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Linux für München: Softcon und Gonicus stechen IBM und Sun aus

18.04.2005

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Die erste europaweite Ausschreibung im Rahmen des Münchner "LiMux"-Projektes haben die Firmen Softcon aus München und Gonicus aus Arnsberg gewonnen. Die beiden Open-Source-Spezialisten sollen die IT-Verantwortlichen der bayerischen Landeshauptstadt dabei unterstützen, einen Basis-Client für die rund 14 000 Arbeitsplatzrechner der Stadtverwaltung zu entwickeln. "Letztendlich hat der Anbieter mit dem für die Landeshauptstadt München besten Verhältnis von fachlicher Kompetenz und Preis den Zuschlag erhalten", analysiert Peter Hofmann, Leiter des Münchener LiMux-Projektes.

Insgesamt hätten sich 30 bis 40 Unternehmen für das Projekt interessiert, berichtet Wilhelm Hoegner, Leiter des Amts für Informations-und Datenverarbeitung (Afid) der Stadt München. In den endgültigen Teilnahmewettbewerb hätten es jedoch nur die leistungsstärksten Anbieter mit den notwendigen Referenzen geschafft. Die Bietergemeinschaft Softcon/Gonicus habe sich hier neben renommierten Anbietern wie IBM, Sun Microsystems, EDS und T-Systems wieder gefunden.

"Im Grunde geht es bei dem Auftrag um Unterstützungsleistungen", erklärt Hoegner. "Wir wollen das Know-how bei uns selbst aufbauen." Dafür habe die Stadt München in der Vergangenheit bereits Fachpersonal angeworben. Auch die Implementierung und Pflege des auf der Linux-Distribution Debian/GNU basierenden Basis-Clients will das Afid weitgehend selbst übernehmen. Allerdings seien die Münchner IT-Spezialisten gerade in der Anfangsphase auf die Erfahrung der externen Dienstleister angewiesen. "Ziel ist jedoch, dass wir irgendwann in der Rollout-Phase das System selbständig betreuen können", gibt der Afid-Leiter vor.

Die Einführung des Basis-Clients soll Hoegner zufolge nach ersten Pilotprojekten im laufenden Jahr Anfang 2006 starten und bis Ende 2008 abgeschlossen sein. Parallel gilt es für die Münchner IT-Verantwortlichen, eine Reihe weiterer Aufgaben zu erledigen. So müssen die zahlreichen Fachverfahren der einzelnen Stadtreferate ebenfalls auf das Open-Source-System umgestellt werden. Dabei ist die Software derart zu modifizieren, dass sie unter einem Web-Frontend läuft, sofern sie keinen Linux-Client bietet.

Man müsse dabei zwischen den Verfahren großer Anbieter wie SAP unterscheiden, deren Software in der Breite eingesetzt werde, und spezifischen Fachanwendungen, die nur in einzelnen Referaten zum Einsatz kommen, beschreibt Hoegner die Ausgangssituation. Während mit Branchengrößen wie SAP bereits laufend Gespräche stattfänden, habe es mit den kleineren Softwareanbietern in der Vergangenheit kaum strukturierte Kontakte gegeben, räumt der Münchner IT-Leiter ein. Jedoch seien auch kleine Anbietern bereit, ihre Produkte auf Open-Source umzustellen.

Die Zusammenarbeit mit SAP gestaltet sich jedoch schwierig, verlautete aus dem Umfeld des Afid. So wolle sich der Vorstand des badischen Softwareanbieters noch nicht so recht dazu bekennen, auch im Client-Umfeld Open-Source-Produkte zu unterstützen. Offenbar wolle man in Walldorf die Zusammenarbeit mit Microsoft nicht stören. Allerdings seien die Verantwortlichen zuversichtlich, eine Kundenlösung zur Anbindung von Open Office an SAP-Applikationen zu erreichen.

Während horizontale Anwendungen wie Terminplaner, Directory und Mail-System bis Ende 2005 vorliegen müssen, verfolgen die einzelnen Referate ihre eigenen Umstellungspläne. Nach diesen richtet sich das Afid. Die Bedenken einzelner Referate gegen die strategische Linux-Entscheidung der Stadtverwaltung hätten sich etwas gelegt, so Hoegner. "Allerdings gibt es bei einem Projekt dieser Größenordnung immer gewisse Widerstände. Ich denke, dass sich die anfänglich doch große Skepsis reduziert hat."

Derzeit hinkt LiMux dem Zeitplan ein paar Monate hinterher. Laut Hoegner sollte ursprünglich bereits Ende 2004 der Zuschlag für den Basis-Client erteilt werden. Er sei jedoch zuversichtlich diese Verspätung während der Rollout-Phase wieder aufzuholen. Als Grund für die Verzögerungen nennt Hoegner Schwierigkeiten, die verschiedenen Vorstellungen und Angebote der Bewerber für das Projekt auf eine vergleichbare Basis zu stellen. Dies sei jedoch notwendig gewesen, um die Angebote transparent und sauber bewerten zu können. "Das hat viel Arbeit gekostet."

Die Münchner IT-Verantwortlichen befürchteten offenbar, nicht berücksichtigten Mitbewerbern ein Angriffsziel zu bieten. So gibt es bei der geringsten Unregelmäßigkeit bei Ausschreibungen der öffentlichen Hand die Möglichkeit, die Vergabeprüfstelle anzurufen. Gerade bei einem Renomier-Vorhaben wie dem Münchner LiMux-Projekt habe diese Gefahr bestanden. Insbesondere IBM, das die Stadt München während der Feinkonzeptphase stark unterstützt hatte, dürfte sich Hoffungen auf den Zuschlag gemacht haben.

Ein Verfahren vor der Vergabeprüfstelle wäre für das Projekt verheerend gewesen, erläutert Hoegner. Bis dort alles geprüft sei, könne bis zu einem halben Jahr vergehen. Während dieser Zeit liege das gesamte Vorhaben auf Eis. Diese Gefahr scheint jedoch gebannt. Hoegner zufolge hätten alle ausgeschiedenen Mitbewerber erklärt, die Prüfstelle nicht anrufen zu wollen. "Da ist uns ein Stein vom Herzen gefallen." (ba)