Microsoft Office soll etablierte Werkzeuge für Business Intelligence verdrängen

Sascha Alexander ist Manager Marketing & Kommunikation bei der QUNIS GmbH, Neubeuern, die auf Beratung und Projekte in der Business Intelligence, Big Data und Advanced Analytics spezialisiert ist. Zuvor war der Autor als Director Communications bei den Marktforschungs- und Beratungsunternehmen BARC und PAC tätig. Als ehemaliger Redakteur der COMPUTERWOCHE sowie Gründer und Chefredakteur des Portals und Magazins für Finanzvorstände CFOWORLD verbindet ihn zudem eine lange gemeinsame Zeit mit IDG.
Seine Themenschwerpunkte sind: Business Intelligence, Data Warehousing, Datenmanagement, Big Data, Advanced Analytics und BI Organisation.
Die Ambitionen des Softwareriesen setzen die BI-Spezialisten unter Druck. Diese werben mit ihrem Branchenwissen und hoffen auf Web-Clients.

Der Markt für Business Intelligence (BI) war in letzter Zeit durch Übernahmen und hartem Wettbewerb schwer gebeutelt. Nun steht ihm vermutlich eine weitere Erschütterung ins Haus. Neben SAP, Oracle und IBM geht jetzt auch Microsoft in die Offensive. Lange hatte sich der Softwareriese auf den Ausbau seiner Datenbank "SQL Server" zur Plattform für die Datenintegration und -auswertung beschränkt und sich stets als Infrastrukturanbieter empfohlen. Die grafische Aufbereitung und Client-Integration der Analysen und Berichte übernahmen hingegen meist BI-Server und -Tools anderer Hersteller. Dabei hat doch Microsoft angesichts der weiten Verbreitung von Excel, das immer noch als wichtigstes BI-Frontend gilt, sowie allgemein durch die Office-Anwendungen einen unmittelbaren Zugang zu schätzungsweise 400 Millionen Clients (siehe auch wie Microsoft künftig mit Office auf Collaboration setzt).

Hier lesen Sie ...

  • wie Microsoft sein BI-Angebot in der nächsten Zeit ausbaut;

  • welche Herausforderungen auf das Unternehmen und Konkurrenten zukommen;

  • wie sich die Lizenzmodelle entwickeln;

  • welchem Client die Zukunft gehört.

"Wenn es ein Anbieter schaffen könnte, BI massentauglich zu machen, dann Microsoft, weil das Unternehmen Software in große Stückzahlen zu kleinen Fertigungskosten herstellen kann", sagte Andreas Seufert, Professor an der Fachhochschule Ludwigshafen und Mitarbeiter am Institut für Business Intelligence (IBI), auf einer Podiumsdiskussion der COMPUTERWOCHE auf der CeBIT. Und tatsächlich hat Microsoft reagiert und will den lukrativen Markt nun auch Client-seitig nicht mehr den etablierten BI-Spezialisten überlassen. Im Mittelpunkt steht hierbei das neue "Microsoft Office System 2007", das neben den Büroanwendung auch Server und Dienstleistungen umfasst.

Office soll künftig nicht nur stärker als bisher eine offene und technisch abgestimmte Entwicklungsplattform für Client (und BI-)Anwendungen bieten. Vielmehr strebt Microsoft eine durchgängige Architektur an, in der Office eng mit dem SQL-Server und den Workflow- und Web-Features des "Sharepoint Portal Servers" gekoppelt ist (siehe auch "Microsoft Sharepoint bedrängt ECM- und BI-Anbieter"). Letzterer nutzt beispielsweise den neuen Server-Dienst "Excel Services" des Office Systems (Excel 2007), um Tabellenkalkulationen über den Browser zu verteilen und sie für Gruppen nutzbar zu machen. Mit dem kommenden "Office Performance Point Server 2007" ist zudem zur Jahresmitte eine Suite für Planung, Budgetierung, Forcasting und Finanz-Reporting angekündigt. Damit will sich der Hersteller im BI-Segment für Coporate-Performance-Management (CPM) etablieren- eine Domäne, die die bedrängten BI-Hersteller erst in den letzten Jahren als neue Einnahmequelle entdeckt hatten.

Doch Microsoft und seine Partner müssen erst einmal beweisen, dass sie das Geschäft mit BI-Anwendungen und CPM beherrschen. Anders als beim Verkauf von Infrastrukturprodukten ist ein tiefes Branchen- und Fachwissen unabdingbar, um Unternehmensabteilungen und Finanzvorstände zu gewinnen und zur etablierten Konkurrenz aufzuschließen, dämpft Horst Meiser, Manager Product Marketing Central Europe bei Business Objects, die Euphorie. "Wir haben nicht nur einen Vorsprung in den Fachabteilungen, sondern auch bei unseren Partnern". Allerdings sehe man sich nicht nur als Konkurrenz zu Microsoft, sondern arbeite seit 15 Jahren auch mit ihnen zusammen. So zählt Business Objects laut Patrick Keller, Analyst bei Barc in Würzburg, zu den Anbietern, die seit langem eine gute Excel-Integration ihrer multidimensionalen Datenbanken bieten und es ermöglichen, Spreadsheets auf diesem Weg auch zu administrieren und zu konfigurieren. Seit neuestem erweitern nun BI-Hersteller ihre Office-Optionen zusätzlich dahin, dass sich Analysen und Berichte auch in "Powerpoint" und Word ausgeben und einbinden lassen (siehe hier zu BI Gadgets).

Microsoft sei hingegen mit seiner Office-Strategie und seinem CPM-Angebot spät dran und propagiere derzeit vor allem Excel als Frontend, sagte Keller. Diesen Vorwurf wies jedoch Birgit Miller, Product Solution Manager Business Group Information Work bei Microsoft Deutschland, zurück. Excel sei immer schon "mehr oder weniger" im SQL Server integriert gewesen. Spätestens mit dem SQL Server 2005 und dem "Service Pack 2" könnten Anwender in Excel die volle Funktionalität der "Analysis Services" der Datenbank nutzen und künftig nun auch über Sharepoint in Prozesse einbringen. Es stimme zwar, dass Microsoft in puncto Office und BI lange gebraucht habe, doch könne man nun Angebote für breite Anwenderschichten und vor allem unternehmensweite Lösungen unterbreiten (siehe auch den Produktvergleich zwischen Business Objects XI und Microsoft SQL Server 2005).

Einig waren sich die Diskutanten, dass auf die BI-Spezialisten durch Microsofts weitreichenden Anspruch schwierige Zeiten zukommen: "BI-Hersteller öffnen durch die Integration ihrer Produkte in Office die Türen für Microsoft. Wie wollen sie die Kunden auf Dauer dazu bewegen, nicht auch im Backoffice auf Microsoft zu setzen?", fragte Experte Andreas Seufert. Eine Antwort gab Business-Objects-Manager Meiser: Wir müssen Anwendern die BI-Informationen so einfach wie möglich bereitstellen, aber zugleich funktional mehr bieten als Microsoft" (siehe auch "BI-Software ist vielen zu komplex"). Hersteller wie Business Objects könnten Unternehmen einen "End-to-End-Ansatz" für BI schon heute liefern: von der Kennzahl im Dashboard bis in die Datenprozesse (Tabelle/ Reports) und zurück. Dies könnten nur wenige Anbieter derzeit bieten. Barc-Analyst Keller relativierte jedoch: Business Objects werde dieses Versprechen wohl erst mit der nächsten Version seiner BI-Plattform umsetzen können.

Ein Knackpunkt für den Erfolg von Microsoft wird indes nicht nur die Technik, sondern auch das Lizenzmodell sein. "Wo wird Microsoft quersubventionieren und wo fallen die Massenlizenzen an? Ist BI nur das Vehikel, um das neue Office System in den Markt zu bringen? Fallen die Lizenzen im Office-Bereich oder mit dem SQL Server oder Office Sharepoint Server an?", skizziert BI-Experte Seufert die Thematik. Laut Microsoft-Managerin Miller ist das indes gar nicht so kompliziert. Man werde keinen zwingen, zunächst das ganze Portfolio zu kaufen, um BI machen zu können. Es werde eine Client-Access License (CAL) pro Server geben und Kunden könnten ihre Ausgaben konsolidieren und senken, indem sie Funktionen in einer CAL konsolidierten. Mit Blick auf den Performance Point Servers rechnet Miller mit einem Preis von 20 000 Dollar pro Server. Zudem wies sie darauf hin, dass sich gewisse BI-Anwendungen auch mit dem bisherigen "Office 2003" und den Windows Sharepoint Services aufbauen ließen. Dennoch sei es gerechtfertigt angesichts der neuen Möglichkeiten und Features im Office System 2007 neu zu lizenzieren. "Kunden müssen eine klare Vorstellung von Funktionen und Technik mitbringen, um richtig zu entscheiden".

Verschiedene Lizenzmodelle wollen auch die BI-Hersteller bieten, damit Anwender weiterhin ihre Server als Datenlieferanten mit Office verbinden. Klar sei, dass jeder, der Business Objects nutzen will, auch eine Lizenz brauche, sagte Business-Objects-Manager Meiser. Doch wolle man bei der Ausgestaltung der Preise flexibel sein und nicht nur "named user" zulassen, sondern etwa auch Server-basierende Modelle bieten. Zudem rechnet Meiser damit, dass die Zukunft des BI-Frontends nicht allein Office heißt: "Heute hat noch jeder seinen Desktop, doch in ein paar Jahren beziehen Anwender ihre Geschäftsinformationen vermutlich über einen Web-Service". Laut Barc-Analyst Keller arbeiten Anbieter derzeit vor allem an einer Weiterentwicklung bisheriger BI-Web-Clients sowie neuen Rich-Internet-Anwendungen (ein anderer Trend heißt da BI und Google). Office sei hingegen nur eine weitere Ausgabeschicht. Dem stimmt auch BI-Experte Seufert zu: "Ich sehe einen Konflikt zwischen Office und Web-Clients auf uns zukommen". Dies bedeute indes keine Entwarnung für BI-Hersteller. Vielmehr müssten sie sich künftig noch mehr als bisher auf die entstehenden Software-Ökosysteme von SAP, IBM, Oracle und Microsoft einstellen und versuchen sich den Schwergewichten als BI-Spezialisten anzudienen.