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Neue Jobkonzepte

MILLENNUAL – Ein Handbuch für Millennials

Bert Schulze leitete das Co-Innovations Programm für SAP S/4HANA. Zuvor war er Mitglied des globalen SAP Kunden- und Marktstrategie-Teams der SAP Cloud Business Unit. Bert Schulze hat umfangreiche Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Kunden in verschiedenen Rollen als Lösungsarchitekt, im Business Development und der Leitung Internationaler Vertriebsorganisationen. Dies ermöglicht ihm, Markt- und Kundenanforderungen zielgerichtet zu analysieren. Er ist regelmäßig Sprecher auf nationalen und internationalen Konferenzen zu IT- und Business-Strategie. Seine Kernkompetenzen sind Cloud Lösungen, IT-Strategien und Simplifizierung von Enterprise Prozessen, Platformen, Social Media und hybride Konzeptionen. Bert Schulze ist diplomierter Maschinenbauingenieur (Dipl.-Ing.) und Wirtschaftsingenieur (Dipl.-Wirt.-Ing.).
Millennials verändern Unternehmenskulturen überall auf der Welt: In den 80er und 90ern geboren, sind Umgang mit Mobiltelefonen und Internet bereits mit der Muttermilch konsumiert worden. Um diese Generation zu erreichen und das Rennen um die besten Talente zu gewinnen, sind für Arbeitgeber neue Arbeitsplatzkonzepte nötig.

Es ist nicht neu, dass Millennials Benutzeroberflächen, neue Services und Arbeitsplatzdesign stark beeinflussen werden. Im Grunde ist es aber viel mehr. Die grundlegende Motivation dieser Generation unterscheidet sich deutlich von der vorangegangenen Generation X. Letztere hat die Unternehmenskultur, wie sie heute existiert, geprägt.

Man arbeitet auf langfristige Ziele hin, plant seine Karriere sehr genau und identifiziert sich voll und ganz mit dem Unternehmen. Die Generation X lässt sich mit einer sicheren Pension und Aussichten auf frühere Rente motivieren. Bei den Millennials scheitert man damit.

Um sich als Arbeitgeber vorzubereiten, muß man verstehen, wie Millennials ticken. Dazu soll dieses Millennual helfen.

Mit Technologien wie mobilem Internet sind die Millennials groß geworden
Mit Technologien wie mobilem Internet sind die Millennials groß geworden
Foto: SAP SE

1. Eine Autorität legitimiert sich nicht von selbst

Einer der Megatrends zum Ende des 20ten Jahrhunderts führte zu kleineren Familien mit sogenannten Hubschrauber-Eltern. Das Kind wird dabei ständig umsorgt, die Eltern sind mit dem Hubschrauber immer in Sichtweite.

Das hat eine "Generation Y", wie die Millennial-Generation auch genannt wird, zutage gefördert, die es gewohnt ist, im Zentrum zu stehen und mit allen auf Augenhöhe diskutieren zu können, keine starren Hierarchien zu kennen. Man ist es gewohnt, Autoritäten in Fragen zu stellen und zu widersprechen. Man kann sogar sagen, dass die Schüler-Lehrer-Struktur invertiert wurde. Die Generation Y sieht es als gegeben, dass es ohne Schüler auch keinen Lehrer gibt.

Aus diesem Grund ist es für die Millennials auch schwer, während ihrer ersten Berufserfahrungen den Chef einfach so als Chef zu akzeptieren. Sie hinterfragen bestehende Strukturen und Prozesse. Dass Führungspositionen einzig und alleine durch überlegene Fachkenntnisse und Erfahrungen legitimiert werden, reicht einem Millennial - im Gegensatz zur vorangegangenen Generationen - nicht mehr aus. Informationen und Wissen sind kein Führungsmerkmal mehr, Manager müssen sich in ihrer Position Tag für Tag aufs Neue beweisen. Natürlich gefällt das nicht jedem…

Vorbild und Anleitung kommen besser an als ein autoritärer Führungsstil. Seien Sie transparent, motivierend und kooperativ in allem, was Sie tun. Respekt muss man sich immer wieder aufs Neue verdienen.

2. Der Umgang mit Informationen ist anders

Es gibt eine Sache, die mich im Umgang mit Leuten aus der Generation Y anfangs irritiert hat. Beim Einstellungsgespräch oder Besprechungen beispielsweise notieren sie sich schlichtweg nichts. Das hat mich sehr erstaunt. Wie kann sich jemand Information merken, ohne sich auch nur das Kleinste aufzuschreiben? Erst mit ein wenig Nachhaken kommt man der Sache auf den Grund. Während Generation X es gewohnt ist, Zeit in das Suchen und Zusammenfügen von Informationen zu investieren, geht die Generation Y ganz einfach davon aus, dass Informationen einfach verfügbar und zugänglich sind. Die Erfahrung mit Web 2.0 ist die primäre Ursache, Zeit und Ort spielen beim Zugriff auf Informationen keine Rolle. Open Source - für einen Millennial nicht Ungewöhnlicheres als Carsharing.

Das Interessante ist, dass allgemeiner Zugang zu Informationen dazu führt, dass Millennials auf der ganzen Welt bei gleicher Aufgabe zu sehr ähnlichen Ergebnissen kommen. Frühere Generationen starten mit einem weißen Blatt Papier und arbeiten sich unter Einfluss ihrer direkten Umgebung voran. So entsteht oft etwas ganz neues. Millennials hingegen teilen den gleichen Pool an Informationen und starten alle mit der gleichen Maschine - Google. So liefern sie Ergebnisse deutlich schneller, aber auch weniger kreativ. Je nach dem in welcher Branche wir uns befinden, kann dies Vor- und Nachteile haben… Mit dem Thema geistiges Eigentum möchte ich gar nicht erst anfangen…

Informationen sollten allgemein zugänglich und einfach abrufbar gemacht werden. Open Source innerhalb einer Organisation hilft dabei, Informationen aktiv zu teilen.

3. Die Art und Weise der Kommunikation unterscheidet sich

Millennials sind sehr gut darin, über das Netz zu kommunizieren, aber weniger geübt, mit Leuten direkt zu sprechen und den Kontext herzustellen. Ich habe schon erlebt, wie Werkstudenten oder Praktikanten einen Chat anfangen oder Emails schreiben, obwohl die angesprochene Person eine Tür weiter sitzt.

Wenn man den Emailverkehr betrachtet fällt auf, dass sich vor allem Leute jenseits der 40 sträuben, online Informationen zu liefern, da sie von anderen erwarten, vorbeizukommen oder den Hörer in die Hand zu nehmen um die Angelegenheit persönlich zu klären. In vielen Situationen ist es definitiv besser, direkt zu sprechen. In manchen Fällen macht es durchaus Sinn, online zu kommunizieren. Ich persönlich finde den Charakterzug, bei jeder Gelegenheit zu posten etwas übertrieben. Dies ist nicht nur ineffizient, führt zudem auch zu weniger persönlicher Interaktion, was spätestens dann, wenn Millennials selbst Manager werden, unweigerlich zu Problemen führen wird.

In den besonders diversen Teams muss dafür gesorgt werden, dass man sich gegenseitig versteht und jeder die Möglichkeit hat, auf seine präferierte Art zu kommunizieren. Kommunikationstraining wird hier für Führungskräfte zukünftig besonders wichtig.

4. Die Motivation verändert sich grundlegend

Egal ob X oder Y, der Kontoauszug am Monatsanfang ist immer ein Highlight. Für den Millennial ist Geld aber nicht alles. Der Traum ist nicht der Firmenwagen mit allen denkbaren Ausstattungen. Was sie wollen ist eine gute Work-Life Balance - genügend Zeit für Familie, Freunde und Hobbies.

Mit Smartphone und Laptop gehört ein fester Schreibtisch der Vergangenheit an, der Arbeitsplatz ist mobil. Megatrends wie Mobility und Cloud unterstützen dies weiter - heute kann quasi jede Arbeit auf einem internetfähigen Gerät überall und jederzeit erledigt werden. Von früh morgens bis spät abends im Büro zu sitzen ist keine erstrebenswerte Alternative mehr: Der freie Nachmittag hat das Auto als Statussymbol abgelöst.

Um Millennials zu motivieren, geht man am besten über klassische Anreize wie Gehalt, Boni oder Belegschaftsaktien hinaus. Man muss eingefahrene Systeme wie Stechuhren und Anwesenheit überdenken; denn Selbstbestimmung ist das Statussymbol der neuen Generation, das Kreativität, Effizienz und Produktivität steigert.

Die Art der Kommunikation verändert sich, ein fester Schreibtisch gehört oftmals der Vergangenheit an.
Die Art der Kommunikation verändert sich, ein fester Schreibtisch gehört oftmals der Vergangenheit an.
Foto: SAP SE

5. Selbstbewusstsein geht nicht unbedingt Hand in Hand mit Selbstreflektion

Schaut man zwei Dekaden zurück, waren Berufseinsteiger zu schüchtern und zurückhaltend, um vor einer ganzen Gruppe zu stehen und zu präsentieren. In den ersten Wochen im Unternehmen war es das Ziel, ihr Selbstbewusstsein so zu steigern, dass sie sich problemlos vor Kunden stellen konnten. Nach der Uni waren sie zwar bis zum Rand voll mit theoretischem Wissen, nicht aber in der Lage, dies auch effektiv zu artikulieren.

Das sieht nun ganz anders aus.

Es wird gepostet, getwittert und gebloggt was das Zeug hält. Dadurch sind Millennials gewohnt, im Rampenlicht zu stehen und ohne Hemmungen mitzuteilen, was ihnen in den Sinn kommt - leider auch manchmal für Außenstehende "sinnfrei".

Durch ihre Hubschrauber-Eltern sind sie nicht wie ältere Generationen gewohnt, viel kritisiert zu werden und bekommen stets vermittelt, dass ihr Beitrag wertvoll ist - das Problem dabei: "Die Anderen" bekommen zu Hause das gleiche zu hören. Dies gibt ihnen schon am Anfang ihrer Karriere einen deutlichen Selbstbewusstseinsschub, mit einem einhergehenden Mangel an Reflexionsvermögen.

Millennials müssen früh dazu bewegt werden sich selbst zu reflektieren und dafür konkretes und exaktes Feedback bekommen, dass sie auch annehmen können.

6. Loyalität ist nicht selbstverständlich - und nicht dauerhaft

Im Endverbrauchergeschäft können wir eine schwindende Markenloyalität beobachten. Kunden müssen mit jedem Kauf aufs Neue überzeugt werden. Es ist allgemein bekannt, dass es fünf positive Erfahrungen braucht, um eine Negative auszugleichen - wenn der Kunde überhaupt erst diese fünf Versuche gestattet. Dies trifft genauso auf die Beziehung zwischen Unternehmen und Angestellten zu. "Ich investiere nur so viel in meinen Job, wie mein Arbeitgeber in mich", meinte ein Millennial-Kollege innerhalb unserer Abteilung zu mir. Das Vertrauen zwischen dem Millennial und seinem Arbeitgeber basiert auf einer gegenseitigen Abmachung, welche immer wieder auf den neusten Stand gebraucht werden muss - solange das Arbeitsverhältnis besteht. Man kann keine bedingungslose Loyalität mehr erwarten, nur weil ein Vertrag unterschrieben wurde.

Unter älteren Generationen war es nichts Ungewöhnliches, sich vorzunehmen, bis zur Pensionierung in demselben Unternehmen zu bleiben. Ein Millennial aber möchte durchschnittlich nur für ein paar Jahre in seiner Position bleiben. Arbeitgeber müssen diesen kurzen Zeitraum so gut wie möglich nutzen. Große Unternehmen haben hier den klaren Vorteil: Sie können ihren Mitarbeitern mit Transfers, rotierenden Positionen und Ländern sowie funktionsübergreifenden Jobs Abwechslung am Arbeitsplatz bieten.

Man sollte kontinuierlich in Millennials investieren und ihnen das Gefühl geben, dass sie ihren Beitrag im Unternehmen leisten. Geben Sie ihnen die Möglichkeit, sich selbst und ihre Karriere weiterzuentwickeln und zeigen Sie kontinuierlich Perspektiven auf.

7. Alles auf einmal

Viele Millennials stammen aus Ein-Kind-Ehen. Einzelkinder sind es oft nicht gewohnt, zu verzichten, zu teilen oder einfach nur Geduld zu haben. Sie bekommen häufig unmittelbar, was sie sich wünschen: Elektronische Geräte, Taschengeld oder Reisen um die Welt.

Vor diesem Hintergrund sind Millennials nicht bereit, sich Stück für Stück Dinge zu erarbeiten: Klein anzufangen, Erfahrung und Anerkennung zu sammeln und schließlich nach 15 Jahren harter Arbeit den Erfolg zu ernten. Sie wollen alles und zwar sofort - auch z.B ihre Leistungsbeurteilung. Warum ein Jahr auf das Personalentwicklungsgespräch warten, wenn man sich nicht einmal sicher ist, zu diesem Zeitpunkt noch im Unternehmen zu sein. Man möchte sein Feedback genauso wie Feeds, Posts und Likes - in Echtzeit.

Die Intervalle zwischen Beurteilungen sollten Sie kurz halten und am besten gibt man ein schnelles und direktes Feedback, sobald ein Projekt abgeschlossen wurde. Das gibt den Motivationsschub für das nächste Projekt. Das Motto "Nicht gescholten ist genug gelobt" ist Gift für die neue Generation an Mitarbeitern.

8. Die Arbeitssuche hat sich verändert

Frisch von der Uni ist es traditionell üblich, seine Bewerbung bestehend aus Lebenslauf, Anschreiben und Zertifikaten per Post oder über das Internet direkt an die HR Abteilung des gewünschten Unternehmens zu schicken. In Zeiten des Web 2.0 würde man denken, dass sich da etwas geändert hätte. In der Realität ist aber fast alles unverändert, zumindest auf Unternehmensseite: Diese schreiben Stellen aus und warten, bis die Bewerbungen bei ihnen im Briefkasten (elektronisch oder physisch) landen. Dabei entgehen ihnen jedoch viele Talente. Millennials sind deutlich selbstbewusster und präsentieren sich auf professionellen Netzwerken wie LinkedIn. Echte Talente können es sich leisten, gefunden zu werden, statt zu suchen. Die Arbeitgeber, die sich nicht ändern und aktiv suchen, verpassen die Chance und das Rennen um die besten Talente.

Der Einfluss von sozialen Netzwerken ist massiv und die Personalabteilungen sollten diese aktiv nutzen - die Konkurrenz tut es bereits.

9. Die Erwartungen an den Arbeitsplatz von morgen haben sich verändert

Der gesamte Markt spricht von Veränderungen, getrieben von der "Digitalen Transformation". Ein großer Teil dieser Veränderungen wird getragen von einer veränderten Nutzererwartung, die auf der Basis der digitalen Transformation entstanden ist. Cloud, Mobile Endgeräte, Netzwerke, Big Data. Jeder Nutzer erfährt heute in seinem privaten Umfeld den Mehrwert von Netzwerken z.B. zum Teilen von Informationen und Zusammenarbeiten. Oder dem Nutzen von Micro-Services, wie Übersetzungs-Services oder kartographische Services. Jeder versteht den Mehrwert, Dinge aus der Cloud zu beziehen, anstatt sie selber mühsam auf dem Rechner installieren zu müssen (und regelmäßig upzugraden). Dieser Erwartung wird mit neuen Tools und Services wie SAP S/4HANA Rechnung getragen, das Datenmodelle vereinfacht, Best Practise Modelle adaptiert und Erwartungen an die Bedienbarkeit aufgreift und die Rahmenbedingungen im Unternehmenskontext schafft, den Arbeitsplatz von morgen attraktiver zu gestalten.

Millennials werden unweigerlich die Berufswelt umkrempeln und einen starken Einfluss auf unsere Unternehmenskulturen haben. Arbeitgeber sollten sich davor nicht fürchten, sondern darauf vorbereiten - Vielfalt ist der Schlüssel zum Erfolg.

Ich freue mich auf Ihr Feedback, Sie können mir auch gerne unter @BeSchulze auf Twitter folgen.

 

BeSchulze

Hallo, die Veränderungen sind bereits heute vielfältig, Tendenz steigend. Zum einen sind das Veränderungen von denen jeder profitiert. Die Benutzeroberflächen sind deutlich stärker auf die Anwender zugeschnitten und die Bereitstellungsmodelle wie Cloud und Mobile unterstützen ein Arbeiten unabhängig vom Aufenthaltsort. Aber auch Dinge wie das Adaptieren von Funktionen sozialer Netzwerke im Unternehmenskontext sind heute bereits weitgehend realisiert. Suchen in der Unternehmenssoftware ist einfacher und umfassender (Google-like).
In der neuen Software-/Servicegeneration wird das "System of Me" im Vordergrund stehen. Was benötige ich für meinen Job und wie bekomme ich das möglichst kompakt auf eine einizige Landingpage. Wie kann mir Software helfen, mich auf "Probleme" und "Handlungsbedarf" aufmerksam zu machen.
Mit freundlichem Gruß Bert Schulze

prusalex

Herr Schulze,
welche Auswirkungen durch Millennuals auf die Softwareentwicklung und -nutzung sehen Sie bereits heute?

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