Marktreife soll 1994 erreicht sein Philips bietet Spracherkennung am PC speziell fuer Radiologen

26.11.1993

MUENCHEN (CW) - Mit dem Prototyp einer Spracherkennung am PC ging Philips Diktiersysteme an die Oeffentlichkeit. Das "Speech Processing System 6000" (SP-6000) erkennt etwa 25 000 Woerter aus dem Sprachschatz eines Radiologen (eingeschlossen Komposita und andere Ableitungen); zuvor muss der Benutzer aber eine Stunde mit dem System trainieren.

Ein Manko der ersten Generation von Sprachanalysatoren hat die 100prozentige Philips-Tochter ausgemerzt: Das System erkennt die einzelnen Worte auch dann, wenn fliessend mit normaler Artikulation gesprochen wird. Es ist nicht noetig, besonders langsam zu sprechen oder gar nach jedem Wort eine Pause zu machen.

Das jetzt vorgestellte System besteht aus drei vernetzten PCs: Mit einem Rechner steuert man Aufnahme und Digitalisierung des Textes. Via Novell-Netz werden die digitalisierten Rohdaten an einen weiteren 486-PC weitergereicht, der die eigentliche Verarbeitung uebernimmt. Dort werden die Daten zuerst auf ein Grundgeruest aus einzelnen Phonemen reduziert und dann analysiert. Philips verwendet den Hidden-Markov-Algorithmus, um zu bestimmen, mit welcher Wahrscheinlichkeit eines der etwa vierzig deutschen Phoneme ausgesprochen wurde. Doch darueber hinaus soll der Algorithmus noch einiges mehr leisten: Laut Philips kann man damit die Wahrscheinlichkeit erkennen, die fuer oder gegen eine bestimmte Wort- und Lautkombination spricht ("Patientin klagt ueber" ist wahrscheinlicher als "Patient: Inkla Hueber").

Auf einem dritten PC laeuft schliesslich die eigentliche Texterfassung und -korrektur. Im Philips-eigenen Textverarbeitungsprogramm kann das Ergebnis gleichzeitig korrigiert und abgehoert werden. Nach diesem Schritt wird der Text automatisch ausgezeichnet und kann dann entweder mit Wordperfect 5.2 oder Word 2.0 fuer Windows ausgedruckt werden.

Ganz ohne zusaetzliche Hardware laeuft dieses Programm aber nicht: Der Analyse-PC braucht eine Erweiterungskarte, deren Preis Philips noch nicht nennen konnte. Auch was das Komplettsystem kostet, will Philips erst bei der Markteinfuehrung 1994 bekanntgeben.

Bis dahin moechte das Unternehmen auch pruefen, ob und mit welchem Aufwand SP-6000 fuer andere Berufsgruppen nutzbar gemacht werden kann. Spannend ist dabei, wieviel Zeit Philips dafuer noch bleibt: 500 Dollar kostet IBMs Spracherkennung mit Soft- und Hardware.

Das Woerterbuch umfasst 32 000 Eintraege, die Erkennungsgeschwindigkeit liegt bei 70 Woertern pro Minute und damit leicht unter dem Tempo eines normal Sprechenden mit etwa 80 bis 120 Woertern pro Minute.

Au Walter Mehl