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Microsoft enthüllt breit angelegte ASP-Initiative

17.07.2000
Ballmer: "Es reicht nicht aus, Software zu schreiben"

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Am vergangenen Freitag stellte Microsoft eine neue Business-Strategie vor, wonach der Konzern seine Software auch auf Mietbasis anbieten will. Die Anwendungen des Konzerns sollen dabei von unabhängigen ASPs (Application Service Providers) gehostet, verwaltet und gewartet werden. Den Sinneswandel des Microsoft-Vorstands brachte President und CEO (Chief Executive Officer) Steve Ballmer auf der hauseigenen Messe "Fusion 2000" in Atlanta, Georgia, folgendermaßen auf den Punkt: "Es reicht nicht aus, Software nur zu schreiben. Man muss einen Service liefern."

Ab kommenden Monat werden ASPs in den USA und Südamerika Microsofts Office-Paket, Windows 2000, den SQL-Server und Exchange-2000-Messaging-Software als netzbasierte Dienstleistung anbieten. Überall sonst wird dieses Modell ab September eingeführt. Bezahlen können die Kunden nach zwei Verfahren: pro Person oder pro CPU (Central Processing Unit). Die ASPs können sich ihre Dienste ebenfalls nach dieser Variante vergüten lassen. Microsoft unterhält bereits ASP-Partnerschaften mit Hewlett-Packard, Qwest Communications, British Telecom, Corio, Digex, Futurelink und Cable & Wireless.

Im Rahmen der neuen ASP Service Delivery Initiative will die Gates-Company ihren Partnern Marketing-Unterstützung, Support-Services sowie mit Hilfe von Andersen Consulting, EDS und Compaq Computer auch Systemintegrationsdienste bereitstellen. Zusätzlich haben die Redmonder ein ASP Certification Program ins Leben gerufen, das die von Microsoft geprüften und autorisierten ASPs für den Kunden kenntlich machen soll.

Die Gates-Company stellte auf der Fusion 2000 auch ein Pilot-Preismodell vor, wollte die endgültigen Mietgebühren für einzelne Programme allerdings noch nicht bekannt geben. Nach der Beispielrechnung würde eine Windows-2000- oder Exchange-2000-Lizenz aber pro Person 3,25 Dollar im Monat kosten. Der Windows-2000-Server beliefe sich auf 35 Dollar monatlich. Für das Hosten eines Exchange- oder SQL-Servers würde Microsoft die ASPs mit 65 beziehungsweise 185 Dollar im Monat zur Kassen bitten.

Diese Preise halten Unternehmenskunden und Marktexperten jedoch für wenig attraktiv. Offenbar, so Analysten, hat Microsoft als Mietgebühr den vierundzwanzigsten Teil der normalen Lizenzgebühr angesetzt. Allerdings würden die meisten Unternehmen ihre Software länger als 24 Monate behalten. Insider gehen jedoch davon aus, dass Microsoft am Preismodell feilt. So rechnen einige Analysten damit, dass noch mindestens zwei Überarbeitungen der Preisstrukturen ins Haus stehen, bevor es ein endgültiges Modell gibt.

Neu an Microsofts Strategie ist die Tatsache, dass ASPs die Softwareschmiede erst dann bezahlen müssen, wenn sie Lösungen an Kunden vermietet haben. Bisher verlangten die Redmonder von ihren Geschäftspartnern, allen voran den PC-Herstellern, Vergütung im voraus.

Für Microsoft bedeutet der Einstieg ins ASP-Geschäft eine grundsätzliche Neuorientierung. Zunehmend unter Druck durch kostenlose Software und Linux bemüht sich die Gates-Company, sich zu einem Serviceanbieter zu entwickeln, um weiterhin den Markt zu dominieren.

Im Vergleich zu anderen Unternehmen steigt Microsoft vergleichsweise spät in den ASP-Markt ein, besitzt jedoch laut Lew Hollerbach, Analyst bei der Aberdeen Goup, gute Perspektiven: "Sun Microsystems ist wahrscheinlich die einzige andere Firma, die sich ähnlich klar zum Thema ASP bekennt." Andere befürchten dagegen vor allem höhere Preise. Dwight Davis, Marktforscher bei Summit Strategies, rechnet damit, dass Microsoft wegen des harten Wettbewerbs die ASP-Preise für seine Partner schnell senken muss. Angesichts dieser Situation werde es für traditionelle Händler immer schwieriger, noch Softwarelizenzen anzusetzen.

Bis dahin ist es jedoch noch ein weiter Weg: Das Marktforschungsunternehmen International Data Corp. (IDC) rechnet erst im Jahr 2003 mit einem Umsatzvolumen von zwei Milliarden Dollar.