Andererseits verschafft sich das Unternehmen durch die Online-Abfrage der zentralen Datenbank die notwendigen Informationen, um bestimmte Schecks zurückweisen zu können.

DeMoulas & Market Basket , macht zwei Wochen eine Inventur, und zwar sowohl im Zentrallager und den regionalen Außenlägern als auch in allen Supermärkten und Drugstores. Die Inventurdaten werden mit Hilfe von portablen Personalcomputern unterschiedlicher Fabrikate und Ausprägungen erfaßt und über den örtlichen Warenwirtschaftsrechner an das Zentralsystem überspielt.

Der Einkaufsbereich wird bei DeMoulas & Market Basket besonders intensiv durch DV-Verfahren unterstützt. Die meisten Bestellungen leitet ein Electronic Order System an den Lieferanten weiter. Dieser erstellt dann auch keine herkömmliche Faktura mehr. Die Berechnung und die Zahlungsregulierung werden per EDV vom Lieferantencomputer zum Kundenrechner abgewickelt Zwischengeschaltet ist per DV-Verfahren die Rechnungskontrolle und Zahlungsfreigabe durch DeMoulas & Market Basket. Im Unterschied zu den meisten europäischen Lieferantenabwicklungssystemen wird generell kein Papier mehr hin und hergeschickt. Für das von der Supermarktkette geführte Sortiment gibt es jährlich rund 10 000 neue Artikel. Von den Einkäufern ist zu entscheiden welche davon in das eigene Warenangebot Aufnahme finden. Die Erweiterung der Artikeldatei erfolgt mit von den Lieferanten überspielten Datensätzen. Eine Datenerfassung ist bei DeMoulas & Market Basket für die Sortimentserweiterung im Rahmen des Electronic Order Systems nicht erforderlich. Auch hier geht alles ohne Papier ab POS-Banking gibt es bei DeMoulas & Market Basket noch nicht. Die Vorbereitungen für seine Einführung laufen allerdings.

*Ulf Bauernfeind ist freier Journalist.

Obenstehender Anwenderbericht wurde aus dem Bull Magazin, Nr. 37, mit freundlicher Genehmigung des Unternehmens entnommen. Er beruht nicht auf Recherchen der CW-Redaktion.