Lisog - Lobbyarbeit für Linux

18.04.2005
Von Heinrich Seeger
Open-Source-Software wächst aus den Entwickler-Communities in das Business-Umfeld hinein. Neue Organisationen, insbesondere die Linux Solutions Group, sollen diesen Trend fördern.

Unter Anbietern von Linux-Distributionen, Open-Source-Applikationen und entsprechenden Services herrscht ein Klima, wie es in der IT-Branche sonst nicht zu finden ist. Man beruft sich auf die Community als kleinsten gemeinsamen Nenner und geht pfleglich miteinander um. Schließlich sitzen alle im selben Open-Source-Boot - immer auf Kollisionskurs mit dem kommerziellen Flugzeugträger Microsoft.

Vor diesem Hintergrund ist es möglich, dass Open-Source-Konkurrenten sich in einem Verein zusammenfinden und Lösungen entwickeln. Eine im März 2005 gegründete Interessenvertretung nennt sich Linux Solutions Group e. V. (Lisog) und hat das Ziel, "den Einsatz von Linux-basierenden Lösungen in Unternehmen zu fördern und die Marktakzeptanz in einer breiteren Anwenderschaft zu erhöhen", heißt es in einer programmatischen Mitteilung.

Die bisherigen Linux-Initiativen sind den Lisog-Gründern zu sehr auf die technische Entwicklung des Systems ausgerichtet. Konkrete Hilfen für IT-Entscheider, die sich mit Linux-Strategien beschäftigen, gebe es dagegen selten. Diesem Mangel will die Lisog abhelfen, indem sie als "hersteller-, technologie- und plattformneutral agierender Know-how-Träger" agiert.

29 Gründungsmitglieder zählt die Organisation, darunter vier Universitäten und fünf Anwenderunternehmen. Die meisten Teilnehmer stammen jedoch aus der IT-Branche: Internationale IT-Größen wie IBM, MySQL, Novell, Red Hat und Siemens Business Services, aber auch regionale Anbieter aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Bayern und Baden-Württemberg sind dabei.

Lisog-Schwerpunkt im Süden

Der Schwerpunkt der Initiative liegt bisher im Schwabenland. Die Lisog profitiert sogar von öffentlichen Mitteln des Landes Baden-Württemberg; die Geschäfte des Vereins werden von der MFG Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg mbH in Stuttgart abgewickelt, die sich zu 50 Prozent aus Landesmitteln speist. MFG-Geschäftsführer Klaus Haasis ist gleichzeitig Geschäftsführer der Lisog.

Die Wirtschaftsförderung Stuttgart gab den Anstoß zur Gründung, berichtet IBM-Manager Karl-Heinz Strassemeyer, der den Vorstandsvorsitz übernommen hat: "Von dieser Seite aus war Schwung dahinter." Entsprechend leicht fiel es ihm, innerhalb der IBM für das Vorhaben zu werben: "Wenn der Raum Stuttgart als Silicon Valley für Linux in Europa positioniert werden soll, dann müssen wir dabei sein", warb er intern für ein Management an vorderster Lisog-Front. Der Verein werde schon bald aus seiner regionalen Begrenzung hinauswachsen, versichert Strassemeyer, der bei IBM die Portierung des Linux-Betriebssystems auf den Main- frame betrieben hatte. Ein Ableger in der Schweiz sei in Vorbereitung, und auf Dauer wolle man den gesamten deutschsprachigen Raum abdecken.

Die Lisog möchte Linux in Anwenderunternehmen den Weg bereiten. "Konkrete branchen- und technologieorientierte Lösungsszenarien" sollen erarbeitet werden, heißt es. Erfolgversprechende Ansätze würden durch die Mitglieder analysiert, dokumentiert und in Zusammenarbeit mit den Anwendern bis zur kommerziellen Verwertbarkeit weiterentwickelt, um anschließend von den Mitgliedern vermarktet zu werden.

Der erste "Lösungs-Stack" werde sich mit dem Linux-Desktop-befassen, teilt Strassemeyer mit. Fernziel seien aber umfassende Lösungen für das "Linux-basierende Unternehmen". Endgültig festgelegt wird die Agenda jedoch erst im Mai vom Architektur-Board der Lisog unter der Leitung des technischen Direktors Tom Schwaller. Der kommt wie Strassemeyer aus dem Linux-Team der IBM, wo er als "Evangelist" bis Ende 2004 für die Idee des quelloffenen Betriebssystems im Unternehmen und bei den Kunden warb. Nun ist er für die Lisog freigestellt. Seine Erwartung: Auf Basis der Lisog-Stacks könnten "Unternehmen besser entscheiden, ob diese Angebote für sie in Frage kommen".

Für die verabschiedeten Projekte will die Lisog regelmäßig Ideenwettbewerbe, so genannte Sprints, veranstalten. Dabei kann es sich beispielsweise um die Aufforderung handeln, sich an der Weiterentwicklung eines Desktops zu beteiligen. Die Teilnahme soll jedoch nicht allein den Lisog-Mitgliedern vorbehalten sein, betont Strassemeyer: Um tatsächlich das beste am Markt verfügbare Know-how für ein Lösungsszenario nutzen zu können, seien auch Entwickler- und Anwenderfirmen, die nicht der Lisog angehören, eingeladen.

Wenn diese am Ende doch beitreten, dürfte es den Machern des Vereins recht sein, denn die Lisog finanziert sich aus Mitgliedsbeiträgen: IT-Anbieter zahlen zwischen 1000 und 10 000 Euro im Jahr, abhängig von ihrem Umsatz. Anwenderunternehmen mit weniger als zehn Millionen Euro Jahresumsatz zahlen 250 Euro per annum, oberhalb dieser Grenze werden sie mit 1000 Euro zur Kasse gebeten.

Neutralitätsanspruch

An den zu bearbeitenden Lösungsszenarien sollen sich alle Mitglieder beteiligen, angestrebt wird eine Art Best-Practice-Datenbank auf der Grundlage der Technologien und Produkte der Lisog-Branchenmitglieder. Vorstand Strassemeyer räumt zwar ein, dass dieser Wissensspeicher sicherlich überwiegend von Anbieterseite gefüllt werden wird. Er betont aber: "Wir sind neutral." Die entwickelten Szenarien sollen den Charakter von Blaupausen haben; verschiedene Ansätze, zum Beispiel beim Desktop, werden miteinander "verglichen, geprüft und ergänzt", so der IBMer.

Die Lisog selbst erzeuge gleichwohl "keine Intellectual Property", sondern aggregiere lediglich die Arbeit der Mitglieder. Der "Gesamtkuchen", so Strassemeyer, werde vergrößert, indem man gemeinsam die Linux-Akzeptanz im Markt stärke. "Was die Mitgliedsfirmen dann daraus machen, ist ihre eigene Sache."

Behörden sind interessiert

Die Anwenderseite ist noch nicht sehr stark vertreten. Von den fünf Lisog-Aktivisten, die nicht aus der IT-Branche kommen, ist die Stuttgarter Lebensversicherung AG die einzige mit waschechtem Business-Hintergrund. Die anderen entstammen dem öffentlichen Sektor: die Stadt Schwäbisch Hall und das Amt für Wirtschaft in Nürnberg sowie die Lisog-Geburtshelfer Stuttgarter Wirtschaftsförderung und MFG. Will die Lisog ihre Nutzenansprüche einlösen, muss die Best-Practice-Komponente deutlich gestärkt werden, weiß Strassemeyer. Er gehe davon aus, dass "wir auf Anwenderseite künftig überproportional wachsen werden".

"Mit der Lisog wird endlich der Anwender in den Mittelpunkt des Interesses gestellt", gibt sich Karl-Eugen Binder, Abteilungsleiter System-Rechenzentrum bei der Stuttgarter Lebensversicherung, optimistisch. Er hätte so etwas schon vor drei Jahren gut gebrauchen können, meint der RZ-Spezialist. Die Lisog werde dazu beitragen, "die Akzeptanz von Linux-basierenden Lösungen weiter zu erhöhen und so dafür zu sorgen, dass die Zahl an Applikationen und Einsatzmöglichkeiten steigt". Sein Resümee: "Linux und Open Source sind zukunftsweisend." (hv)