MySQL-Alternative

MariaDB 10: mehr als eine relationale Datenbank

Ludger Schmitz ist freiberuflicher IT-Journalist in Kelheim. Er ist spezialisiert auf Open Source und neue Open-Initiativen.
Die Open-Source-Datenbank Maria DB profiliert sich weiter gegenüber der Muttersoftware MySQL. Mit dem Sprung auf Version 10 geht es Richtung Analyse massenhafter Daten in Internet-Zeiten. Begleitend erscheinen Tools zur Administration.

Für einen großen Teil der IT-Anforderungen sind die SQL-orientierten relationalen Datenbank-Managementsysteme (RDBMS) völlig ausreichend und unverzichtbare Werkzeuge. Sie haben aber für Internet-Anwendungen den Nachteil, Massen unstrukturierte Dokumente nicht performant vorhalten zu können. Dazu sind so genannte NoSQL-Datenbanken besser geeignet und auch einfacher zu bedienen. Allerdings fehlen diesen Systemen geschäftskritische Eigenschaften wie Konsistenz und Transaktionssicherheit. Mehrere Datenbanksysteme zu betreiben verursacht Mehraufwand nicht nur bei der Administration, sondern insbesondere bei der Integration beider Seiten, um sie unternehmerisch effektiv nutzen zu können.

Die Integration von NoSQL-Datenbanken in eine RDBMS-Umgebung ist ein naheliegendes Ziel, das bei MariaDB seit einiger Zeit zu erkennen ist. Diese Open-Source-Datenbank ist eine Abspaltung von MySQL, dessen einstiges Kernteam von Oracle abgesprungen ist. Träger der Entwicklung ist inzwischen die finnische Firma SkySQL, während eine MariaDB Foundation über den Erhalt des Open-Source-Erbes wacht. Bis Version 5.5 lief die MariaDB-Versionierung parallel zu MySQL, um Kompatibilität zu unterstreichen. Doch während Oracle MySQL 5.6 herausgebracht hat, macht MariaDB jetzt einen Sprung auf Version 10 - um Unterschiede hervorzuheben.

Die wichtigsten Verbesserungen von MariaDB 10 beziehen sich auf den Durchsatz und die NoSQL-Fähigkeiten. Laut Hersteller ist die Performance bis zu zehnfach besser. Nachdem der Code der Datenbank bei rund einer Million Codezeilen "kernsaniert" und modernisiert wurde, ließen sich Neuerungen einführen. Ergebnisse sind die parallele Replikation, wobei die Replikations-Slaves crash-gesichert sind. Es ist ferner möglich, gleichzeitig über mehrere Master-Server auf diverse Slaves zuzugreifen, was größere Datenmengen adressierbar macht. Eine besondere Rolle kommt der "Spider"-Engine zu, die große Datenbanktabellen über mehrere Server verteilen kann ("Sharding"), was Performance und Skalierbarkeit verbessert.

In Sachen NoSQL-Fähigkeiten macht es die "Connect"-Engine möglich, aus MariaDB 10 dynamisch auf unterschiedliche Datenquellen zuzugreifen. Dazu gehören neben fremden relationalen Systemen auch unstrukturierte Dateien wie Log-Files. Ferner erhielt MariaDB weitere Verbesserungen der Technik "Dynamic Columns"; die variablen Spalten einer Tabelle kommen den NoSQL-Dokumenten entgegen. Eine spaltenorientierte NoSQL-Datenbank, nämlich "Cassandra" von der Apache Software Foundation, lässt sich interoperabel mit MariaDB betreiben. Cassandra ist vor allen in Big-Data-Szenarien verbreitet, und auch das zeigt an, wohin die Reise geht.

Michael "Monty" Widenius: Performance-Gewinn und NoSQL-Fähigkeit haben Vorrang vor MySQL-Kompatibilität.
Michael "Monty" Widenius: Performance-Gewinn und NoSQL-Fähigkeit haben Vorrang vor MySQL-Kompatibilität.
Foto: Widenius

Mit der Kernsanierung des Programm-Codes ist MariaDB in der neuen Version 10.0 nicht mehr 100-prozentig MySQL-kompatibel. Wie der MySQL- und MariaDB-Initiator Michael "Monty" Widenius vor etwa einem Jahr in einem Interview mit der "Computerwoche" ausführte, hatten die Neuerungen in Richtung Performance und NoSQL-Fähigkeiten Vorrang (siehe Monty Widenius im Gespräch: "Die Zukunft von MySQL gestalten wir").

Neben der MariaDB Foundation ist das finnische Softwarehaus SkySQL die treibende Entwicklungskraft hinter MariaDB. Für die nächste Version 10.1 verspricht das Unternehmen wieder "100 percent MySQL drop-in replacement".

Suse und Red Hat integieren MariaDB

Brian Stevens, Chief Technology Officer von Red Hat: Innovation voranzutreiben, bleibt unverändert eines der signifikantesten Merkmale von Open Source."
Brian Stevens, Chief Technology Officer von Red Hat: Innovation voranzutreiben, bleibt unverändert eines der signifikantesten Merkmale von Open Source."
Foto: Red Hat

Bekannte Anwender der Open-Source-Datenbank sind Google und Wikipedia. Doch das Produkt adressiert keineswegs ausschließlich die Topliga der Internet-Großanwender. Immerhin verbreiten Hersteller wie Suse, Red Hat sowie das Fedora-Projekt Debian die quelloffene MariaDB-Lösung mit ihren Linux-Distributionen. "Innovation voranzutreiben, bleibt unverändert eines der signifikantesten Merkmale von Open Source", betonte Brian Stevens, Chief Technology Officer von Red Hat. "Mit dem aktuellen Release trägt MariaDB dazu bei, Datenbank-Innovation weiter zu verstärken und den künftigen Datenbank-Anforderungen der Unternehmens-IT zu entsprechen. Denn diese Datenbank unterstützt schnelle Evolution und deren Akzeptanz."

Admin-Tools für MariaDB von SkySQL

MariaDB will sich nicht nur für große Datenbank-Umgebungen als Alternative zu MySQL empfehlen. Um das Produkt auch für weniger anspruchsvolle Anwendungen handhabbar zu gestalten, bietet SkySQL mit "MariaDB Enterprise 2" ein Set von Add-on-Tools und Services an, das die Einrichtung und das Management von Datenbanken vereinfacht. Es umfasst Binaries und Installationsroutinen für MariaDB 10, die Monitoring-Software "MONyog" von Webyog und die "Zmanda"-Backup-Software.

Ein zweites neues SkySQL-Produkt, "MariaDB Enterprise Cluster 2", richtet sich an jene Anwender, die deutlich komplexere Datenbank-Umgebungen, insbesondere heterogene Cluster, betreiben. Es umfasst die "Galera"-Cluster-Technik und vereinfacht über eine Anwender-Konsole und eine Management-API deren Konfiguration, Monitoring, Performance-Management, Steuerung der Nodes, Backups und Restores. Hinzu kommt bei beiden Produkten ein umfangreiches Support- und Update-Paket.

"MariaDB Enterprise Cluster 2 ist der Einstieg in eine höhere Hochverfügbarkeits-Klasse für Anwender von MariaDB, MySQL und NoSQL", erläutert Kaj Arnö, Vice President Collaboration bei SkySQL. "Die kommerziellen Produkte von SkySQL verleihen SQL die vom Markt zu Recht verlangte Flexibilität."

Carlo Velten, Crisp Research: "MariaDB zählt derzeit sicherlich zu den technisch innovativsten Datenbank-Projekten."
Carlo Velten, Crisp Research: "MariaDB zählt derzeit sicherlich zu den technisch innovativsten Datenbank-Projekten."
Foto: Experton

Das ist durchaus als Seitenhieb gegen MySQL zu verstehen. SkySQL verbreitet einen Feature-Vergleich, der das Oracle-Produkt natürlich ziemlich antiquiert aussehen lässt. Aber es gibt auch Einschätzungen mit mehr Abstand: "MariaDB zählt derzeit sicherlich zu den technisch innovativsten Datenbank-Projekten", urteilt zum Beispiel Carlo Velten, Senior Advisor und Managing Director Crisp Research. "Dies unterstreichen das neue Release MariaDB 10, der breite Funktionsumfang, zum Beispiel Multisource- und parallele Replikation sowie Integration von NoSQL-Funktionen, und nicht zuletzt das Vertrauen einer ganzen Reihe an aussagekräftigen Referenzen wie Google oder Tumblr. MariaDB sollte somit auf die Watch-List für alle Anwender, die hochperformante Webapplikationen entwickeln und betreiben wollen." (jha)