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Lizenz-Verletzungen: Skype nur die Spitze des Eisbergs

02.08.2007
Von pte pte
"GPL-Lizenzverletzungen durch namhafte Unternehmen stehen leider auf der Tagesordnung. Der Fall Skype zählt meines Erachtens dabei eher zur kleineren Kategorie", kommentiert Joachim Jakobs, Sprecher der Free Software Foundation Europe (FSFE), im pressetext-Interview das jüngste Gerichtsurteil gegen den VoIP-Anbieter. Skype war vergangene Woche vor dem Landgericht München in erster Instanz verurteilt worden, weil das Unternehmen ein mit Linuxkomponenten ausgestattetes VoIP-Telefon des Herstellers SMC Networks vertreibt, das gegen die GNU General Public License verstößt.

Sowohl SMC als auch Skype hatten es bis zuletzt verabsäumt, auf die in Anspruch genommenen freien Softwarecodes hinzuweisen bzw. den Source Code für die im Telefon verwendete Software - wie laut GPL vorgesehen - offen zu legen. "Große Unternehmen wissen, was sie tun oder was sie nicht tun", ist Jakobs überzeugt. Leider werde vielerorts aber immer noch nach dem Motto "wo kein Kläger, da kein Richter" vorgegangen und das Risiko einer möglichen gerichtlichen Auseinandersetzung bewusst in Kauf genommen, so Jakobs. Im Fall von Skype hatte einmal mehr der Linux-Kernel-Entwickler Harald Welte die lizenzwidrige Verwendung von Linux-Code eingeklagt und vor dem Landgericht auch Recht bekommen.

"Dass das Thema GPL-Verletzung von Unternehmen noch immer nicht ernst genommen wird, muss ich ganz klar bejahen", sagt auch Till Jäger, Open-Source-Rechtsexperte bei JBB Rechtsanwälte, der Welte vor Gericht vertreten hat. Das Problem sei vor allem im Bereich der "Embedded Industrie" vorrangig, also bei Geräten, die im Hintergrund mit Softwarekomponenten ausgestattet sind, so Jäger gegenüber pressetext. Das reiche von WLAN-Routern bis zu E-Card-Systemen oder gar Hometrainern, die oftmals ohne Wissen der Konsumenten mit Linux-Betriebssystemen ausgestattet seien.

"Dass sich die Käufer eines Hometrainers nicht für die Software im Hintergrund interessieren, kann ja keine Entschuldigung dafür sein, dass Unternehmen eine Urheberrechtsverletzung begehen. Man kann als Hersteller ja auch nicht einfach auf Microsoft Windows zurückgreifen", kritisiert Jäger. Er kann sich vorstellen, dass Kläger wie Harald Welte in Zukunft zu verschärften Methoden greifen könnten, sollten die Unternehmen weiterhin so wenig Interesse an der Thematik bekunden. So sei es zu überlegen, ob man mit Schadenersatzforderungen für die an sich freie Codeverwendung mehr Druck ausüben könnte. Bisher haben die Kläger auf derartige Forderungen immer verzichtet, solange die Verurteilten den Lizenzbedingungen schließlich nachgekommen sind.

Um Unternehmen das Schicksal von Skype und die damit verbundene negative Berichterstattung zu ersparen, bietet die FSFE seit einem halben Jahr professionelle Beratung an, was bei der Verwendung von freiem Source Code unter der GPL-Lizenz beachtet werden muss. Der Stundensatz für die Dienstleistung beziffert die FSFE mit 150 Euro für Nichtmitglieder und 100 Euro für Teilnehmer des FSFE-Fellowship-Programms. Neben Lizenzberatung und Trainings-Einheiten für Unternehmen bietet die FSFE auch Hilfe für Entwickler an, die von Lizenzverstößen betroffen sind. (pte)