Erfolgreiche Ahnungslosigkeit

Lohnt es sich, stets schnell zu arbeiten?

promovierte in Erwachsenenbildung über das Training professioneller Intuition. Er arbeitet seit dem Jahr 2003 als freiberuflicher Berater, Trainer, Coach und Speaker mit dem Schwerpunkt unternehmerischer Entscheidungen und Managementinnovation.
Weiteres zur Person auf www.a-zeuch.de sowie www.crowdintuition.de.
Andreas Zeuch über Künstler, die lange nicht wussten, worauf ihre Arbeit hinausläuft - und über den Datenmüll des Fadenwurms.

Der Fadenwurm ist ein wenig attraktiver Wurm, der so simpel gebaut ist, dass einige seiner Arten sogar stundenlang Temperaturen von rund minus 270 Grad in flüssigem Helium überleben können. Fadenwürmer verfügen über rund 20.000 Gene. Aber was, bitte schön, hat der Fadenwurm nun mit Nichtwissen zu tun?

Lohnt es sich, stets schnell zu arbeiten?
Lohnt es sich, stets schnell zu arbeiten?
Foto: alphaspirit - Fotolia.com

Sie sind ein Mensch. So wie ich auch. Und ich glaube, wir sind uns schnell einig, dass wir uns selbst ein gerütteltes Maß an höherer Komplexität zuschreiben, als dem Stamm der Fadenwürmer. Indessen: Wir verfügen trotzdem nur über 22.000 Gene. Das sind gerade mal 10 Prozent mehr als diese unglaublich resistenten Würmer. Vollkommen verwirrt bleiben wir zurück, wenn wir jetzt noch betrachten, über wieviel Gene eine Maus verfügt, die vermutlich in der Komplexität irgendwo zwischen Fadenwürmern und uns Menschen steht: 23.000.

Somit stellt sich eine wichtige Frage: Wird die Komplexität eines Lebewesens tatsächlich durch seine Gene definiert? Die momentanen Vermutungen gehen in eine andere Richtung. Im Stil des DNA-Codes sind lächerliche 1,5 Prozent des menschlichen Genoms codiert. Die restlichen, erschlagenden 98,5 Prozent wurden bislang als Datenmüll betrachtet. Ein sehr besonderer Müll, der über Jahrmillionen mit nur geringfügigen Veränderungen weitergegeben wurde. Da stellen sich sofort zwei weitere wichtige Fragen:

  • Warum sollte es überhaupt derart erschlagend viel Müll im Genom geben?

  • Wenn dieser Müll so unwichtig ist, wieso gibt es dann dort kaum Mutationen?

Des Rätsels Lösung naht: In dem Müll werden mittlerweile Steuermoleküle vermutet, die auf bislang nicht verstandene Weise zu der eigentlichen Formen- und Artenvielfalt den wesentlichen Teil beitragen. Aus meiner Sicht eines Wissensmanagent-Laien ist diese Geschichte eine schöne Metapher für die vorschnelle Bewertung von Daten, scheinbare Sicherheiten, die in Sackgassen führen und die Entwertung von Nichtwissen. Und eine mangelnde individuelle Intuition in der Neubewertung und -interpretation von Wissenskonventionen.

Zu schnell in Antworten zu verfallen ist nicht immer hilfreich. Gute Antworten sind das Ergebnis noch besserer Fragen. Nichtwissen ist nicht einfach nur weg zu managen, weil es ein Defizit ist. Es kann schnell zur Ressource für bahnbrechende Innovationen werden. Aber nur, wenn es nicht sofort gestopft wird wie ein Loch in der Socke. Das zeigt auch folgendes spannendes Experiment.

Die Ahnungslosigkeit von echten Künstlern

Im Jahr 1976 veröffentlichten die beiden Kreativitätsforscher Jacob Getzels und Mihaly Csikszentmihalyi, der für sein Flow-Konzept bekannt wurde, ein äußerst interessantes Experiment über die Bedeutung von Nichtwissen als Ressource. Die beiden gingen in das Art Institute of Chicago und präsentierten den dortigen Kunststudenten diverse Gegenstände. Sie sollten sich einen oder mehrere heraussuchen und dann ein Stillleben malen. Manche der Studenten wählten nur ein oder zwei Gegenstände und begannen sofort mit dem Kunstwerk. Andere ließen sich mehr Zeit und schauten viele Gegenstände an. Ließen offensichtlich die Gegenstände auf sich wirken.

Der Hauptfokus bestand darin, herauszufinden, wie lange es dauert, bis auf der Leinwand ein Bild oder eine erkennbare Struktur zu sehen war. Interessanterweise war dies sehr unterschiedlich. Bei einigen Studenten war das bereits nach einigen Minuten der Fall, gerade so, als hätten sie bereits eine sehr klare Vorstellung von dem, was sie malen wollten. Bei anderen dauerte es bedeutend länger. Sie schienen die Fertigstellung innerhalb der vorgegebenen Zeit von maximal einer Stunde möglichst weit hinauszuzögern.

Die "schnellen" Studenten berichteten hinterher, dass sie gleich von Beginn an wussten, wie ihr Bild aussehen wird. Die "Langsamen" hingegen erzählten, dass sie lange nicht wussten, worauf ihre Arbeit hinausläuft.

So weit so gut. Na und, mögen Sie fragen. Richtig. Denn der Clou kommt erst jetzt: Ein großer Teil der "Wissenden" hatte nach Abschluss der Akademie als Künstler nicht oder nur mit mäßigem Erfolg gearbeitet. Die "Nichtwissenden" hingegen waren diejenigen, die deutlich mehr Erfolg hatten.

So lässt es sich als regelrechte Fähigkeit beschreiben, das Nichtwissen darüber, wie die Lösung aussehen wird, möglichst lange aufrecht zu erhalten. Auf diese Weise verfallen wir nicht in vorgebahnte Lösungen, sondern können wirklich kreativ und innovativ werden. Also überlegen Sie sich besser zweimal, ob Sie und Ihre Mitarbeiter möglichst umgehend in jeder Situation zu Wissenden werden sollen.

Foto: Andreas Zeuch,Wiley, Weinheim, 2010

von Andreas Zeuch.

  • Wiley, Weinheim, 2010

  • 262 Seiten, 24,90 Euro

  • ISBN: 978-3-527-50467-1

Siehe hier für weitere Informationen.

Dieser Artikel basiert auf einem Beitrag von CFOworld.de. (mhr)