"Surface"

Microsoft baut eigene Tablet-PCs für Windows 8

19.06.2012
Microsoft nimmt den Kampf um den boomenden Tablet-Markt selbst in die Hand.
Steve Ballmer bei der Surface-Präsentation gestern Abend in Los Angeles
Steve Ballmer bei der Surface-Präsentation gestern Abend in Los Angeles

Der weltgrößte Software-Konzern bringt einen eigenen Herausforderer für das iPad heraus. Doch der Vorsprung von Apple ist riesig und das Unterfangen kann für Microsoft auch gefährlich werden. Microsoft will die Dominanz von Apples iPad brechen und steigt dazu selbst ins boomende Geschäft mit Tablet-Computern ein. Microsoft-Chef Steve Ballmer stellte die schlanken und leichten eigenen Rechner mit dem Namen "Surface" am Montag in Los Angeles vor.

"Der Surface ist ein PC. Der Surface ist ein Tablet. Und der Surface ist etwas ganz Neues", verkündete Ballmer. Es ist ein Wendepunkt für Microsoft: Üblicherweise verkauft der Konzern nur sein Windows-Betriebssystem, die Computer bauen dann PC-Hersteller wie Hewlett-Packard oder Dell. "Microsoft setzt hier augenscheinlich auf eine geschlossenere Strategie", sagt Francisco Jeronimo, Analyst bei der IDC. "Wenn das tatsächlich der Fall ist, dann müssen sie einen anderen Weg einschlagen und einen Hersteller kaufen, der die Lieferkette kennt und kontrolliert."

Die Microsoft-Tablets sind in etwa so groß wie ein iPad, haben aber einen etwas breiteren 16:9-Bildschirm mit einer Diagonale von 10,6 Zoll (26,9 cm) sowie einen USB-Anschluss und einen Einschub für MicroSD-Speicherkarten. Auffälligste Besonderheiten sind der eingebaute Ständer und der abnehmbare Bildschirmschutz, der über eine vollwertige Tastatur samt Touchpad verfügt. Die Variante "Type Cover" hat klassische Klick-Tasten, das Modell "Touch Cover" ist etwas dünner durch eine berührungsempfindliche Oberfläche. Tastatur-Cover gibt es auch für das iPad, aber Apple überlässt dieses Geschäft den Zubehör-Anbietern.

Es gibt zwei Surface-Typen: Das leistungsstärkere und dickere Gerät "Surface Pro" - eher eine Konkurrenz für das Ultrabook-Konzept - läuft mit einem Intel-Prozessor und der PC-Variante von Windows 8, der dünnere und leichtere Bruder "Surface" mit dem für mobile ARM-Prozessoren optimierten Ableger Windows RT. Beide Geräte bekommen Microsofts Office-Bürosoftware. Mit einem Gewicht von 676 Gramm und einer Dicke von 9,3 Millimetern liegt die RT-Variante auf Augenhöhe mit der dritten iPad-Generation.

Apples iPad ist auch gut zwei Jahre nach dem Start der ersten Version das Maß der Dinge auf dem stark wachsenden Tablet-Markt. Die Marktforscher der IDC gehen davon aus, dass in diesem Jahr 107,4 Millionen Tablet-Computer verkauft und davon 62,5 Prozent von Apple stammen werden. Der Großteil der restlichen Geräte läuft mit Googles Betriebssystem Android. Microsoft muss praktisch bei Null anfangen.

Dabei hatte der Windows- und Office-Konzern schon vor mehr als einem Jahrzehnt die Idee des Tablet-Computers vorangetrieben. Der Erfolg blieb aber aus, vor allem weil die Geräte zu schwer waren, die Akkus zu schnell aufgaben und die Bedienung zu unhandlich war. Erst Apple gelang es mit dem von Ballmer anfangs belächelten iPad, den totgeglaubten Markt zu beleben. Nun versucht Microsoft, auf den fahrenden Zug aufzuspringen.

Ballmer verwies darauf, dass Microsoft eine Tradition als Hardware-Hersteller habe. Der Software-Riese verkauft schon seit geraumer Zeit PC-Zubehör wie Mäuse, Tastaturen oder Webcams und ist erfolgreich mit seiner Spielekonsole Xbox. Allerdings gab es auch Flops wie den Player Zune, der nie für Apples iPods gefährlich werden konnte, sowie die schnell wieder eingestellten Kin-Handys.

Zudem macht Microsoft mit den Surface-Tablets nun ausgerechnet seinen wichtigsten Partnern - den PC-Herstellern - direkte Konkurrenz. Konzerne wie Asus planen längst eigene Windows-Tablets. "An der Hardwarefront muss man sich fragen, was uns das über die Tablets sagt, die Microsoft im Vorfeld des Windows-8-Starts von seinen OEM-Partner zu sehen bekommt", sagt Jan Dawson, Chief Telecoms Analyst bei Ovum. "Entweder sind sie mit den Geräten nicht glücklich oder sie geben sich nicht damit zufrieden, vom Verkauf der Windows-Tablets nur eine Lizenzgebühr zu bekommen. So oder so ist das ein dickes Misstrauensvotum gegen die OEMs, die sich richtig gekränkt fühlen sollten."

Aktuell hat Microsoft einen schweren Stand im mobilen Bereich: Das Smartphone-Betriebssystem Windows Phone 7 hängt trotz eines großen Partners wie Nokia bei Marktanteilen von wenigen Prozent fest. Apple betreibt iPhone und iPad mit dem selben System iOS. Angesichts der engen Kooperation mit Nokia verwundert es außerdem sehr, dass die Surface-Rechner keinerlei Mobilfunk, sondern lediglich Wi-Fi an Bord haben.

Erscheinungstermin und Preise für seine Tablet-Computer nannte Microsoft noch nicht. Der Konzern verriet nur, dass die kleinere Surface-Variante zusammen mit der finalen Version des neuen Windows-Systems erscheinen soll. Das dürfte im Herbst sein. Der leistungsstärkere Surface-Typ mit Intel-PC-Prozessor folgt drei Monate später. Zum Preis hieß es nur, er solle "im Bereich vergleichbarer Geräte" liegen.

Neben dem Preis dürfte der Erfolg der Surface-Geräte primär davon abhängen, ob Microsoft eine durchgängige Integration mit seinem übrigen Ökosystem (PC, Xbox, Windows Phone) hinbekommt und potenziellen Käufern einen ähnlichen Mehrwert implizieren kann wie Apple das seit Jahren mit iPhone, iPad, Macs und iTunes schafft. "Theoretisch liefern Windows 8 und Surface alle Vorteile sowohl der Tablet-optimierten Umgebung wie des klassischen Desktop-Ansatzes mit Programmen", sagt Ovum-Experte Dawson. "In der Realität sind aber zumindest die Versionen, die man bis jetzt ausprobieren kann, ein fürchterlicher Mischmasch beider Welten, der den Verbraucher wahrscheinlich nur verwirrt." (dpa/tc)