Für küstennahe Nutzer

Microsoft testet Unterwasser-Rechenzentrum

Heinrich Vaske ist Chefredakteur der COMPUTERWOCHE und verantwortlich im Sinne des Presserechts (v.i.S.d.P.). Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung der Computerwoche - im Web und in der Zeitschrift. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte der COMPUTERWOCHE und moderiert Veranstaltungen. Weitere Interessen: der SV Werder Bremen, Doppelkopf und Bücher - etwa die von P.G. Woodhouse.
Auf der Suche nach RZ-Standorten in kühlen Umgebungen geht Microsoft einen ungewöhnlichen Schritt: Der Konzern hat den ersten Prototypen eines Data Center im Meer getestet - an einem Ort zirka einen Kilometer vor der amerikanischen Pazifikküste.

Seit einigen Jahren bemühen sich die großen Internet-Player für ihre Rechenzentren um Standorte in möglichst kühlen Umgebungen, um die Klimatisierungskosten zu senken und der Kritik der Umweltschützer zu entgehen. Facebook beispielsweise hat ein Rechenzentrum im schwedischen Lulea gebaut, wo die ganzjährig kalten Außentemperaturen für vergleichsweise geringen Stromverbrauch für die Kühlung sorgen. Ein weiteres RZ ist im meist stürmischen Cloney in Irland geplant. Dort kann regenerativ erzeugte Energie verwendet werden. Google betreibt ein Data Center in Hamina, das rund 150 Kilometer von Helsinki entfernt ist, und mit Wasser aus dem Finnischen Meerbusen kühlt.

Das Natick-Team von Microsoft.
Das Natick-Team von Microsoft.
Foto: Microsoft

Jetzt geht Microsoft mit dem "Project Natick" noch einen Schritt weiter: Das Vorhaben sieht die Verlagerung hochstandardisierter, gekapselter Rechenzentren ins Meer vor. Dabei geht es dem Softwareriesen vor allem um die Versorgung von Kunden in küstennahen Regionen bei stark reduziertem Energieverbrauch. Die Data Centers können theoretisch binnen 90 Tagen in Betrieb genommen werden - das wäre ein enormer Zeit- und Kostengewinn, dauert es doch heute bis zu zwei Jahren, ein herkömmliches Rechenzentrum in Betrieb zu nehmen.

Noch im Experimentierstadium

Konkret hat Microsoft im Rahmen des Teilprojekts "Leona Philpot", benannt nach der Figur eines Xbox-Spiels, zwischen August und November 2015 eine Stahlkapsel mit einem Durchmesser von rund 2,5 Meter zirka neun Meter tief vor der pazifischen Küste, unweit von San Luis Obispo, versenkt. Das Unternehmen weist ausdrücklich darauf hin, dass man sich noch in einem frühen Stadium befinde und keineswegs sicher sei, ob dieser Weg der richtige für Microsoft und andere Cloud-Provider sei.

Immerhin zeigten sich die Forscher, die mit zahlreichen Hardwareproblemen und Ausfällen gerechnet hatten, vom reibungslosen Ablauf überrascht. Das Unterwassersystem war mit Hunderten von Sensoren ausgestattet, die beispielsweise Druck, Feuchtigkeit im Rechnerraum und Bewegungen gemessen haben. Das System hielt Stand, so dass die Testphase verlängert und erste Azure-Cloud-Services ausprobiert werden konnten.

Bessere Versorgung mit Cloud-Services

Wie die "New York Times" urteilt, ist das Vorhaben durchaus schlüssig. Solche Server-Container unter Wasser könnten nicht nur helfen Energie zu sparen, sondern auch zu einer besseren Versorgung der Bevölkerung mit Rechendiensten führen. Heute lebt rund die Hälfte der Weltbevölkerung in Regionen, die sich nicht mehr als 200 Kilometer von den Küsten entfernt befinden. Rechenzentren hingegen werden oft in eher abgelegenen Gebieten im Hinterland errichtet, wo die Kosten meist geringer und die klimatischen Bedingungen - etwa in Gebirgszonen - günstig sind. Gelingt es, die Rechenpower näher an die Verbraucher heranzuführen, könnten die Latenzzeiten gesenkt und die Kundenzufriedenheit verbessert werden.

Angesichts des aufkommenden Rechenbedarfs, der insbesondere durch Cloud Computing und das Internet of Things (IoT) erzeugt wird, könnte das Versenken standardisierter RZ-Module vor den Küsten der großen Städte eine Lösung sein. Allein Microsoft betreibt rund um den Globus mehr als 100 Rechenzentren - Tendenz steigend. Das Unternehmen hat in sein weltumspannendes Rechenzentrumsnetz mehr als 15 Milliarden Dollar investiert. Heute werden daraus mehr als 200 Online-Dienste angeboten.

Ziel: ein komplett recyclefähiges RZ ohne Emissionen

Gemeinsam mit einem noch auszuwählenden Anbieter von alternativen Energien will Microsoft nun ausloten, ob die Kombination mit einem Turbine- oder Gezeiten-Kraftwerk Sinn geben könnte. Die Rechenzentren könnten für eine Lebensdauer von rund 20 Jahren konzipiert und dann recycelt werden. Möglich ist aber auch ein deutlich kürzerer Lebenszyklus von vielleicht fünf Jahren, der der Lebensdauer eines typischen Serversystems entsprechen würde. Auf seiner Website schreibt Microsoft, man verfolge die Vision eines komplett recyclefähigen Rechenzentrums ohne Emissionen, dass seine Energie aus der Nutzung der Meeresbewegungen ziehe. Der bisherige Projektverlauf zeige zudem, dass sich die Meereswelt in der unmittelbaren Umgebung schnell an den "Eingriff" gewöhnt habe.