Alternativen zu Microsoft Small Business Server

Linux-Server für den Mittelstand

Thomas Drilling ist als freier IT-Journalist und IT-Consultant tätig. Seine Spezialgebiete sind Linux und Open-Source-Software.

SBS-Alternative 2: ClearOS Professional 6.3

ClearOS Professional ist ein von der US-amerikanischen ClearCenter Corp. entwickelter Small Business Server, der traditionell auf Red Hat Enterprise Linux (RHEL) basiert, aktuell also in der Version 6.3. RHEL ist nicht nur Weltmarktführer unter den Unternehmens-Distributionen, sondern hat vor allem in seinem Heimatland USA eine starke Basis. RHEL wird dank der außerordentlichen Stabilität und der langen Support-Zeiträume (bis zu 10 Jahre) unter anderem von verschiedenen US-Regierungsbehörden eingesetzt und gefördert. Die in Neuseeland ansässige ClearFoundation entwickelt und verteilt zudem einen Community-Ableger von ClearOS, der mangels Support und Maintenance aber nicht Gegenstand dieser Betrachtungen ist.

ClearCenter Marketplace

Der App-Store von ClearOS ist weitaus umfangreicher bestückt, als der von Univention.
Der App-Store von ClearOS ist weitaus umfangreicher bestückt, als der von Univention.
Foto: Thomas Drilling

ClearOS-Nutzer benötigen ein Minimum an Linux-Erfahrung, denn die Nähe zu Red Hat kann das System kaum verbergen. So kommt etwa zum Installieren das Red-Hat-Setup-Tool Anaconda zum Einsatz. Zwar ist Anaconda ein seit Jahrzehnten erprobtes und intuitiv bedienbares Werkzeug, hält aber nicht den Anforderungen an ein Small-Business-System stand. ClearOS lässt sich nach bewältigter Basis-Installation über das Web-Interface administrieren, das beim ersten Aufruf einen Startup-Guide zur Verfügung stellt. Mit dem ist es etwa recht einfach möglich, ClearOS funktional auf den Betrieb als Server- (ohne Firewall), Public-Server oder Gateway vorzubereiten. Mit seinem Marketplace folgt auch ClearOS dem aktuellen App-Store-Trend und bietet nach der Basis-Installation die Möglichkeit, weitere Funktionen auf einfache Weise nachzurüsten.

ClearOS 6.3 war bei seinem Erscheinen im August 2012 neben Ubuntu eine der ersten Linux-Distributionen mit eigenem App-Store. Während Univention sämtliche Basis-Funktionen in der Grundausstattung mitbringt und über sein App-Center vorwiegend Partner-Lösungen verteilt, nutzt ClearOS den Marketplace für beinahe jede Funktion, die über die minimale Basis-Ausstattung hinausgeht. Demzufolge muss der Nutzer Funktionen wie Windows-Networking, FTP-Server, Print Server oder SMTP aus dem Marketplace nachrüsten, wobei sich Professional- und Community-Version deutlich unterscheiden. Erstere bringt beispielsweise den LDAP-Verzeichnisdienst und die Google-Apps-Integration mit. Das Installieren der Zarafa-Groupware aus dem Marketplace berücksichtigt derzeit nur die etwas betagte Version 6.2.1.

Administration via Web-Oberfläche

Das Dashboard ist Teil der modernen und intuitiv nutzbaren Web-Oberfläche von ClearOS.
Das Dashboard ist Teil der modernen und intuitiv nutzbaren Web-Oberfläche von ClearOS.
Foto: Thomas Drilling

Die Weboberfläche erfüllt den Anspruch eines weitgehend ohne Linux-Kenntnisse administrierbaren Systems. Das Webinterface besitzt einen hierarchisch aufgebauten Navigationsbereich, der schnellen Zugriff auf installierte Apps/Funktionen gewährt. Wahlweise ist der Zugriff auch über Menüs am oberen Bildschirmrand möglich, welche die installierten Apps nach "Server-", "Network"-, ""Gateway-" und "System"-Funktionen gliedern. Ferner bietet das Webinterface Zugriff auf ein Dashboard und den Marketplace.

Auch ClearOS bringt einen Active Directory Connector mit.
Auch ClearOS bringt einen Active Directory Connector mit.
Foto: Thomas Drilling

Die Bedienung der Apps fügt sich nahtlos in das GUI ein. Neben dem in der Professional-Version standardmäßig enthaltenen Active Directory Connector will auch ClearOS in der kommenden Version Samba 4 unterstützen.

Das ist bei ClearOS 6.3 noch nicht der Fall, allerdings enthält die seit Januar verfügbare Beta-Version von ClearOS 6.4 auch eine Beta-Version von Samba 4. Dass ClearOS bei der Aktualität einzelner Pakete oft hinter der Konkurrenz zurückbleibt liegt am Fundament, denn der Red Hat Enterprise Server ist aufgrund seiner langen Release-Zyklen in Sachen Aktualität ebenfalls eher konservativ aufgestellt, gilt dafür aber als sehr stabil.

Welche Kosten verursacht ClearOS?

ClearOS steht zum einen in einer als SBS-Alternative interessanten Professional Version in verschiedenen Subscriptions-Leveln ab 280 US-Dollar im Jahr oder als frei downloadbare Community-Version zur Verfügung. Die Professional-Version enthält den Active Directory Connector und bietet mit der Funktion Google Apps Synchronization auch die Möglichkeit, populäre Google-Apps einzusetzen. Ferner hat die Professional-Version ein Antimalware Premium-Paket von Kaspersky an Bord. Eine andere interessante Alternative für SBS-Umsteiger sind die "Clear-Box" getauften Hardware-Appliances ab 1639 US-Dollar.

Pro und Contra ClearOS 6.3

+ RHEL-kompatibel (stabil, erprobt, aber "konservativ")

+ relativ günstig,

+ schicke Oberfläche mit vorbildlicher Apps-Integration

- derzeit kein Samba 4

- Installer basiert auf Standard-Red-Hat-Installer "Anaconda", was minimale Linux-Kenntnisse erfordert

- zahlreiche Basis-Apps wie "Active Diretory Connector" oder Nagios" werden extra berechnet. Viele Apps kostenpflichtig