Interview

Lotus-Collaboration wird für IBM zum Türöffner

09.04.2009
Stefan Höchbauer, Chef der Software Group von IBM Deutschland, sprach mit CW-Redakteur Wolfgang Herrmann über Project Liberate, IBMs SaaS-Pläne und über die derzeitige SOA-Akzeptanz der Anwender.

CW: Mit Project Liberate bieten Sie Unternehmen eine kostenlose Beratung, wie sie Microsoft-Lizenzkosten sparen können. Was hat IBM davon, wenn die Dienste kostenfrei sind?

HÖCHBAUER: Bei Project Liberate geht es nicht primär darum, Kunden davon zu überzeugen, weniger Microsoft-Lizenzen einzusetzen. Zunächst handelt es sich um eine umfassende Beratung, bei der dem Kunden aufgezeigt wird, wie er unter Beibehaltung vorhandener Microsoft-Software Lizenzkosten einsparen kann. In einem zweiten Schritt zeigen wir ihm, wenn er möchte, auch kostengünstige Alternativen aus unserem eigenen Produkt-Set auf.

CW: Von welchen Produkten sprechen Sie?

HÖCHBAUER: Wir denken in erster Linie an die Collaboration-Produkte unserer Lotus-Notes-Familie. Hier können wir preislich interessante Alternativen bieten, die sich hervorragend in die Microsoft-Welt integrieren lassen. Project Liberate als solches dreht sich aber ausschließlich um die Lizenz- und Vertragsberatung. Wir erheben damit nicht automatisch den Anspruch, Migrationsprojekte beim Kunden einzuleiten. Wenn dieser allerdings Interesse zeigt, offerieren wir beispielsweise auch weiterführende Migrationsservices und entsprechende Lösungen unserer Software Group.

CW: Microsoft kritisiert, das Programm gebe es schon länger, die Erfolge seien mäßig. IBM gehe es nur darum, IT-Budgets der Kunden in die eigenen Taschen umzulenken. Was sagen Sie dazu?

HÖCHBAUER: Die Reaktion von Microsoft war so zu erwarten.

CW: Aber am Ende wollen Sie doch Umsatz mit Ihren Produkten machen?

HÖCHBAUER: Natürlich. Wir möchten unseren Kunden zeigen, wie sie auch mit Produkten, die nicht von Microsoft stammen, Kosten senken können.

CW: Mit Lotus Live offeriert IBM jetzt auch Collaboration-Anwendungen über ein SaaS-Modell und eröffnet damit eine weitere Front gegen Microsoft. Welche SaaS-Angebote planen Sie in diesem Kontext?

HÖCHBAUER: Unsere Angebote im Bereich SaaS positionieren wir im Rahmen unserer Cloud-Strategie. Weil SaaS sich derzeit primär um Applikationen dreht, sehen wir hier zunächst unsere Collaboration-Suite Lotus Live. Wir diskutieren aber auch, ob es Sinn ergibt, klassische Infrastrukturprodukte über ein SaaS-Modell anzubieten, beispielsweise Tivoli oder Software aus dem Bereich Information-Management. Im ersten Schritt geht es uns vorrangig darum, ISVs unsere Produkte anzubieten, damit sie auf dieser Basis eigene SaaS-Modelle entwickeln können, die dann auf einer IBM-Cloud-Infrastruktur oder auch in Cloud-Umgebungen von Anbietern wie Amazon laufen. Dazu bietet IBM den ISVs auch ein spezielles SaaS-Partnerprogramm mit umfangreicher Technologie- und Marketing-Unterstützung.

CW: Wird es eines Tages auch Backend-Systeme wie den Datenbank-Server DB2 in Form von SaaS-Produkten geben?

HÖCHBAUER: Es gibt momentan keine konkreten Pläne, die wir veröffentlichen. Entscheidend werden die Erfahrungen sein, die wir jetzt mit dem SaaS-Angebot Lotus Live machen.

CW: Welche Auswirkungen hat das Trendthema Cloud Computing auf das klassische Software-Lizenzgeschäft der IBM?

HÖCHBAUER: Ich glaube nicht, dass sich das Geschäftsmodell dadurch grundlegend verändert. Natürlich wird es noch weitere SaaS-Angebote geben. Doch das klassische Lizenzmodell behält seine Berechtigung. Es wird durch Cloud Computing nicht ersetzt, sondern ergänzt. Das gilt übrigens auch für andere Softwareanbieter.

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