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Maschinen telefonieren mit Maschinen

13.02.2008
Von Handelsblatt 
Die emsige Suche der Mobilfunker nach neuen Wachstumsquellen könnte einer Nische zum Durchbruch verhelfen: der Kommunikation zwischen Maschinen. Dabei geht es unter anderem um intelligente Häuser, die per Mobilfunkkarte selbständig Wasserrohrbrüche melden oder um Kühlschränke, die abhängig von ihrem Inhalt Einkaufslisten erstellen.

BARCELONA. Die Branche hat das Thema vor einigen Jahren ganz groß eingeflogen. Bislang haben sich solche Angebote aber noch nicht durchgesetzt. Doch die Branche kann es sich inzwischen nicht mehr leisten, Wachstumsmöglichkeiten zu ignorieren. "Jetzt, wo der klassische Markt gesättigt ist, schauen die Mobilfunker wahrscheinlich stärker auf die Nischen", sagt Roman Friedrich von der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton.

Diese Art der Kommunikation bietet den Mobilfunkern zwei Vorteile: Zum einen sind Maschinen treuer als Menschen, die Fluktuation der Kunden ist nach Angaben der Marktforscher von Harbor Research geringer. Zum anderen laufen die Verträge für solche technischen Lösungen meist drei bis fünf Jahre und damit deutlich länger als ein gewöhnlicher Handy-Vertrag, der meist nach zwei Jahren endet.

Bisher beschränkt sich die Technik - im Fachjargon Machine-to-Machine- oder M2M-Kommunikation genannt - jedoch noch auf wenige Anwendungen. Die Marktforscher von Gartner gehen davon aus, dass 2006 weltweit 14 Millionen M2M-Geräte im Wert von insgesamt 602 Mill. Euro verkauft worden sind. Das entspricht einer Umsatzsteigerung von einem guten Drittel gegenüber dem Vorjahr; verglichen mit knapp einer Milliarde Handys, die im gleichen Zeitraum über die Ladentheken gingen, sind das aber im besten Fall Peanuts.

Der Grund für die Diskrepanz: Die Mobilfunknetzbetreiber können mit M2M kaum Geld verdienen - ein Kühlschrank hängt nun einmal nicht so lange in der Leitung wie zwei Freundinnen. Auch für die Gerätehersteller lohnte es bislang kaum - mit Handys für den Massenmarkt konnten sie deutlich höhere Margen erzielen. "Bei dem Geschäft kriegen sie kaum eine auskömmliche Marge hin", sagt Friedrich Joussen, Deutschland-Chef von Vodafone, dem Handelsblatt.

Doch der Branchenzweite hat hierzulande das Thema noch nicht abgeschrieben. Wie Joussen dem Handelsblatt verraten hat, startet in der zweiten Jahreshälfte der Navigationshersteller Tomtom exklusiv ein Stau-Informationssystem, das auf den Daten der Vodafone-Kunden beruht. Tomtom kann sehen, wo sich die Vodafone-Kunden befinden, und errechnet daraus die Verkehrsdichte auf den Straßen. "Damit gibt es erstmals Stau-Infos in Echtzeit auch von Landstraßen", erklärt Joussen.

Autos sind ein Kern der M2M-Anwendungen. Die Telekom -Tochter T-Systems etwa testet derzeit zahlreiche Anwendungen auf vier Rädern. Eine Variante könnte ein Frühwarnsystem für das Auto sein: Es wertet Angaben zu Wetter, Straßenverlauf und Fahrgeschwindigkeit aus und warnt den Fahrer, wenn er zu schnell auf eine Kurve zusteuert, wo der Wagen etwa wegen nasser Fahrbahn ins Schlingern geraten könnte.

Solche Überlegungen sind mehr als nur technische Spielereien. So überlegt die niederländische Regierung derzeit, die Kraftfahrzeugsteuer künftig nach der Summe der gefahrenen Kilometer zu bemessen. Die Autos sind dann mit Funkchips ausgestattet, ähnlich wie beim deutschen Mautsystem.

"M2M ist eines der Themen, denen jeder ein ganz großes Wachstumspotenzial voraussagt", sagt Nick Jones von Gartner. "Allerdings wird es wohl keine Killerapplikation geben, sondern viele kleine Lösungen."

Booz-Allen-Berater Friedrich hat noch einen zweiten Wachstumsmarkt für die sprechenden Maschinen ausgemacht: das Gesundheitswesen. Alte oder kranke Menschen können Blutdruck oder Herzfrequenz zuhause von Sensoren prüfen und per Mobilfunkverbindung zur Kontrolle zum Arzt übermitteln. So ließen sich die Kosten senken, argumentiert Friedrich. "Im Gesundheitswesen wächst der Druck zu sparen und M2M wäre eine sinnvolle Lösung, von der Patienten und Versicherer profitieren würden", sagt der Experte. "Werden solche Systeme im Gesundheitswesen flächendeckend eingesetzt, rechnen sich solche Dienste auch für die Mobilfunknetzbetreiber."