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Microsofts Linux-Strategie: Teilen und herrschen

Ludger Schmitz ist freiberuflicher IT-Journalist in Kelheim. Er ist spezialisiert auf Open Source und neue Open-Initiativen.
In den Verträgen mit Linux-Anbietern geht weniger um Politik als um handfeste Geschäftsinteressen.

Dass Microsoft Verträge mit Firmen schließt, die zum Open-Source-Lager gezählt werden, ist nicht so neu. Abkommen gibt es beispielsweise mit Jboss, Xensource und Zend; immer geht es um die Interoperabilität verbreiteter systemnaher Anwendungen mit Produkten aus Redmond. Ähnlich verhält es sich in den Fällen der Hardwarehersteller Samsung, Fuji Xerox und LG Electronics. Solche Cross-Licensing-Agreements sind marktüblich; hier beziehen sie sich auf Linux-basierende Geräte (nicht Linux selbst) und sind eine Grundlage für Microsoft, sich den Zugang zum gerade abhebenden Mobile-Linux-Markt nicht zu verbauen.

Ein anderes Kaliber sind Microsofts so genannte Friedensverträge mit Novell, Xandros und Linspire. Auch in diesen Abkommen geht es nicht um Linux im Sinne des Kernels und seiner GNU-Umgebung, sondern um die Gesamtdistributionen. Allerdings hat Microsoft seit dem ersten Vetrag mit Novell vom November letzten Jahres wiederholt versucht, einen Zusammenhang dieser Vertragsabschlüsse mit selbsterhobenen Patentansprüchen gegen Open-Source-Software zu konstruieren. Großzügig schließt die Windows-Company die drei Linux-Distributionen von hypothetischen Patentrechtsklagen aus ("Indemnification") und suggeriert damit, dass alle anderen Anwender solche Klagen zu erwarten haben. Ohne konkreten Beweise behauptet der Softwaregigant, Linux und andere quelloffene Programme würden 235 eigene Patente verletzen.

Seither haben Novell, Xandros und Linspire mehrere Probleme. Der Hauptvorwurf gegen sie lautet, sie hätten durch ungeschickte Vertragsformulierungen die patentrechtliche Verunsicherung der Anwender durch Microsoft erst möglich gemacht. Ferner droht ihnen, künftig keine Software mehr verwenden zu dürfen, die für ihre Distributionen unverzichtbar ist. Denn diese steht in vielen Fällen unter der General Public License (GPL): Die dafür zuständige Free Software Foundation hat in die zur Verabschiedung anstehende dritte Version dieser gebräuchlichsten Open-Source-Lizenz Regelungen eingeführt, die solche Friedensabkommen verhindern. Novell könnte dabei durch eine zeitliche Limitierung in der GPLv3 ("Opa-Klausel") noch ungeschoren davonkommen.

Also haben sich die drei Distributoren zunächst einmal nichts als Ärger eingehandelt. Ihr Renommee in der Open-Source-Gemeinde ist, gelinde gesagt, angeschlagen. Vor allem Novell hat Federn gelassen: Eine Reihe von Angestellten, besonders fähige Köpfe der Open-Source-Szene und insbesondere aus dem Samba-Team, haben gekündigt. Novell hat damit erheblich an Einfluss verloren. Mangels Masse gibt es keine Verluste dieser Art bei Xandros und Linspire.

Allerdings hat es insbesondere das Linspire-Management geschafft, den ohnehin nicht sonderlich guten Ruf der Distribution als Open-Source-Company vollends zu ruinieren: Deren CEO Kevin Carmony hatte anlässlich des Vertrag von Novell geradezu wütend Microsofts Position kommentiert: "Sie möchten ihre Urheberrechts-Kanonen auf Linux richten und es wegknallen, aber das sähe dann doch zu grobschlächtig aus. Also brauchen sie einen willigen Partner, um einen Preis auszutarieren und einen Präzedenzfall zu schaffen. Den Partner haben sie in Novell gefunden." Anlässlich des eigenen Friedensschlusses mit dem Redmonder Konzern plauderte Carmony aus, er habe schon vor eineinhalb Jahren, also rund zwölf Monate vor dem Deal von Novell, mit Microsoft über das jetzt erzielte Abkommen verhandelt. Rückblickend fällt auf, dass Carmony schon den Xandros-Microsoft-Vertrag wohlwollend als ökonomisch cleveren Zug beurteilt hat.

Nach außen hat Linspire-Chef Kevin Carmony noch vor Wut über Novell geschäumt, als er selbst schon längst mit Microsoft verhandelte.
Nach außen hat Linspire-Chef Kevin Carmony noch vor Wut über Novell geschäumt, als er selbst schon längst mit Microsoft verhandelte.
Foto: Kevin Carmony

Unisono erhoffen sich die drei Distributoren neue Kundschaft aus Kreisen der Anwender, die Microsoft mit seiner Patentkampagne verunsichert. Tatsächlich hat Novell neue Servicekunden gewonnen – die momentan nicht selbst bezahlen müssen, weil Microsoft die Gebühren trägt. Xandros und Linspire können vorerst nur hoffen. Ob sich die Verträge mit Microsoft in einer mittelfristigen ökonomischen Gesamtrechnung bezahlt machen, ist also in allen drei Fällen fraglich.

Warum haben die Distributoren dann diese Verträge geschlossen? Alle führen gleichlautend und ausschließlich zwei Faktoren an: Erstens ist Linux neben Windows zu einer Realität in allen IT-Umgebungen geworden, weshalb zweitens die Anbieter im Interesse ihrer Kunden durch solche Verträge die Grundlagen zur Interoperabilität der rivalisierenden Betriebssysteme legen müssen. Microsoft habe also die Bedeutung von Linux und die Unmöglichkeit, es zu verdrängen, öffentlich anerkannt. Mithin reduzieren sich die Motive seitens der Linux-Distributoren auf erhoffte Geschäftsvorteile.

Und was treibt Microsoft an? Tatsächlich redet die junge Garde um Bob Hilf im Redmonder Topmanagement von Linux als Gewicht in der IT und einem Anwenderwunsch nach besserer Koexistenz der Systeme. Doch die Wünsche der Kunden sind nicht zwangsläufig auch die von Microsoft.

Fraglos sollen Microsofts Patentansprüche Anwender verunsichern. Diese sollen endlich aufhören, sich Gedanken über ihre Abhängigkeit vom Redmonder Riesen und über mögliche Alternativen zu machen. Sie sollen auf dem Weg zu Vista und Sharepoint bei der Stange bleiben. Microsoft geht es im Kern ums Geschäft.

Ganz sicher hat es Microsoft ferner geschafft, Verunsicherung und Unfrieden in die Open-Source-Gemeinde zu tragen und so Sand ins Getriebe gebracht. Das Unternehmen hat sogar infolge des Novell-Vertrags Einfluss auf die Gestaltung der GPLv3 genommen – allerdings deren "viralen Charakter", den Microsoft immer betont, eher erhöht. Aber eine "radikale" GPL samt einer in ihrer Folge drohenden Spaltung zwischen GPLv2- und GPLv3-Fraktion sowie die daraus resultierende Lizenzkonfusion sind im Redmonder Interesse. Motto: Alles, was den Gegner schwächt, ist gut für uns!

Es gibt weitergehende Spekulationen: Microsoft könnte mit den Verträgen vorgesorgt haben für den Fall, dass US-Gerichte die vermeintlichen Urheberrechte als Banalerfindungen kassieren. Bis dahin könne das Unternehmen durch Kooperationen Know-how gewinnen. Am Wissenstransfer könne Microsoft gelegen sein, um notfalls neue Linux-fähige Anwendungen oder gar ein eigenes Linux-basierendes System auf den Markt zu bringen – in Hypothesen ist nichts unmöglich.

Die meisten Spekulationen gehen allerdings in eine andere Richtung: Wer ist der nächste? Die südafrikanische Distribution Ubuntu, die französisch-brasilianische Mandriva und die japanische Turbolinux werden in diesem Kontext gern genannt. Unbekannte Größen, zudem mit politischem Hintergrund ausgestattet, sind die chinesischen Linux-Varianten Red Flag und Chinux. Beim erfolglosen Oracle-Linux weiß man dank der Unberechenbarkeit von Firmenchef Lawrence Ellison nie. Debian ist als Community-Projekt nicht rechts- und folglich nicht vertragsfähig. Und Red Hat könnte nach einer Microsoft-Vertragsorgie plötzlich isoliert sein. Doch damit wäre ja wohl kaum Linux ausgeschaltet.

Auf die vielfältigen Spekulationen reagierte der Ubuntu-Financier und Chef des zugehörigen Distributors Canonical Ltd., Mark Shuttleworth, weniger entspannt, als es gemeinhin seine Art ist: "Wir haben es abgelehnt, mit Microsoft irgendein Abkommen unter der Androhung unspezifizierter Patentverletzungen zu diskutieren." Auch Novell, Xandros und Linspire hätten nicht eingeräumt, Microsoft-Patente verletzt zu haben, seien mithin "nicht des Teufels", obwohl die Verträge der Open-Source-Bewegung "nicht förderlich" gewesen seien.

Ubuntu-Förderer Mark Shuttleworth: "Ich habe nichts gegen eine Zusammenarbeit mit Microsoft in Dingen, welche die Sache der freien Software weiterbringen."
Ubuntu-Förderer Mark Shuttleworth: "Ich habe nichts gegen eine Zusammenarbeit mit Microsoft in Dingen, welche die Sache der freien Software weiterbringen."
Foto: Mark Shuttleworth

Er schließe allerdings keine Gespräche mit Microsoft aus, so Shuttleworth: "Ich habe nichts gegen eine Zusammenarbeit mit Microsoft in Dingen, welche die Sache der freien Software weiterbringen. Und ich schließe keine Zusammenarbeit mit ihnen aus, falls sie eine Position des konstruktiven Engagements mit der Free-Software-Community annehmen."

In der ganzen gegenwärtigen Aufregung wird leicht übersehen, dass sich die wirtschaftlich relevanten Kräfte hinter dem Open-Source-Trend betont zurückhalten. Allenfalls so nebenbei erwähnen Open-Source-Topmanager nicht nur von Novell, sondern auch von IBM, Hewlett-Packard, Sun etc., dass die Kunden vor allem nach Anwenderfreundlichkeit, Integrationsfähigkeit und Interoperabilität der Open-Source-Lösungen fragen. Und damit zurück zu den Tagesaufgaben!

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