Thomas Noth, CIO von Talanx

Mit der Tradition der Branche gebrochen

Karin Quack arbeitet als freie Autorin und Editorial Consultant vor allem zu IT-strategische und Innovations-Themen. Zuvor war sie viele Jahre lang in leitender redaktioneller Position bei der COMPUTERWOCHE tätig.
Der "CIO des Jahres 2012" in der Kategorie Großunternehmen heißt Thomas Noth und kommt von der Talanx AG. Der Konzern-CIO hat es geschafft, das Versicherungsunternehmen von den branchentypischen Eigenentwicklungen weg und hin zum Einsatz von Standardsoftware zu bewegen.

Fusionen gehen selten sanft über die Bühne. Sie kosten Geld, verursachen Spannungen und stören den Betrieb. Dass sie auch eine Chance bedeuten können, ist eine von Unternehmensberatern gern verbreitete Binsenweisheit - die sich bisweilen sogar als wahr erweist. Das bewies Thomas Noth als CIO der Versicherungsgruppe Talanx.

Der Konzern war 2006 aus dem Zusammenschluss der Unternehmen HDI und Gerling hervorgegangen. Zwei Jahre später heuerte Noth bei Talanx an. Als unter anderem für die IT zuständiges Vorstandsmitglied nutzte er die Post-Merger-Integration, um völlig neue IT-Service-Strukturen zu schaffen. Organisatorisch manifestierten sie sich im internen Dienstleister Talanx Systeme AG.

Governance ist das A und O

Auf die Frage, was eigentlich einen modernen IT-Dienstleister auszeichnet, muss Noth nicht lange nachdenken: Entscheidend sei vor allem die Governance. Darunter versteht er unter anderem die "gute Verzahnung von Demand und Supply". Der Meinungsbildungsprozess aus den Fachbereichen heraus müsse so kanalisiert werden, dass zum einen die IT-Lösungen den tatsächlichen Bedarf, und zwar unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten, abdeckten sowie zum anderen das IT-Management die Hoheit über Infrastruktur und Anwendungsarchitektur behalte.

CIOs werden wissen, was das in der Praxis erfordert: einen strukturierten und konsequent eingehaltenen Anforderungs-Management-Prozess. Um ihn zu fördern, hat die Talanx die Demand-Verantwortung nah an den Nutzern angesiedelt. "Es hat keinen Zweck, die DV-Koordinatoren in der IT zu installieren", sagt Noth: "Nutzen kommt von Nutzer, und deshalb gehören die Koordinatoren in die Fachbereiche." Damit sei ein ständiger Informationsfluss zwischen den Business-Abteilungen und der IT gewährleistet - und die Gefahr einer Entkoppelung weitgehend gebannt.

Thomas Noth

  • Seit 2008 ist Thomas Noth Mitglied des Vorstands der Talanx AG, Hannover.

  • Zunächst zeichnete er für die IT der HDI-Gerling-Sach-Versicherungsgruppe verantwortlich.

  • Seit 2011 ist der heute 52-Jährige auch Vorstandsvorsitzender der Talanx Systeme AG.

  • Vor seinem Wechsel in die Versicherungswirtschaft war Noth sechs Jahre lang Vorsitzender der Geschäftsführung bei der Finanz IT GmbH, einem zentralen IT-Dienstleister der Sparkassenorganisation.

  • Dorthin wechselte er aus dem Vorstand der Stadtsparkasse Köln.

  • Zuvor war er ebenfalls in der Finanzbranche tätig: als Direktor und Bereichsleiter Organisation/Informatik bei der BHF-Bank.

  • Wie so viele IT-Verantwortliche hat er auch eine McKinsey-Vergangenheit: Er wirkte von 1987 bis 1992 bei der Management-Beratung.

  • Promoviert hat Noth über das Thema "Unterstützung des Managements von Softwareprojekten durch eine Erfahrungsdatenbank".

Viel Grips ins Sourcing investiert

Ein weiteres Differenzierungsmerkmal für gutes IT-Management ist aus Noths Sicht eine intelligente Sourcing-Strategie. Da, wo der Konzern keine individuellen Lösungen benötigt, greift der Talanx-CIO gern auf IT-Services vom Markt zurück. So hat er beispielsweise den Betrieb der IBM- und Siemens-Großrechner in die Hände von Dienstleistern gelegt.

In Sachen Desktop-Services ist Noth weniger entschieden bei der Outsourcing-Sache. Er habe sogar den User Helpdesk zurück in die hauseigene IT geholt, erläutert er. Seine Begründung: "Das ist die Visitenkarte eines internen IT-Dienstleisters." Außerdem sei der erzielbare Kostenvorteil nicht so hoch wie vermutet: "Dazu haben wir zu viele individuelle Anwendungen."

"Wir nutzen das Marktangebot, wo es um Commodity geht", fasst der Talanx-CIO seine Strategie zusammen, "aber wir werden nicht freudig auf alles springen, was am Markt zu haben ist." Sondern? "Wir haben hier viel Grips investiert; wir wollen auf Angebote setzen, die ausgereift sind und wirklich zu uns passen."

Moderne Anwendungsarchitektur

Ein drittes Unterscheidungsmerkmal für eine State-of-the-Art-IT sieht Noth in der "Zielbebauung". Unter diesem Begriff stand das Projekt, das Noth den Eintritt in die virtuelle "CIO Hall of Fame" verschaffte. Obschon der von COMPUTERWOCHE und "CIO"-Magazin ausgerichtete Wettbewerb "CIO des Jahres" auch das Fachwissen, die Führungsqualitäten, die IT-Strategie und die Stellung innerhalb des Unternehmens würdigt, müssen Kandidaten für diesen Titel mindestens ein herausragendes Projekt vorweisen können. In Noths Fall war dies die Zielbebauung - oder konkret: die Kompletterneuerung der Anwendungslandschaft. Dazu gehörte die künftige Nutzung einer SAP-Branchenlösung.

Jury lobte die Governance

Die CIO-des-Jahres-Jury lobte den Erstplatzierten in der Kategorie Großunternehmen vor allem wegen seiner Projekt-Governance. Ein Auszug aus der Bewertung: "Im Rahmen der Post-Merger-Integration stellt sich Noth erfolgreich der Herausforderung, die historisch gewachsenen Systeme und Prozesse durch den Einsatz von SAP als Standardsoftware zu vereinheitlichen. Dazu gehört unter anderem die parallele Restrukturierung und Vereinheitlichung des heterogenen Infrastruktur-Sourcings." Darüber hinaus unterstreiche das breite Portfolio erfolgreich abgeschlossener Projekte in den vergangenen Jahren Noths Projekt-Management-Erfahrung und hohe fachliche Kompetenz. Die klare IT-Strategie des Talanx-CIO sichere die Zukunftsfähigkeit der Versicherungsgruppe.

Talanx in Zahlen

  • Der Talanx-Konzern ist Deutschlands drittgrößte Versicherungsgruppe.

  • Das Unternehmen ist in der Erst- und Rückversicherung aktiv.

  • Der Konzern verfolgt einen klaren Wachstumskurs, der sowohl organisch als auch durch strategische Akquisitionen gesteuert wird.

  • Talanx beschäftigt derzeit zirka 21.000 Mitarbeiter an 150 Standorten weltweit.

  • Der interne IT-Dienstleister Talanx Systems zählt rund 1100 Mitarbeiter.

Re-Use vor Make vor Buy

Die Kernsysteme der beiden Fusionspartner waren zum Zeitpunkt des Zusammenschlusses bereits am Ende ihres Lebenszyklus angelangt. Zwar mussten sie noch einige Zeit weiterbetrieben werden, doch schauten sich der CIO und sein Team gleichzeitig nach Alternativen um. Die Strategie habe geheißen: "Re-Use vor Buy vor Make".

Die Sichtung des Bestands ergab, dass sich ein Teil der Anwendungen - wenn auch mit hohem Reengineering-Aufwand - weiterverwenden ließ. Der größere Teil hätte hingegen mehr Aufwand durch Reibungsverluste und hohe Lifecyle-Kosten verursacht als eine neue Lösung vom Markt.

Wie Noth versichert, stand auf der Shortlist neben SAP noch ein anderer Anbieter, der keineswegs chancenlos gewesen sei. Das mittelständische Softwareunternehmen habe in der Kategorie "Versicherungs-Know-how" gegenüber der SAP punkten können. Allerdings sei der Reifegrad des Angebots "insgesamt geringer" gewesen, es hätte die Ergänzung wichtiger Komponenten notwendig gemacht. Und in einer ohnehin angespannten Post-Merger-Situation empfehle sich ein System mit stärkerem "Read-only-Charakter".

Die Entscheidung für die Software von der Stange sei eine "anspruchsvolle" gewesen, wie Noth vorsichtig formuliert. Obwohl - oder vielmehr gerade weil - SAP für die Versicherungswirtschaft "beileibe keine komplette Anwendungsarchitektur" aus der Tasche ziehen konnte. Gegenüber der Bankenbranche, wo die Postbank einige Jahre zuvor einen ähnlichen Schritt gewagt hatte, seien zum Beispiel die Vertriebswege weit vielfältiger, gibt Noth zu bedenken.

Doch der IT-Verantwortliche hielt das Risiko für beherrschbar. Zum einen habe SAP bezüglich Branchenlösungen in den vergangenen zehn Jahren erheblich dazugelernt. Zum anderen sei schon einiges an Vorarbeit geleistet worden - durch die Zusammenarbeit der SAP mit der österreichischen Vienna Insurance Group.

Fachlich redundanzfreie Landschaft

In den drei Jahren seiner Laufzeit beschäftigte das Projekt fast 500 IT-Spezialisten (davon rund 160 externe). Ende 2011 wurde es mit der Produktivsetzung der neuen Anwendungslandschaft und den ersten Migrationen zu einem guten Ende geführt - nicht nur in time, sondern auch in budget, wie Noth versichert. Darauf aufbauend werden nun die Altsysteme abgelöst.

Dann hofft der CIO, eine "fachlich redundanzfreie" Anwendungslandschaft betreiben zu können, die alle Geschäftsprozesse bestmöglich unterstützt, einen kostengüns-tigen Betrieb ermöglicht und künftige Integrationen sowie fachliche Innovationen erleichtert. Kernbestandteile sind die SAP-Module FS-PM (Retail-Bestandsführung) und FS-CD (In-/Exkasso) - verbunden mit Arbeits-Management und Prozessautomatisierung. Über ein Java-basierendes Framework ließen und lassen sich auch die einem Reengineering unterzogenen Altanwendungen, neue Entwicklungen sowie zugekaufte Funktionen einbinden. (mhr)