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Microsoft-Öffnung: "Mehr Charmeoffensive als Strategiewechsel"

22.02.2008
Von pte pte
Microsoft will bisher gut gehütete Daten zu wichtigen Softwareprodukten verstärkt offen legen, um diese für Partner und Wettbewerber zugänglich zu machen. Dies kündigte das Unternehmen gestern, Donnerstagabend, an. Vor allem Open-Source-Entwickler sollen von der geänderten Strategie Microsofts profitieren. Sie können in Zukunft offen gelegte Schnittstelleninformationen und Kommunikationsprotokolle kostenlos für die Entwicklung und nicht-kommerzielle Verbreitung nutzen, ohne Klagen des Softwareriesens befürchten zu müssen. Analysten zeigen sich hinsichtlich der neuen Öffnung des Unternehmens skeptisch und vermuten, dass das Unternehmen vor allem diversen Wettbewerbsverfahren entgegensteuern möchte.

"Die Ankündigungen Microsofts sind eher vor dem Hintergrund zu bewerten, dass Regulierungsbehörden immer wieder die Monopolstellung des Unternehmens kritisiert haben", sagt RZB-Analyst Leopold Salcher gegenüber pressetext. Auch Erste-Bank-Analyst Ronald Stöferle sieht in Microsofts Bekanntmachung eher ein Zugeständnisse an die EU-Kommission. "Hinter den Ankündigungen ist eher eine Charmeoffensive und weniger ein wirklicher Strategiewechsel zu sehen", so Stöferle im Gespräch mit pressetext. Auch bei Open-Source-Entwicklern sei eher mit geringem Interesse an den offen gelegten Daten zu rechnen. So erklärte etwa der Open-Source-Anbieter Red Hat in einer ersten Stellungnahme, man betrachte die Ankündigungen mit einer "gesunden Portion Skepsis". Schon vorher hätte man ähnliche Bekanntmachungen gehört. Microsoft könne zudem versuchen, eigene Formate und Protokolle zu einem Industriestandard zu machen, wodurch die Macht des Unternehmens wiederum gestärkt werden könnte, zitiert die Financial Times Deutschland Analyst Roger Kay vom Marktforschungsinstitut Endpoint Technologies.

Auch die EU-Kommission zeigte sich in einer ersten Stellungnahme skeptisch gegenüber dem angekündigten Strategiewechsel. Zwar begrüße man die Ankündigung, in der Vergangenheit hätte Microsoft jedoch mindestens vier ähnlich lautende Aussagen getätigt, die die Bedeutung der Interoperabilität zwischen den Programmen von Microsoft und anderen Unternehmen betone. Microsofts Senior Vice President Bob Muglia räumt zwar ein, dass die Offenlegung der technischen Informationen ein weiterer Schritt bei der Erfüllung der vom Europäischen Gerichtshof im vergangenen Herbst auferlegten Bestimmungen zu mehr Transparenz gegenüber Mitbewerbern ist. Die Ankündigungen seien jedoch kein Bestandteil einer mit der EU-Kommission geschlossenen Vereinbarung.

Künftig will Microsoft anhand von vier Kernpunkten mehr Interoperabilität sicherstellen. So will das Unternehmen künftig offene Verbindungen gewährleisten, die Übertragbarkeit von Daten sowie Industriestandards unterstützen sowie die Zusammenarbeit mit Kunden und der Branche verstärken. Microsoft bezeichnet diese Maßnahmen als großen Schritt zu noch mehr Transparenz. Bereits gestern stellte das Softwareunternehmen mehr als 30.000 Seiten technischer Dokumentationen zu Windows Client- und Server-Protokollen online, die kostenlos zugänglich sind. In den kommenden Monaten sollen weitere Protokollinformationen zu anderen Microsoft-Produkten, darunter auch Windows Vista und Office 2007 veröffentlicht werden. Unternehmen, die Microsofts Software-Protokolle kommerziell verbreiten möchten, hätten die Möglichkeit kostengünstige Lizenzen zu erwerben. (pte)