Ray Ozzie

Microsofts neuer Anlauf ins Web

Wolfgang Miedl arbeitet Autor und Berater mit Schwerpunkt IT und Business. Daneben publiziert er auf der Website Sharepoint360.de regelmäßig rund um Microsoft SharePoint, Office und Social Collaboration.
Ray Ozzie, Chief Software Architect bei Microsoft, erläutert die mit "Azure" und den "Office Web Applications" jüngst unterstrichene Web-Fokussierung seines Hauses.

CW: Mit Windows Azure haben Sie den Einstieg in das Cloud-Computing angekündigt. Das weckt Erinnerungen an die .NET My Services, damals auch Hailstorm genannt, die Microsoft 2001 vorgestellt wurden, dann aber scheiterten. Warum sollte der große Umschwung in Richtung Web-basierende Softwareinfrastrukturen nun gelingen?

OZZIE: Der Sturm ist vorbei, nun ist der Himmel blau. Hailstorm beruhte auf einer Reihe guter Ideen, allerdings haben wir damals einige Probleme völlig unterschätzt. So wurden wir heftig für das Konzept eines zentralen Identitäts- und Daten-Managements kritisiert, bei dem sich alle Nutzer hätten anmelden müssen. Wir haben daraus gelernt, dass vernetzte Cloud-Systeme dezentral aufgebaut sein müssen, mit offenen Datenformaten und föderierten Repositories. Wir wollen uns darauf konzentrieren, Services mit hoher Verfügbarkeit und Bandbreite bereitzustellen, die Daten hingegen bleiben in der Hand der Kunden.

Gegenüber der Hailstorm-Ära haben sich aber auch einige Rahmenbedingungen verändert. Damals gab es für Web-gestützte Services kein Geschäftsmodell. Heute hingegen lässt sich so etwas zum Beispiel mit Werbung refinanzieren.

CW: Wie hat man sich ein Internet-Betriebssystem vorzustellen?

OZZIE: Für Betriebssysteme gibt es viele Definitionen, aber lassen Sie es mich mit folgender Analogie versuchen: Wenn Sie heute am PC mehrere Programme wie Word, Photoshop oder Autocad laufen haben, nimmt Ihnen das Betriebssystem die gesamte Verwaltung der Ressourcen ab - von der Rechenleistung über den Arbeitsspeicher bis zur Festplatte. Das neue Betriebssystem in der Wolke leistet Vergleichbares, indem es beispielsweise einzelne Prozesse über das Netz auf entfernte Computer verteilt. Als Anwender oder Administrator installiert man ein solches Programm in der Wolke, anschließend kümmert es sich selbsttätig darum, auf wie viele Maschinen es verteilt werden muss, wie es unter Antwortzeit- und Latenzaspekten installiert sein darf und wie die Lastverteilung zu bewältigen ist.

CW: Welchen konkreten Nutzen haben Unternehmen von diesen IT-Modellen?

OZZIE: Für Unternehmen öffnet sich dadurch eine neue Sichtweise auf die IT. Heutige Server-Umgebungen sind komplex, man muss sie konfigurieren und verwalten, das Personal dafür ist teuer. In einer Cloud-Umgebung brauchen sich Firmen nicht mehr mit Fragen zu beschäftigen, wie man etwa einen eigenen Hochleistungsrechner aufbaut, ein Netz installiert oder eine hoch skalierende Website entwickelt. Stattdessen laden sie einfach ihre Software, den Rest erledigt das Cloud-System. In fünf bis zehn Jahren wird sich niemand mehr vorstellen können, wie wir ohne diese Art von Computer überhaupt arbeiten konnten.

CW: Nun sind solche Ideen ja nicht ganz neu, Anbieter wie Google, Amazon oder Salesforce.com bieten heute bereits Software as a Service an.

OZZIE: Ganz klar, wir befinden uns hier in einem Wettbewerb mit einer Vielzahl von Anbietern. Cloud-Windows steht für unsere Sicht der Dinge, wie man diese Services anbieten kann. Ich denke, dass Microsoft in diesem Bereich aus mehreren Gründen attraktiv für die Kunden sein wird. Einer davon ist das Thema Service-Level-Vereinbarungen. Gerade größere Unternehmen wollen sich keinem Provider ausliefern, der im Falle von Störungen weniger zu verlieren hat als sie selbst. Hinzu kommt unsere Erfahrung mit Applikationen, die bis zu Hunderten Millionen Anwendern skalieren.

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