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Machen SAP und Commerce One gemeinsame Sache?

19.05.2000
Startschuss könnte auf der Sapphire fallen

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Die SAP AG steht angeblich kurz vor der Unterzeichnung eines Deals mit Commerce One, wonach das deutsche Softwarehaus künftig Produkte des E-Procurement-Spezialisten weiterverkaufen will. Dies berichtet das "Wall Street Journal" unter Berufung auf eingeweihte Kreise in beiden Unternehmen. Mit diesem Abkommen wollen die Walldorfer offenbar Anschluss an den boomenden Markt der Online-Handelsplattformen bekommen, in dem sie trotz ihrer im letzten Jahr veröffentlichten Internet-Software "Mysap.com" noch nicht richtig Fuß fassen konnten.

SAP und Commerce One führen der US-Publikation zufolge seit zirka zwei Monaten Gespräche über eine mögliche Kooperation und hoffen, diese kommende Woche auf der SAP-Anwenderkonferenz Sapphire in Berlin ankündigen zu können. SAP-Sprecher Ralf Nitsch wollte zu dem Bericht gegenüber der COMPUTERWOCHE allerdings keine Stellung nehmen. Auch Commerce One hüllt sich bislang noch in Schweigen. Ein derartiger Deal würde dem ERP-Marktführer (Enterprise-Resource-Planning) jedoch erlauben, vor allem seine europäische Klientel an den neuen Online-Marktplätzen teilhaben zu lassen.

Bisher kam SAP in Bezug auf elektronische Handelsplattformen kaum zum Zuge. Konkurrenten wie Oracle und die auf das elektronische Beschaffungswesen spezialisierten Anbieter Commerce One und Ariba schnappten die großen Deals. So sind Oracle und Commerce One beispielsweise bei dem gemeinsamen Marktplatz "Covisint" der Automobilgiganten General Motors, Ford, Daimler Chrysler, Nissan und Renault als Technologiepartner mit im Boot. SAP hatte bei dem Milliarden schweren Geschäft das Nachsehen, was Vorstandssprecher Hasso Plattner vergangene Woche als einen "bitteren Schlag" für sein Unternehmen bezeichnete. Durch eine Partnerschaft mit Commerce One könnten sich den Walldorfern hier wieder Türen öffnen. Bei den Automobilproduzenten BMW und Volkswagen kam SAP ebenfalls nicht zum Zuge. Das Rennen machte hier die Software von Ariba.

Die flinken Softwerker von Commerce One haben sich zudem einen Online-Marktplatz-Deal mit den Gesellschaften BNP Paribas, Crédit Agricole und Société Générale sowie dem Beratungshaus Cap Gemini geschnappt, wie das Unternehmen heute bekannt gab. Die vier französischen Unternehmen wollen mit der Commerce-One-Software eine "horizontale" Plattform für den Business-to-Business-Bereich schaffen, der Zulieferer und Abnehmer miteinander verbindet.

SAP scheinen auch bei den Chemiekonzernen die Felle davon zu schwimmen. Ende 1999 hatten zwar BASF, Bayer, Degussa-Hüls, Henkel und Wacker Chemie Interesse bekundet, Produkte aus der Mysap.com-Palette für den Aufbau des Chemie-Handelsplatzes zu verwenden. Inzwischen haben sich Bayer und BASF jedoch auch anderen Chemiekonzernen angeschlossen, die eine alternative internationale Handelsplattform aufbauen wollen (CW Infonet berichtete). Ein BASF-Sprecher erklärte gegenüber der COMPUTERWOCHE, man wolle auf beiden Schauplätzen aktiv sein. Dem SAP-Marktplatz scheint BASF jedoch eine untergeordnete Rolle zugedacht zu haben. "Über Mysap.com wollen wir die Beschaffung von technischen Waren und Dienstleistungen wie Kräne oder Pumpen laufen lassen," erklärte der BASF-Sprecher. "Über den neuen internationalen Marktplatz sollen bestehende Kunden- und Lieferantenbeziehungen sowie klassische Logistik- und Supply-Chain-Projekte abgewickelt werden."

Eine Allianz mit Commerce One würde zu der neuen Kooperationspolitik von SAP passen. Statt wie bisher alle Lösungen im Hause zu entwickeln, wollen die Walldorfer künftig vermehrt auf Partnerschaften und Akquisitionen vor allem in den USA setzen (CW Infonet berichtete). Dafür will die Softwareschmiede rund eine Milliarde Dollar bereit stellen. Vorstandschef Plattner erklärte, auch für Wiederverkaufsvereinbarungen sei man offen. Die Kursänderung von SAP kündigte sich bereits mit dem unlängst geschlossenen Abkommen mit der Nortel-Tochter Clarify an. Demnach wollen die Walldorfer künftig die CRM-Software (Customer-Relationship-Manangement) des Front-Office-Spezialisten weiterverkaufen.

Diese Outsourcing-Strategie bedeutet einen Kurswandel für das Unternehmen, das bislang auf rein intern entwickelte Produkte beharrte. SAP erwies sich jedoch als zu schwerfällig, um mit eigenen Produkten gegen die dynamischeren Internet-Unternehmen anzukommen und verpasste zudem Gelegenheiten, rivalisierende Unternehmen zu erwerben. Inzwischen ist der Softwareriese aufgewacht und will im kalifornischen Palo Alto, ein Entwicklungszentrum für Internet-Lösungen hochziehen. Plattner zeigte sich zuletzt einsichtig und meinte, kein Softwarehaus könne alles allein entwickeln und in allen Industriebranchen gleichermaßen die Nase vorn haben.