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Lotusphere 2000

18.01.2000
Neues rund um Notes und Domino

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - In Orlando öffneten sich gestern die Pforten zur Lotusphere 2000, der US-Anwenderkonferenz von IBMs Softwaretochter Lotus Development. In diesem Jahr haben mehr als 10 000 Teilnehmer und 200 Aussteller den Weg nach Florida gefunden.

Pünktlich zur Eröffnung der Hausmesse konnte der Hersteller einen neuen Rekord vermelden: 56 Millionen Anwender weltweit nutzen derzeit nach Angaben von Lotus die Groupware Notes - eine erfreuliche Entwicklung, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass noch zur Lotusphere 1995 prognostiziert worden war, zwei Jahre später (mithin 1997) werde die Zahl der Notes-Nutzer bei 20 Millionen liegen.

Papows nimmt offiziell seinen Hut

Der gestern offiziell erklärte Rücktritt des bisherigen CEO (Chief Executive Officer) Jeffrey Papows wirft allerdings einen düsteren Schatten über die Veranstaltung. Neuer Lotus-Chef wird bekanntlich zum 1. Februar Al Zollar, der frühere Chef des IBM-Bereichs Network Computing Software. In einem Pressegespräch erklärte Papows übrigens zum wiederholten Male, die vor allem vom "Wall Street Journal" im vergangenen Jahr gegen ihn erhobenen Vorwürfe, er habe seinen Lebenslauf zu seinen Gunsten frisiert (CW Infonet berichtete) und Mitarbeiterinnen sexuell diskriminiert (CW Infonet berichtete), hätten bei der Rücktrittsentscheidung überhaupt keine Rolle gespielt.

Statt dessen ziehe es ihn zu neuen Ufern, erklärte Papows: "Ich möchte künftig eine andere Softwarefirma leiten. Dies hätte ich niemals tun können, wenn ich nicht vollstes Vertrauen in die Management-Teams bei Lotus und IBM hätte." Wo er wieder auftauchen werde, ließ der Manager allerdings im Dunkeln. Er erwähnte lediglich, sein neuer Arbeitgeber werde "unabhängig und börsennotiert" sein.

Schulterschluss mit Microsoft

In seiner Keynote-Ansprache kündigte Papows eine verblüffende Trendwende in der Produktpolitik an: Microsofts Messaging-Client "Outlook" soll in die künftige Lotus-Produktlinie integriert werden. E-Mail und Kalender auf einem Domino-Server sollen Anwender bald auch mit dem Microsoft-Produkt abgleichen können. Dies, so Papows, bedeute aber keineswegs einen strategischen Rückzug aus dem Client-Markt. "Um es ganz klar zu sagen: Wir räumen diesen Markt nicht - nicht einen Zoll."

Mike Zisman, Vice-President Strategy, ergänzte: "Wenn wir die [Domino-]Infrastruktur für mehr Clients verfügbar machen, erweitern wir nur die Reichweite der Plattform." Wie weitreichend die Integration mit Outlook ausfallen wird, blieb vorerst noch unklar. Auf die Frage des Meta-Group-Analysten Ashim Pal aus dem Publikum, wann Outlook-Anwender denn Dateien mit einem Domino-Server austauschen könnten, erklärte Papows ausweichend, es dürften wohl noch einmal 18 Monate ins Land gehen, bevor die Nutzer "alle Vorteile der Integration" auskosten können.

Weitere Produktneuigkeiten

Im weiteren Verlauf der Keynote und folgender Veranstaltungen kamen weitere interessante Produktdetails ans Tageslicht:

Unter dem Namen "I-Notes" ist eine neue Marke geplant, die Browser- und Outlook-Fähigkeiten integriert. Dieses Produkt soll Offline-Dienste für Domino bieten. Nutzer sollen damit auch von PCs ohne installierten Notes-Client aus Notes-Daten replizieren können.

Eine weitere neue Produktlinie namens "Mobile Notes" soll die Reichweite der Lotus-Groupware auf PDAs (Personal Digital Assistants) und intelligente Mobiltelefone ausdehnen.

Domino soll stärker als bisher mit IBMs Application Server "Websphere" integriert werden, der vor allem in den Bereichen Middleware und Java deutlich mehr leistet. Trotz gewisser Überschneidungen im Leistungsspektrum beider Produkte ist offenbar eine gemeinsame Vermarktung als "Server-Tandem" geplant. Nähere Details sollen im Laufe der Veranstaltung folgen.

Notes soll im Bereich Kalenderdruck deutlich verbessert werden. Die Ankündigung Zismans "Wir haben das endlich hingekriegt" riss das Publikum förmlich zu Begeisterungsstürmen hin. Zuvor hatte der Produktstratege einräumen müssen, das Ausdrucken eines simplen Kalenders aus der Groupware sei bisher oftmals "ein Trauerspiel" gewesen.

Künftige Notes-Versionen sollen stärker mit der hauseigenen Messaging-Software "Sametime" integriert werden.

Der bereits auf der europäischen Lotusphere in Berlin im vergangenen Jahr angekündigte Knowledge-Management-Server "Raven" (CW Infonet berichtete) wird mit Spracherkennungssoftware versehen, die Client-seitig mit IBMs "Viavoice" zusammenarbeitet. Raven soll im Laufe des zweiten Quartals 2000 auf den Markt kommen.

Auch Domino wird polyglott: Der Groupware-Server arbeitet nun mit dem "Translation Connector" von Transparent Language Inc. zusammen. Mit dessen Hilfe kann Domino zwischen Englisch und fünf europäischen Sprachen (Deutsch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch) automatisch übersetzen.

Der "antiquierten" Mail-Software "cc:mail" droht das Aus: Das Produkt soll noch dieses Jahr weiter unterstützt werden, irgendwann im kommenden Jahr wird es laut Papows aus dem Portfolio verschwinden. Derzeit nutzen noch elf Millionen Anwender die Mailsoftware - in ihrer Blütezeit waren es fast doppelt so viele. Im vierten Quartal 1999 wurden gerade noch 160 000 cc:mail-Lizenzen verkauft - wohl größtenteils an Kunden, die ein Jahr-2000-Update benötigten.

Und die Preise?

Reichlich Verwirrung stiftete Jeffrey Papows mit der Ankündigung eines neuen Preismodells. Dieses soll für die Kunden einfacher und transparenter als das bisherige Pricing werden. Man benötige künftig keine "Rocket Scientists" mehr, um herauszufinden, was man nun für seine Softwarelizenzen zahlen müsse, versprach der Noch-Lotus-Chef. Er sah sich allerdings in der anschließenden Fragestunde mit Journalisten außerstande, Details der neuen Regelung zu erläutern. Er erklärte lediglich, ein "Großteil" der Neuregelung werde bereits Ende dieses Quartals etabliert, konkrete Preisangaben würden in Kürze folgen. Der neue Ansatz sei aber zum jetzigen Zeitpunkt noch "zu komplex", um näher darauf einzugehen.