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Microsoft nimmt Linux-Desktops als Rivalen ernst

10.06.2005
Noch sind Linux-PCs eine Ausnahme, aber Microsoft stellt sich auf ein Verteidigungsgefecht um das bisher komfortabel dominierte Desktop-Geschäft ein.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Noch sind Linux-PCs eine Ausnahme, aber Microsoft stellt sich auf ein Verteidigungsgefecht um das bisher komfortabel dominierte Desktop-Geschäft ein. Auf einer Microsoft-Veranstaltung in München über den Client-Markt war die quelloffene Alternative das beherrschende Thema. Dabei beträgt der Linux-Anteil an Desktops in Deutschland gerade einmal 3,4 Prozent, wie die Marktbeobachter von Techconsult im Februar dieses Jahres bei einer Befragung unter 240 Anwenderunternehmen festgestellt haben. Insgesamt würden sieben Prozent Linux-Desktops verwenden oder evaluieren. Im Vergleich zu älteren Befragungen sei die Zuwachsrate für das quelloffene System sogar abgeflacht.

Andreas Zilch, Analyst beim Marktforschungsunternehmen Techconsult, Kassel, hält die Windows-Plattform derzeit für völlig ungefährdet. Erst wenn Linux auf dem Desktop einen Marktanteil von zehn bis zwölf Prozent erreiche, könnten die Barrieren fallen. Und die bestünden in erster Linie aus zwei Faktoren. Erstens verfügten die Unternehmen über zu wenig Linux-Know-how. Zweitens gebe es zu wenig branchenspezifische Anwendungen. Microsoft profitiere hier von einem Teufelskreis, in dem sich Desktop-Linux befinde: Für den zu kleinen Markt entwickelten Softwarehäuser keine Programme, und das Fehlen von spezifischen Applikationen lasse Anwender wiederum von Linux Abstand nehmen.

Offenbar wiegen solche Ausführungen Microsoft nicht in Sicherheit. Im Gegenteil, die Auseinandersetzung wird gesucht. Dabei folgt Microsoft Deutschland nicht dem Mutterkonzern, dessen Kampagne "Get the Facts" sich auf gekaufte und folglich kaum glaubwürdige Studien ominöser Institute stützt. Die deutsche Tochtergesellschaft, die es mit einem im weltweiten Vergleich besonders Linux-freundlichen Markt zu tun hat, argumentiert mit den Befunden nicht beauftragter Marktforschungsunternehmen.

So hat Gartner laut Microsoft-Manager Alfons Stärk in einer (noch nicht öffentlichen) Nachfolgestudie über "Linux-Mythen" unter anderem festgestellt, dass quelloffene Desktop-Umgebungen keineswegs kostenlos seien, sondern Migrationsaufwand mit sich brächten und auf teure Spezialapplikationen nicht verzichten könnten. Diese Programme für Linux oft nicht vorhanden. Auch befreie Linux nicht vom Upgrade-Zwang, dieser gehe vielmehr von den Hardware-Ansprüchen der Anwendungen aus. Im Betrieb verursache ein Linux-Desktop - anders als bei Servern - gleich hohe Aufwendungen und Kosten wie eine Microsoft-Umgebung.

Auch in der Sicherheitsfrage sieht Microsoft Windows im Vorteil und zieht als Beleg die Forrester-Research-Studie "Is Linux More Secure Than Windows?" heran. Die argumentiert mit einer Zeitskala für Sicherheitsprobleme. Sie reicht von der Veröffentlichung eines Programms über die Entdeckung einer Sicherheitslücke, deren Bekanntwerden, der Verfügbarkeit eines Bugfixes, seiner Verbreitung bis zur fehlerfrei überarbeiteten neuen Anwendung.

Die sicherheitskritische Zeit reiche vom Bekanntwerden einer Schwäche bis zur Verbreitung eines Bugfixes. Die "days of risk" betrügen bei Microsoft 25 Tage, bei Red Hat und Debian 57 und bei Suse 74 Tage. Doch die Forrester-Zählerei hat einen entscheidenden Haken: Microsoft sagt üblicherweise monatelang nichts über entdeckte Schwachstellen, sondern bekennt sich erst in dem Moment dazu, wenn Fixes verfügbar sind. Die Risikophase ist also denkbar kurz. In der Open-Source-Welt sind hingegen gefährliche Lücken sofort allgemein bekannt; die Risikotage beginnen eher. Und ein Bugfix wird nicht irgendwann verbreitet, sondern sobald er vorliegt. Dafür gibt es bei den Linux-Distributoren Push-Verfahren, das bekannteste ist das Red Hat Network. Mithin ist der Risikozeitraum bei Linux ein ganz anderer als bei Microsoft. Forrester hat Äpfel und Birnen verglichen.

Immerhin bleibt positiv anzumerken, dass Microsoft in Deutschland mit Daten aus seriöseren Quellen arbeitet als in anderen Ländern. Das Unternehmen nimmt Linux auch in Sachen Desktop nicht mehr auf die leichte Schulter. Die Befunde der zitierten Studien sind ernst zu nehmen und bedürfen einer genaueren methodischen Untersuchung. Das stellt die Open-Source-Gemeinde vor größere Herausforderungen. Mit platten Aussagen ("Linux ist kostengünstiger." "Linux ist sicherer.") ist es nicht getan. Gegen Microsoft deutsche Variante der Fakten-Kampagne müssen Fakten sprechen. Denn der Einfluss der Befunde renommierter Marktforscher auf die Anwender ist nicht zu unterschätzen. (ls)