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Microsoft fährt mit neun Business-Servern auf

27.09.2000
Erstmals Wireless-Software im Programm

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Es ist der ehrgeizigste Schritt, den Microsoft bisher in Richtung Business-Software unternommen hat: Unternehmenschef Steve Ballmer reiste gestern mit einer Wagenladung neuer Server-Software und zahlreichen Partnerprogrammen im Gepäck zum "Enterprise 2000 Launch" in San Franzisko an. Unter dem Mantel der ".NET"-Strategie, mit der die Gates-Company das Internet erschließen will, präsentierte der Top-Manager in seiner fast zwei stündigen Keynote-Ansprache neun Lösungen, darunter die lang erwartete Betriebssystemvariante "Windows 2000 Datacenter Server" für Highend-Computer. Eine Überraschung stellte der "Microsoft Mobile Information 2001 Server" dar, mit dem die Redmonder erstmals in den Markt für mobile Enterprise-Lösungen einsteigen.

Bisher waren Microsofts Initiativen, im Highend-Markt Fuß zu fassen, wenig von Erfolg gekrönt. Die neuen Server, die Ballmer als die "größte Produktvorstellung in der Geschichte von Microsoft" bezeichnete, sollen den Anwendern die Skepsis über die Verlässlichkeit der Microsoft-Lösungen nehmen. So wurden extra für das Release des Datacenter-Servers zwei Programme ins Leben gerufen, die für einen reibungslosen Einsatz beim Kunden sorgen sollen. Eine Initiative, die wie das OS den Namen "Windows 2000 Datacenter Server" trägt, zertifiziert die Maschinen und das Programm "Datacenter Infrastructure Vendor" die Hardware und Software von Dritten für die Datacenter-Variante von Windows 2000, um die Konfiguration zu vereinheitlichen. Ziel ist es, das Auftreten von vielen unterschiedlichen Einstellungen zu vermeiden, die zu Systemausfällen führen können. Erstes Mitglied der Infrastructure-Vendor-Initiative ist der Speicherspezialist EMC.

Windows 2000 Datacenter Server wurde für die größten der Highend-Rechner konzipiert, die E-Commerce-Seiten oder datenintensive Applikationen aus Wissenschaft und Technik verwalten. Das System ist für bis zu 32 Prozessoren ausgelegt und vorkonfiguriert auf Rechnern von Amdahl, Bull, Compaq, Dell, Fujitsu, Fujitsu-Simens, Hichachi, IBM, ICL, Unisys und Stratus Computer ab sofort erhältlich. Auch Hewlett-Packard bietet sein Acht-Wege-Modell "NetServer LXr 8500 DC" bereits mit dem neuen Betriebssystem an, ein 32-Wege-System soll Anfang 2001 folgen. Ferner kündigte der IT-Konzern an, mit seinem 32-CPU-Unix-Rechner "Superdome", den der Hersteller in diesem Monat vorstellte, ebenfalls Microsofts Windows-2000-Variante zu unterstützen.

Zudem stellte Ballmer acht so genannte ".NET-Enterprise-Server" vor, die Unternehmen insbesondere beim Aufbau und Betrieb von E-Commerce-Seiten helfen sollen. Technische Details waren spärlich gesät, statt dessen hob der Microsoft-Chef die XML-Unterstützung der neuen Produkte hervor. Zur Palette gehören "SQL Server 2000" und "Host Integration Server 2000", die ab sofort erhältlich sind, sowie der "Exchange 2000 Server", "BizTalk Server 2000", "Application Center 2000", "Commerce Server 2000" und "Internet Security and Acceleration Server 2000", die bis Ende des Jahres auf den Markt kommen sollen.

Mit dem "Mobile Information 2001 Server", der überraschendsten Ankündigung, macht Microsoft ernst mit Wireless-Lösungen für Unternehmen. Die Software ermöglicht den mobilen Zugang zu Unternehmensnetzwerken und kann von Firmen und TK-Carriern eingesetzt werden. Ballmer stellte gestern die Betaversion des Servers vor, die Endversion wird voraussichtlich in der ersten Hälfte des kommenden Jahres in den Handel kommen. Das fertige Produkt soll Benachrichtigungs-, Filter-, E-Mail- und Kalenderfunktionen enthalten. Um seine Wireless-Lösungen besser zu positionieren, wurde mit Juha Christensen ein eigener Vertriebs- und Marketing-Chef für die Mobility Group eingestellt. Der Manager war zuletzt Vice President bei dem Handheld-Herstellerkonsortium Symbian.

Microsoft startete zusammen mit dem PC-Hersteller Compaq Computer das Programm "Integration 2000", das Services und Lösungen für die Integration von BizTalk-basierten Unternehmensanwendungen anbieten wird. Rund 1000 OEMs (Original Equipment Manufacturers) sollen für Installation und Konfigurierung von BizTalk ausgebildet werden. Die neue Microsoft-Software basiert auf der Programmierumgebung XML (Extensible Markup Language) und verbindet verschiedene Computersysteme via Internet.

Im Rahmen des "Supplier Advantage Programs" hat sich Microsoft mit Dell und Lante zusammengetan. Diese Initiative liefert Kunden zwei "PowerEdge-4400"-Server von Dell mit Windows 2000 Server, Commerce Server 2000, BizTalk Server 2000 und SQL Server 2000. Lante steuert Consulting-Dienste bei. Die Internet-Berater können eigenen Angaben zufolge Firmen innerhalb von 30 Tagen ins Netz bringen.

Microsoft erklärte ferner, seine eigenen Beratungsdienste weiter auszubauen. "Kunden wollen nicht nur unsere Produkte, sondern auch eine Reihe von Services," erklärte Ballmer. Der Softwareriese habe sein Consulting-Personal von nur 400 Mitarbeitern im Jahre 1995 auf inzwischen 3200 aufgestockt. Zudem beschäftige das Unternehmen 3900 Angestellte im Kundenservice für Unternehmen.

Last but not least wird Microsoft seine strategische Partnerschaft mit dem auf das elektronische Beschaffungswesen (E-Procurement) spezialisierten Anbieter Commerce One ausdehnen. Beide Firmen wollen bei der Entwicklung von Commerce-Ones Online-Marktplatz-Technologien für die .Net-Plattform der Gates-Company zusammenarbeiten.

Mit diesem Großangriff auf den Markt für Business-Software will Microsoft seinen Hauptkonkurrenten Sun Microsystems und Oracle Marktanteile streitig machen. Entsprechende Seitenhiebe konnte sich Ballmer nicht verkneifen: "Sun und Oracle sind die Sumo-Ringer der Branche. Sie sind stabil, groß und teuer, aber nicht flink." Allerdings ist sich der Microsoft-Chef bewusst, dass es schwer werden wird, Microsoft als Anbieter von skalierbaren Lösungen zu für die Highend-Datenverarbeitung zu verkaufen. Er appellierte an seine potenziellen Kunden, sich nicht vom schlechten Ruf der früheren Betriebssysteme Windows 95 und 98 beeinflussen zu lassen.