Jede vierte US-Grundschule verwendet Tischrechner:

Mit dem Computer individuell lernen

12.11.1982

Mit Software für Schulungs-, Erziehungs- und Ausbildungszwecke sollen in den USA 1990 nicht weniger als 8,7 Milliarden Dollar umgesetzt werden. Das geht aus einer neuen Studie der Marktforschungsgesellschaft Strategic Inscoporated hervor, die sich mit der Eignung von Tischcomputern für das Lehren und Lernen befaßt.

Der untersuchte Markt für Ausbildungssoftware umfaßt nach Definition der Marktforscher Schulen und Colleges, behördliche und firmeneigene Ausbildungsstätten und außerdem alle individuellen Studien daheim. Dabei überrascht, daß der Studie zufolge praktisch jeder herkömmliche Unterrichtsgegenstand - vom kleinen Einmaleins bis zu Fremdsprachen, vom Biologiekurs bis zur Geschichtslektion - auch mit Computerhilfe gelehrt werden kann.

Schon jetzt gibt es beispielsweise Sprachkurse, Automechaniker-Schulungsmaterial, Programmierkurse und sogar einen Ballettlehrgang in Form von Computerprogrammen beziehungsweise von Material, das auf computergesteuerten, interaktiv bedienbaren Bildplattenspielern läuft. Die Ursache für den Boom der Ausbildungssoftware sieht Ed Cherlin,

Experte für Personal Computer bei Strategic Incorporated, in dem raschen, gleichzeitigen Fortschritt auf mehreren Gebieten: Da sind zunächst die Personal Computer zu nennen, ferner die zugehörige Software, dann Ausbreitung lokaler Computernetze und schließlich das

Vordringen der Bildplattenspieler. Und Schulungssoftware, wie sie derzeit über Timesharing-Systeme wie Source oder Micronet verfügbar sei, dürfte auch bald im (zur Zeit in Entwicklung stehenden) interaktiven "Videotex", einer Art Bildschirmtext, eine Rolle spielen.

Mehr als jede vierte US-Grundschule benützt heute bereits im regulären Unterricht Tischcomputer. Und Maschinenbaustudenten, deren Vorgänger noch vor fünf Jahren stolz auf ihren programmierbaren Taschenrechner waren, lassen sich nun von einem Tischcomputer beim Lernen helfen. An der Carnegie-Mellon-Universität wird sogar erwogen, jedem neuen Erstsemester-Studenten einen eigenen Tischcomputer zu geben, den er dann in allen Kursen benützen soll.

Für das rasch wachsende Interesse an computerunterstützter Ausbildung ist der neuen Studie zufolge auch kennzeichnend, daß beispielsweise General Motors bereits alle Mechaniker mit Hilfe von Bildplatten schult und daß IBM bestimmte Programmierlektionen in Form interaktiv arbeitender Bildplatten anbietet. Auch die US-Streitkräfte gehören schon heute zu den Großverbrauchern von Schulungssoftware in Form von Bildplatten und Rechnerprogrammen. Sogar ein modifiziertes Spiel, "Combat Zone", dient in diesem Bereich ersten Zwecken, nämlich der Ausbildung von Panzerkanonieren.

Für den Privatkunden werden schon Programme zum Lernen von Fremdsprachen, zum Schreibmaschineschreiben (oder sollte man besser sagen: Computer-Keyboard-Bedienen?) sowie für zahlreiche typische Schulfächer angeboten. In den kommenden fünf Jahren dürfte das alles kräftig ausgebaut werden. Denn bereits jetzt rechnen die Marktforscher mit einem Absatzboom bei Bildplattenspielern, die von Heimcomputern gesteuert werden können. Kein Wunder also, wenn Fachleute den Anbietern traditionellen gedruckten Lehrmaterials ein Desaster prophezeien, soweit diese sich nicht rechtzeitig dem neuen Markt computerunterstützter Schulung und Ausbildung anzupassen wissen. Und dieser Markt soll 1985 schon 250 000 bis 300 000 Mikrocomputer-Lehrsysteme umfassen.

APL als neue Mathematik-Notation?

Ein besonders interessanter Aspekt der vorgelegten neuen Studie ist die mögliche Verwendung der Programmsprache APL (A Programming Language) für die Gestaltung von Lehrbüchern für Mathematik und Ingenieurwissenschaften. Diese Sprache, so heißt es könne auch als "Notation" für Mathematik verwendet werden und das bedeute, man könne dann jedes Statement derartiger Texte, also jede Anweisung, direkt in einen Rechner eingeben und ausführen lassen.

Ein anderer Weg zum Computer ist die neue Sprache Logo, eine Entwicklung des Massachusetts Institute of Technology (MIT). Sie ist auf Grundschüler zugeschnitten und verfolgt die Absicht, Kinder sollten nicht passiv vom Computer "unterrichtet" werden, sondern vielmehr direkt durch das Programmieren eines Computers Lernfortschritte erzielen.

Strategic Incorporated merkt dazu an, daß die Entwicklung derartiger neuer Sprachen und Unterrichtskonzepte sämtliche Hersteller von Computern zwingen dürfte, sich mit den neuen Möglichkeiten zu befassen. Denn die Menschen orientierten sich nun einmal ein Leben lang an dem, womit sie ihre ersten Erfahrungen auf einem bestimmten Gebiet gemacht haben.

Egon Schmidt ist freier Fachjournalist