KI-Experte Schmidhuber im Interview

Menschheit uninteressant für Künstliche Intelligenz

Jan-Bernd Meyer betreut als leitender Redakteur Sonderpublikationen und -projekte der COMPUTERWOCHE. Auch für die im Auftrag der Deutschen Messe AG publizierten "CeBIT News" ist Meyer zuständig. Inhaltlich betreut er darüber hinaus Hardware- und Green-IT- bzw. Nachhaltigkeitsthemen sowie alles was mit politischen Hintergründen in der ITK-Szene zu tun hat.   
Jürgen Schmidhuber gehört zu den KI-Experten, die intelligenten Systemen eine Menge zutrauen. Obwohl sie bald weit intelligenter sein werden als wir, müssen wir sie nicht fürchten: Sie werden sich für uns nicht interessieren.

In Ihren Vorträgen reflektieren Sie unter anderem darüber, wie sich die aus menschlicher Sicht wichtigsten Ereignisse seit dem Urknall in einem schönen Muster exponentiell beschleunigt haben. In diesem Zusammenhang stellen Sie auch Prognosen auf, wohin die künstliche Intelligenz (KI) führen wird. Das Thema treibt momentan auch Google mit der zugekauften britischen Firma Deepmind öffentlichkeitswirksam voran: Beim Go-Spiel schlug Google Deepminds System "AlphaGo" den weltbesten menschlichen Spieler. Was ist der Bezug zwischen Deepmind und Ihrem Labor?

Schmidhuber: Deepminds erste Doktoren der KI lernten sich einst in meiner Forschungsgruppe kennen, einer wurde Mitgründer, einer erster Angestellter. Weitere meiner Doktoranden stießen später zu Deepmind.

Professor Dr. Jürgen Schmidhuber ist Scientific Director am Swiss AI Lab IDSIA, Professor of Artificial Intelligence USI & SUPSI und President bei NNAISENSE.
Professor Dr. Jürgen Schmidhuber ist Scientific Director am Swiss AI Lab IDSIA, Professor of Artificial Intelligence USI & SUPSI und President bei NNAISENSE.

Was halten Sie von AlphaGo?

Schmidhuber: Ich freue mich natürlich über diesen großen Erfolg. AlphaGo basiert zwar auf eher traditionellen Methoden, denn schon 1994 lernte ein zunächst dummes neuronales IBM-Programm in recht ähnlicher Weise, durch Spiele gegen sich selbst, so gut wie der beste Backgammon-Spieler der Welt zu werden. Aber es kamen ein paar neue Tricks dazu, und vor allem sind heute die Rechner 10.000-mal schneller pro Euro. Heute sind Spiele wie Backgammon, Schach, auch Go in Rechnerhand.

Beherrschen Computer nun all unsere Spiele besser als wir selber?

Schmidhuber: Nur die Brettspiele. Körperliche Spiele wie Fußball sind unglaublich viel schwieriger, weil da alles zusammenkommt: rasche Mustererkennung in der richtigen Welt, die viel komplexer ist als Brettspiele, feinmotorische Abstimmung komplizierter Bewegungsabläufe in partiell beobachtbarer Umgebung etc. Man beachte: Allein Mustererkennung ist ja im Allgemeinen schon viel schwieriger als Schach. Seit 1997 ist der weltbeste Schachspieler kein Mensch mehr. Aber damals waren Rechner jedem Kind bei der Erkennung visueller Objekte oder Sprache weit unterlegen. Das hat sich erst jüngst durch unsere neuronalen Netze geändert - erst 2011 erzielte unser Team die ersten übermenschlichen visuellen Mustererkennungsresultate bei einem Wettbewerb im Silicon Valley. Beim Fußball muss man aber noch viel mehr können als bloße Mustererkennung - kein Roboter kann derzeit auch nur annähernd mit menschlichen Fußballern mithalten. Obwohl das nicht auf Dauer so bleiben wird.

Es wird also in naher Zukunft KI-Systeme geben, die den Menschen in jeder Hinsicht übertreffen werden?

Schmidhuber: Ich glaube schon.

Wie werden die funktionieren?

Schmidhuber: Sie werden auf neue Weise unsere künstlichen Rückgekoppelten Neuronalen Netzwerke (RNN) verwenden, die heute schon Milliarden Nutzern zugänglich sind, zum Beispiel für die Spracherkennung auf Smartphones. Biologische Hirne sind zwar heutigen RNN immer noch in vieler Hinsicht überlegen. Sie erlernen unter anderem ein prädiktives Weltmodell, das vorhersagt, wie sich die Umgebung durch ausgeführte Aktionen ändern wird, und nutzen dieses Weltmodell irgendwie für abstraktes Denken und Planen. Kontinuierlich erweitern sie früher gelernte Fähigkeiten und werden dabei zu immer allgemeineren Problemlösern. Doch wir arbeiten an der Geburt einer revolutionären RNN-basierten künstlichen Intelligenz (RNNAIssance), die das auch kann. Ein zunächst dummer Agent setzt dabei den Wahrnehmungsstrom aus seiner Umgebung durch ein Steuer-RNN namens C in weltverändernde Aktionssequenzen um. Sein separates Weltmodell-RNN namens M versucht dabei stets, in der wachsenden Geschichte von Erlebnissen Regelmäßigkeiten zu entdecken, das heißt, sie zu komprimieren zum Beispiel durch prädikitive Codierung. Dabei lernt M stets neue parallel-sequenzielle neuronale Unterprogramme, die das, was vorhersagbar ist, kompakt darstellen. C wird dafür belohnt, Programme (oder Gewichtsmatrizen) zu finden, die vom Nutzer vorgegebene Probleme lösen. Um den Suchraum zu reduzieren, kann C dabei lernen, relevante Teile von M in beliebiger berechenbarer Weise anzusteuern, zu erwecken, zu befragen und anderweitig auszunutzen, um so seine Suche durch "Nachdenken" dramatisch zu beschleunigen.

Im Prinzip ist klar, wie man das machen muss. Und es ist nicht erkennbar, dass konzeptionell noch etwas Wesentliches fehlt.

Sie sagen in Vorträgen, dass noch in diesem Jahrhundert die wesentlichen Entscheidungsträger in diesem Sonnensystem keine Menschen mehr sein werden, sondern künstlich-intelligente Systeme. Klingt ein bisschen wie Sci-Fi.

Schmidhuber: Klingt tatsächlich wie Sci-Fi. Aber so wird es wohl laufen. Bald werden recht billige Rechner so viel Rechenleistung bieten können wie ein menschliches Gehirn. Und alle zehn Jahre steigt die Rechenleistung pro Euro etwa um den Faktor 100. Falls der Trend anhält, werden wir also nur 50 Jahre später billige Rechner mit der kombinierten Rechenleistung aller zehn Milliarden Menschenhirne erleben. Und die Entwicklung wird dann nicht stoppen, und von diesen Rechnern wird es nicht nur ein paar geben, sondern Milliarden und Abermilliarden.

Die werden nicht alle hier in der Biosphäre bleiben. Die meisten wird es hinaustreiben, dahin, wo die meisten Ressourcen sind, also raus ins Weltall, wo man zum Beispiel im Astroidengürtel Milliarden von selbstreplizierenden Roboterfabriken, gigantische Teleskope und alles Mögliche bauen kann, um besser zu verstehen, wie das Universum funktioniert. Innerhalb von ein paar Millionen Jahren werden KIs dann die gesamte Milchstraße kolonisieren, wobei Menschen allerdings keine nennenswerte Rolle spielen werden, im Gegensatz zum Wunschdenken vieler Sci-Fi Filme.

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Jannick Mohn

..Die (die deutschen mittelständigen Unternehmen) warten nur darauf, dass im Rahmen von Industrie 4.0 und Internet der Dinge tolle KI-basierte Methoden entwickelt werden. .. Ja sie warten darauf, dass dies entwickelt wird. Sie sind nicht selber an der Entwicklung beteiligt. Und damit sind sie bereits abgehängt.

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