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Microsoft-Prozeß: Anwender hoffen auf mehr Wettbewerb

09.11.1999

Microsoft habe dem Wettbewerb und folglich auch den Verbrauchern geschadet, befand Richter Thomas Jackson. Die COMPUTERWOCHE-Redakteure Karin Quack und Alexander Deindl fragten bei den betroffenen Großanwendern nach: Inwieweit betrifft der Prozeß Ihre IT-Strategie?

Jochen-Michael Speek, Leiter Zentralbereich Organisation und Information Services, Hypo-Vereinsbank AG, München:

"Wir sehen eine durch den Prozeß hervorgerufene potentielle Veränderung mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Weinend deshalb, weil wir Windows-NT-Anwender sind und aus der Verzahnung von Betriebssystem und Office-Suite eine schöne Basis für die Anwendungsentwicklung entstanden ist - quasi eine Re-Implementierung der früheren IBM-Umgebung. Wenn wir diese funktionstüchtige und hochintegrierte Plattform nicht mehr hätten, wäre das für uns eher ein Nachteil.

Andererseits ist schon etwas dran, wenn es heißt, daß Microsoft in letzter Zeit nicht mehr besonders kreativ gewesen sei. Auch hier kann man den Vergleich zur IBM ziehen. Ein Unternehmen dieser Größe, das sich eine gewisse marktbeherrschende Position erarbeitet, neigt nicht eben dazu, durch Kreativität Risiken einzugehen.

Von einer Öffnung des Unternehmens erwarten wir also gar nicht mal mehr Information - eigentlich sind wir von Microsoft gut informiert -, sondern eher, daß wir möglicherweise mit anderen Ideen und Konzepten, beispielsweise der Open-Source-Bewegung, leichter voran kämen.

Ob der Prozeß für Microsoft tatsächlich Konsequenzen haben wird, kann ich nicht abschätzen. Aber wir wären interessiert zu sehen, was der Markt mit den eventuell offengelegten Microsoft-Schnittstellen anfangen würde.

Jedes große Unternehmen verliert mit der Zeit an Innovationskraft. Es sollte sich deshalb für Innovationen zu öffnen, die von kleineren Firmen stammen. Und wenn diese Microsoft-Diskussion - was immer juristisch dabei herauskommt - am Ende dazu beiträgt, daß kleinere Unternehmen mit guten Innovationen am Markt wieder erfolgreich sein können, dann hat das einen positiven Effekt auf die gesamte Industrie."

Rüdiger Lott, Bereichsleiter dezentrale Systeme, Preussag AG, Hannover:

"Wir als Microsoft-Anwender fühlen uns eigentlich nicht geschädigt. Wenn es die Marktdominanz eines Anbieters nicht gäbe, hätten wir sicher mehr Vielfalt. Aber in der Computerwelt ist es manchmal gar nicht so schlecht, gewisse einheitliche Vorgaben zu haben; das erleichtert die Arbeit innerhalb des Unternehmens, denn eine Vielzahl von Produkten zu vereinheitlichen, bringt andere Nachteile mit sich. Ich vermute jedoch, daß durch den Prozeß eine größere Liberalisierung des Marktes eintreten wird. Vielleicht ist diese Entwicklung sogar schon zu spät eingeleitet worden. Denn es wurden ja schon seit längerem Befürchtungen laut, daß die Dominanz von Microsoft zu groß geworden sei."

Heinz Kreuzer, Geschäftsführer TUI Infotec GmbH, Hannover:

"Konkret fühlen wir uns als Anwender derzeit weder behindert noch benachteiligt. Ganz bestimmt aber führt die Marktmacht von Microsoft dazu, daß kaum ein Mitbewerber auch nur ansatzweise eine Chance hat. Viele Unternehmen, die das Produkt eines anderen Anbieters als besser einschätzen, entscheiden sich trotzdem für Microsoft, um auf der sicheren Seite zu sein. Das ist ähnlich wie im Finanzumfeld mit der Entscheidung für SAP-Software: Wer einen anderen Weg geht, muß mit Dornen rechnen.

Ich hege die Hoffnung, daß der Microsoft-Prozeß zu einer Regulierung im positiven Sinn führt und die Mitbewerber deutlich bessere Chancen haben als derzeit. Microsoft wird die Schnittstellen seiner Betriebssyteme offenlegen müssen. Zudem hoffe ich, daß der gigantische Konzern so aufgeteilt wird, daß die Einzelunternehmen wirtschaftlich erfolgreich bleiben, aber die Übermacht im Markt gemildert wird.

Kurzfristig wird der Prozeß meine Investitionsentscheidungen sicher nicht beeinflussen. Wenn Sie in einem ganzen Unternehmen Windows NT eingeführt haben, dann ist diese Entscheidung aufgrund ihrer Tragweite nicht auf kurze Sicht rückgängig zu machen. Mittelfristig hingegen könnten wir uns durchaus sehr viel intensiver mit den Produkten von Mitbewerbern auseinandersetzen, beispielsweise mit dem Linux-Umfeld oder den Applikationen von Star Division."

Michael Rosenberg, Vorstandsmitglied, Victoria Versicherung AG, Düsseldorf:

"Als Kunde befürworten wir zunächst einmal jede Form von Wettbewerb, denn er führt zu besserer Produkt- und Preisgestaltung. Andererseits sind wir aber bestrebt, auf die Produkte maßgeblicher Anbieter zu setzen, um Sicherheit bei unseren Investitionsentscheidungen zu bekommen. Um es mal überzogen zu sagen: Wenn ein Bundesrichter feststellt, daß Microsoft in bestimmten Bereichen der dominante Player ist, haben wir richtig entschieden.

Die Frage ist allenfalls: Könnte dieser Rechtsstreit dazu führen, daß Microsoft diese führende Rolle verliert? Aber diese Gefahr sehe ich - angesichts der Stellung, die Microsoft innehat - zumindest mittelfristig nicht. Deshalb sind wir auch in unseren IT-Entscheidungen nicht berührt. Dort denken wir in Zyklen von maximal fünf Jahren. Und in diesem Zeitrahmen wird Microsoft sicher nicht von einer dominanten Weltstellung zur Bedeutungslosigkeit reduziert. Man darf das Trägheitsmoment nicht unterschätzen: Auf den PCs laufen Microsoft-Betriebssysteme, und um den Anbieter herum sind Hunderte von Software-Unternehmen entstanden, die diese Technologie für eigene Produkte nutzen.

Insofern schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Anders als der Einzelkunde, der uneingeschränkten Wettbewerb will, habe ich als Großabnehmer ein ausgeprägtes Interesse an Stetigkeit. Wir investieren viele Millionen Mark in unsere Microsoft-orientierten IT-Plattformen. Von daher sind wir auch interessiert daran, daß die Stellung eines wichtigen Anbieters mittelfristig gesichert ist."

Wolfgang Lenzen, Systemadministrator, Wacom Europe GmbH, Neuss:

"Microsoft besitzt sicher ein Monopol und mißbraucht dieses auch. Auch stimme ich dem Vorwurf zu, daß der Konzern neue Entwicklungen hemmt, indem er die marktbeherrschende Stellung ausnutzt. Ein Beispiel: Wenn ein Unternehmen mit einer solchen Kapitalkraft drei Jahre an einem Betriebssystem wie Windows 98 entwickelt und letztendlich nur ein besseres Update herauskommt, ist das schon sehr deprimierend.

Dennoch wird sich an unserer Strategie nichts ändern. Wir überdenken unsere Investitionen sowieso regelmäßig. Selbst wenn Microsoft in mehrere Teile aufgesplittet werden sollte, werden die Produkte des Herstellers weiterexistieren und gepflegt. Eine eventuelle Aufsplittung nach dem Muster von AT&T würde sich sowieso erst in mehreren Jahren bemerkbar machen. Man muß einfach abwarten, inwieweit die Anwendungen dann noch zueinander kompatibel sind. Allerdings sind sie das heute ja auch nicht immer. Ich sehe alles in allem keine allzu großen Veränderungen auf uns zukommen."

Georg Appel, General Manager Information Management, E-Plus, Düsseldorf:

"Ich glaube, daß Microsoft außergerichtlich einen Kompromiß schließen wird. Kreativ genug ist Bill Gates. Ich rechne aber keinesfalls mit einer Zerschlagung des Unternehmens. Bei Nokia und Intel, die quasi auch ein Monopol haben, kräht kein Hahn danach. Diese Sache wird nicht dazu führen, daß Windows 98 oder Windows 2000 Einbrüche erleidet. Allerdings wird es dazu kommen, daß sich Microsoft mehr öffnen und etwa bestimmte Schnittstellen freigeben muß. An der Marktdominanz von Windows wird sich nichts ändern. Demzufolge hat der Prozeß auch keine Folgen für unsere DV-Strategie beziehungsweise -Investitionen."