Millionenschwere Herzensangelegenheit

Karin Quack arbeitet als freie Autorin und Editorial Consultant vor allem zu IT-strategische und Innovations-Themen. Zuvor war sie viele Jahre lang in leitender redaktioneller Position bei der COMPUTERWOCHE tätig.
Manager spielen Golf oder segeln. Und wenn es Fußball sein muss, dann doch bitteschön der FC Bayern. Dietmar Hopp ist anders: Der ehemalig SAP-Vorstand unterstützt den Dorfverein, bei dem er als Junge selbst kickte.

Seit etwa einem Jahr ist Dietmar Hopp auch dem Mann auf der Straße ein Begriff. Damals stieg die TSG 1899 Hoffenheim von der Regionalliga Süd in die Zweite Fußball-Bundeliga auf. Dass der SAP-Mitbegründer zwei Drittel seines auf sechs Milliarden Euro geschätzten Privatvermögens in eine Stiftung eingebracht hat, die Krankenhäuser, Schulen und Altersheime unterstützt -nur eine Randnotiz. Dass er kleine Software- und Biotech-Unternehmen mitfinanziert - interessiert doch keinen! Aber dass eine 3300-Seelen-Gemeinde einen Profi-Fußball-Club hervorgebracht hat, bewegt die Massen. Umso mehr, als die TSG Hoffenheim seit dem 18. Mai sogar erstklassig ist.

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Diesen Erfolg hat der Dorfverein seinem Mäzen Hopp zu verdanken. Mindestens 18 Millionen Euro hat er allein in der zu Ende gehenden Saison für spektakuläre Neueinkäufe lockergemacht. Die Profimannschaft repräsentiert laut www.transfermarkt.de einen Marktwert von rund 24 Millionen Euro. Und dieses Geld ist richtig investiert. Wenn die Jungs gut drauf sind - und sie der Gegner nicht allzu plump daran hindert -, spielen sie einen, mit Verlaub, geilen Fußball.

Ohne Tradition, aber mit Zukunft

Das wurmt die Konkurrenz und reizt die Medien zu schnellen Urteilen. Nicht nur der Manager des ebenfalls aufstiegsambitionierten Zweitligisten Mainz 05, Christian Heidel, sondern auch der ansonsten eher besonnene TV-Moderator Marcel Reif haben der TSG das Etikett "Retortenclub ohne Tradition" angehängt. Hopp kontert: "Unsere Tradition ist die Zukunft." Aber verdächtig oft betont das Hoffenheimer Umfeld die Jahreszahl im Vereinswappen, obschon die Fußballabteilung eigentlich erst nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurde. "Achtzehn 99 Freunde" prangt auf den blauweißen T-Shirts, die am Spieltag so gut wie jeder Hoffenheimer trägt, der nicht ins Stadion gehen kann, weil er arbeiten muss.

Zu diesen Unglücklichen gehören die Betreiber der einzigen Tankstelle am Ort. Auf Hopp angesprochen, gerät die Pächterin ins Schwärmen: "Das ist ein ganz anständiger Mann. Auf den lassen wir nichts kommen." Und wenn die gegnerischen Fans den Verein als "Scheiß-Millionäre" besingen? "Das ist doch uns egal. Schließlich hat der Hopp sein Geld ja nicht gestohlen."

"Dem Hopp" sind solche Anfeindungen offenbar weniger egal. Dabei sollte er Kritik doch gewohnt sein. Als Vorstandsvorsitzender von SAP hat er neben viel Lob auch schon einmal Tadel einstecken müssen, wenn Produktstrategie oder Preispolitik den Anwenderinteressen zuwiderliefen. Doch war er nie einer, an dem Kritik einfach abperlt. So beschloss er, nicht mehr mit zu den Auswärtsspielen zu fahren.

Die VIPs hocken am offenen Fenster

Umso präsenter ist Hopp im heimischen Stadion. Es ist ein hübsches Stadion - für einen Regionalliga-Club. Es tront auf einem Hügel hoch über den steilen Gassen des Dorfs. Rund 6000 Menschen fasst es und war in dieser Saison fast immer ausverkauft. Trotzdem wirkt es provinziell. Deshalb soll es im kommenden Jahr durch einen 40 Millionen Euro teuren Neubau in Autobahnnähe ersetzt werden, der fünfmal mehr Plätze und 40 VIP-Logen bieten wird.

Noch sitzen die besonders wichtigen Leute in der TSG-Geschäftsstelle, die direkt an die kleine Haupttribüne grenzt. Da lehnt ein beinahe entspannter Hopp mit einen Glas Weißwein in der Hand im offenen Fenster - neben sich den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger, der vor dem Spiel höchst telegen das "Badnerlied" schmettert.

Geerdet, hartnäckig - und wagemutig

Hopp hat derart populistische Gesten nicht nötig. Ihm nimmt man seine Heimatverbundenheit ohne Weiteres ab. Geboren wurde er am 26. April 1940 - unter dem Sternzeichen Stier. Und es sind die den Stier-Geborenen nachgesagten Adjektive - geerdet und hartnäckig -, die ihn als Geschäfts- wie Privatmann charakterisieren. Allerdings wurden sie stets durch eine kräftige Prise Wagemut ergänzt.

Seinen sicheren Job bei IBM gab Hopp Anfang der 70er-Jahre auf, um sich in ein unternehmerisches Abenteuer zu stürzen: Er war überzeugt, dass nicht die teure Mainframe-Hardware nebst ihrem Betriebssystem, sondern die darauf betriebenen Anwendungen den Mehrwert bringen würden, aber dass sie deswegen noch lange nicht jedes Mal von Grund auf neu geschrieben werden müssten. Das führende deutsche Softwareunternehmen hieß damals ADV Orga - ADV wer?

Offenbar lag Hopp mit seiner Überzeugung nicht ganz falsch. War es also weniger Tollkühnheit als unternehmerische Weitsicht, die Hopp antrieb? Auch das "Märchen von Hoffenheim" ist bei Licht betrachtet gar keins - sondern ein offenbar von langer Hand gesteuertes Projekt.

Über den Tellerrand hinausgeschaut

Als Hopp 1991 seinem Not leidenden Heimatverein ein paar tausend Mark spendete, mag er noch einer romantischen Anwandlung nachgegeben haben. Die Finanzierung des nach ihm benannten 6000-Plätze-Stadions dürfte aber schon Teil eines Plans gewesen sein. Eingeweiht wurde es im August 1999, also etwa ein Jahr, nachdem Hopp seinen Vorstandssessel bei der SAP gegen den weniger stressigen Sitz im Aufsichtsrat getauscht hatte.

Unter dem heutigen Assistenztrainer der deutschen Fußballnationalmannschaft, Hansi Flick, stieg der Verein 2001 in die Regionalliga auf. 2006 gelang es Hopp, den intelligenten und eigenwilligen Trainer Ralf Rangnick nach Hoffenheim zu lotsen. Und mit der Verpflichtung des Hockeytrainers Bernhard Peters als Direktor für Sport- und Nachwuchsförderung schaute er über den Tellerrand des Fußballs hinaus.

Nur in zwei Punkten musste Hopp bislang Rückschläge hinnehmen: Sein vor drei Jahren gestarteter Versuch, die TSG mit den Nachbarclubs FC Astoria Walldorf und SV Sandhausen zu verschmelzen, scheiterte. Das Hoffenheimer Umfeld ist darüber nicht böse. Auch der direkte Durchmarsch durch die Zweite Liga war angeblich erst für 2011 geplant. Auch über diesen "Misserfolg" dürfte niemand so richtig traurig sein.