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Semantische Suche

Microsoft kauft Powerset

Thomas Cloer war viele Jahre lang verantwortlich für die Nachrichten auf computerwoche.de.
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Nachdem vergangene Woche bereits entsprechende Gerüchte kursierten, ist die Sache nun offiziell: Microsoft hat das auf semantische Suche spezialisierte Start-up Powerset gekauft.

Finanzielle Details wurden von keiner der beiden Firmen mitgeteilt; in der Gerüchteküche waren zuvor rund 100 Millionen Dollar kolportiert worden. Powerset wird mit seinen gut 60 Mitarbeitern in seinem bisherigen Büro in San Francisco bleiben und dem Search Relevance Team von Microsoft zugeschlagen.

Powerset ist ein Pionier im Bereich der sogenannten semantischen Suche. Es verwendet dazu unter anderem Technik, die es vom legendären Xerox-Entwicklungslabor PARC in Lizenz genommen hat. Die semantische Suche versucht, aus Suchanfragen und Web-Seiten Bedeutung zu extrahieren, anstatt sie nur mit relevanten Links auf Basis von Schlüsselbegriffen ("Keywords") oder früheren beziehungsweise verwandten Suchen abzugleichen - so arbeitet noch immer primär der Branchenprimus Google.

Aus Sicht des Analysten Nick Patience von The 451 Group ist Microsoft allerdings weniger an der Technik von Powerset, sondern vor allem an dessen Entwicklermannschaft interessiert. "Microsoft kauft hier eine Firma, die zwar ziemlich innovative Arbeit abgeliefert hat, aber damit noch in den Kinderschuhen steckt", sagt der Experte. "Sie haben sie wegen der Leute erworben."

Potenziell wertvoll ist die Technik von Powerset natürlich trotzdem. In begrenztem Rahmen, beispielsweise für die Inhalte der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia, liefert sie eindrucksvolle Resultate. Fragt sich nur, ob die komplexen Algorithmen sich auch auf das komplette World Wide Web skalieren lassen. "Das ist eine Schlüsselfrage", sagt Greg Sterling von Sterling Market Intelligence. "Können sie etwas, das sie mit der Wikipedia hinbekommen haben, auf das ganze Web übertragen?"

Patience sieht das genauso: "Es handelt sich um eine interessante Anwendung semantischer Technik, die aber erst einmal noch für beliebige Größen zu beweisen wäre. Wikipedia ist nicht groß." Ein finanzkräftiger und infrastrukturstarker Partner wie Microsoft ist jedenfalls genau das, was Powerset braucht, um seine Skalierbarkeit auf die Probe zu stellen.

Das hofft offensichtlich auch Mark Johnson von Powerset. "Microsoft teilt unser Ziel, die Suche durch tiefere Analyse von Abfragen und Dokumenten zu verbessern, und hat erkannt, dass unsere Technik und Erfahrung bei der Evolution der Suche eine Schlüsselrolle spielen wird", schreibt er in einem Blog-Eintrag. "Mit einer vorhandenen Such-Infrastruktur, unendlichen Kapitalressourcen, endlosen Datenmengen, einer führenden Such-Mannschaft und einer klaren Mission, die Suchlandschaft zu revolutionieren, kann Microsoft unsere Fortschritte bei der Entwicklung von semantischer Suchtechnik und Skalierung auf volle Web-Größe erheblich beschleunigen."

Analyst Patience ist da weniger euphorisch. "Das ist nicht wirklich eine Alternative zum Kauf von Yahoo!", wiegelt er ab. "Das ist unerprobte Technik ohne Umsatz." Das Powerset Microsoft nicht die starke Marke, Nutzerschaft und Vielfalt an Web-Liegenschaften wie Yahoo! bringt, sieht auch Sterling so: "Das ist kein Ersatz für das, was sie mit Yahoo! haben wollten. Dies ist nicht die Erhörung von Microsofts Gebeten."

Ohnehin fragt sich, ob Microsoft bei der Internet-Suche jemals auf einen grüneren Zweig kommen wird. Ein Nutzer kommentiert den Microsoft-Blog-Eintrag zur Ankündigung der Übernahme hämisch mit: "Jungs, Ihr kapiert es einfach nicht, oder? Die Leute benutzen Google nicht, weil es die besten Ergebnisse findet. Und sie werden auch nicht zu Live.com wechseln, wenn das bessere Resultate liefert." Und ein anderer schreibt: "Dies wird nun einen langsamen Tod sterben (hätte es sowieso getan)."